Kultur

Den Hintern in Bewegung setzen

Eine Talkshow im Südwestfunk. Eine toll aussehende Frau, nicht mehr jung, doch alterslos in Haltung und Ausstrahlung. Eveline Hall. Ich war beeindruckt.

"Biografien", schreibt sie im Vorwort, "sind nicht mehr so geradlinig wie früher. Wer jetzt jung ist, muss wieder und wieder aufstehen und von vorn anfangen, im Beruf, in der Liebe, in der Familie. Er muss lernen, Niederlagen anzunehmen und hinter sich zu lassen." Das ist eine Mentalität, die ich mir gerne gefallen lasse: Nüchtern, illusionslos, kämpferisch. Auch im Alter müsse man sich heute immer wieder neu erfinden, schreibt Eveline Hall: "Habt keine Angst! Vor euch liegt ein Abenteuer, das es auszukosten gilt. Ihr braucht nur den Mut, immer neue Herausforderungen anzunehmen, den Instinkt, die richtigen Gelegenheiten zu ergreifen und die Bereitschaft, mit Fleiss und Leidenschaft an die Arbeit zu gehen. Es lohnt sich."

Als Kind spielte Eveline Hall Geschichtenball, ein selbst erfundenes Spiel, bei dem sie und ihre Freundin einen Ball gegen einen Betonpfeiler warfen und dann wieder auffingen, immer wieder, und sich dabei selbst ausgedachte Geschichten erzählten. "Heute denke ich, dass alles, was ich bin, auf dieses Spiel zurückgeht, auf Geschichtenball,die unendliche Fantasie, das Immer-wieder-neu-Anfangen, das Sich-ganz-Einlassen auf eine Sache, und alles aus dem Stegreif."

Sie entdeckt das Ballett und ihre Liebe zum Tanz. Nichts anderes gab es mehr für sie. Noch während ihrer Ausbildungszeit wird sie, im Alter von sechzehn, für die Hamburger Staatsoper engagiert. Doch damit begann auch eine harte Zeit, einerseits wegen dem Neid der anderen, andrerseits, weil man sich in diesem Beruf nicht durchmogeln kann. "Man sieht genau, wie eine Tänzerin die Pirouette dreht, wie sie das Bein hebt, die Füsse setzt. Es ist sofort klar, wer etwas draufhat. Beim Ballett kannst du nicht lügen! Da kommst du nicht mit Beziehungen weiter."

In den Ferien in Cannes nimmt sie acht, neun Kilo zu, die muss sie wieder runter kriegen - ein Magengeschwür ist die Folge, sie muss pausieren, fügt sich in ihr Schicksal und merkt, dass es neben dem Tanzen noch andere Dinge gibt im Leben. Sie liebt die Beatles und die Rolling Stones und so bald sie wieder gesund ist, geht sie oft abends aus.

Das Tanzfeuer war weg. Sie kriegt ein Engagement in Las Vegas. "Ich konnte nichts von dem, was sie wollten." Später wird sie auf Fotos sehen, dass die Eveline vom Ballett und die Eveline vom Lido in Las Vegas zwei völlige verschiedene Frauen waren. "Ich hatte am Lido meinen Ehrgeiz abgeschüttelt, die verbissene Tänzerin gab es nicht mehr. Der Spass mit den Mädchen war wichtiger als alles andere."

In Las Vegas gehört sie zu den Bluebells, lernt Elvis Presley, Paul Anka, Petula Clark und viele andere kennen, Sammy Davis Jr. war für sie "fast ein Freund". Doch sie macht darum kein Aufhebens. "Und, so komisch das klingt, untereinander waren die Stars alle gleich."

In Las Vegas lernt sie auch ihren künftigen Mann kennen, der einen grossen Willen und auch ein Drogenproblem hat. Sie ziehen nach Hamburg. Jahre später zieht Eveline nach Paris und ... doch soll hier nicht das ganze Buch nacherzählt werden ...

"Ich steig aus und mach 'ne eigene Show" ist die Geschichte einer Frau, die immer wieder neu angefangen und dabei immer wieder neue Welten entdeckt hat. Eveline Hall hat sich nie unterkriegen lassen, hat viel an sich gearbeitet, viel geleistet ("Es ist bei allen Malaisen dasselbe: Wenn ich Angst habe, bald nicht mehr laufen zu können, muss ich meinen Hintern in Bewegung setzen. Deshalb trainiere ich jeden Tag ...") und ihr ist auch immer wieder, obwohl sie nicht der Norm entsprach, von wohlmeinenden Menschen eine Chance gegeben worden.

"Ich steig aus und mach 'ne eigene Show" ist ein Buch, das Mut macht.

von Hans Durrer - 28. November 2013 - Short URL https://goo.gl/lQvFS5

Kultur Biografie Musik

Ich steig aus und mach 'ne eigene Show
Eveline Hall
Hiltrud Bontrup
Kirsten Gleinig

Ich steig aus und mach 'ne eigene Show


Eden Books 2013
238 Seiten, gebunden
EAN 978-3944296180

Wenn die Literatur Leben rettet

Der Text, der weder Roman noch Memoiren sein will, ist schlicht umwerfend gut geschrieben - in einer Sprache, die dem schier unerträglichen Gewicht der Fakten standhält.

Lesen

Anwalt der Bücher

Die Memoiren des grossen deutschen Verlegers Klaus G. Saur, der unter anderem Mammut-Buchprojekte initiiert und gestemmt hat, die heute bei den Verlagen wohl vor allem Wehmut und Staunen auslösen.

Lesen

Paul Auster

Paul Auster betreibt keine Nabelschau, dafür ist er viel zu interessiert an der Welt.

Lesen

Steve Jobs ist tot, Apple lebt weiter

Carsten Knop, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen, hat die Geschichte von Apple seit 1999 verfolgt. Seine Berichte, Interviews und Reportagen, die im vorliegenden Buch versammelt sind, eröffnen in ihrer chronologischen Aneinanderreihung einen interessanten Blick auf die Höhen und Tiefen des heute wertvollsten Unternehmens der Welt.

Lesen

"Hätte ich doch nur ein kritischeres Buch geschrieben"

Rushdies Autobiografie zeigt das Gewöhnliche und Aussergewöhnliche, den Mut und die Zivilcourage, aber auch das Anpassertum und die Erbärmlichkeit der Welt, in der wir leben, differenziert, eindringlich und mit Humor.

Lesen

Korrekturen zu einer russischen Ikone

Eine neue Biografie zur Schriftstellergattin Sofja Andrejewna Tolstaja macht Schluss mit der Mär der egoistischen und geldgierigen Furie an der Seite Lew Tolstojs und entlarvt den Dichter als rücksichtslosen Egoisten.

Lesen
Kopf hoch! / Noahs Fleischwaren
Freundschaft - Buch-Kalender 2017
1966 - Das Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte
Das Komplott
Noch mal leben vor dem Tod
Eine kurze Geschichte des Mythos
Texte - Zahlen - Bilder
Königsberg
Das Mädchen aus der Fremde
"Ein freies Herz wohnt in meiner Brust …"
Kafka in Berlin
Schlangen und Drachen
by rezensionen.ch - 2001 bis 2017