Kunst

Krisenbilder in Krisenzeiten

Eugene Richards dringt mit seinen neuen Fotografien in die Privatsphären gescheiterter Existenzen ein, deren einziges offensichtliches Zeugnis die Hinterlassenschaft von Haus und Hof ist. Richards zeigt, dass der Geist dieser Menschen noch in ihren Häusern wohnt: Ihre Nachthemden hängen seit Jahren über dem Bügel, die Schuhe liegen noch verstreut auf dem Fußboden, wie eilig ausgezogen und manch angeranzte Puppe wartet immer noch vergebens auf ihre damalige Besitzerin. Neben diese Zeichen möglichen Lebens treten die unübersehbaren Hinweise der Allgegenwart des Todes. Auf dem Rücken liegende, mumifizierte Motten, verhungerte Vogelleichen vor der Kinderzimmerwand oder Tierkadaver im meterhohen Dickicht, das einstmals ein Garten gewesen sein wird. Der Verfall und Niedergang ist auf Richards Bildern allgegenwärtig.

So ist das Blättern in diesem Buch wie eine Reise in eine längst vergangene Zeit, wie ein Spaziergang durch ein Museum, voller Mystik und Faszination. Unter den Staubschichten von Jahrzehnten tritt die Ordnung einstmals sortierter Lebensentwürfe hervor, und manchmal schauen die ehemaligen Besitzer der vormals prächtigen Häuser von alten Familienfotos dem Betrachter noch in die Augen. Als wollten sie ihrer vergangenen Existenz nochmals Nachdruck verleihen. Mit diesen Aufnahmen erzählt er vordergründig von der Verletzlichkeit und Vergänglichkeit der menschlichen Existenz.

Eugene Richards konzentriert sich mit seinen Arbeiten seit jeher auf die sozialen Aspekte des amerikanischen "Way of Life". Dabei geht es dem mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Fotografen stets um Aufklärung und Information, ganz im Stile des gelernten Journalisten. Richards bringt mit seinen Bildern Licht in die dunklen Ecken der amerikanischen Gesellschaft und lässt uns dort hinzusehen, wo es schmerzhaft und bitter ist.

Aber diese Bilder sind nicht zuletzt auch die Belege einer sozialen Verarmung, von der in der aktuellen Krise alle sprechen. Sie sind die Überreste des industriellen Wandels und der damit einhergegangenen, aus dem Ruder gelaufenen Prekarisierung des Menschen. Fast meint man, in Richards Bildern einen Vorgriff auf die kilometerlangen Reihen leer stehender Einfamilienhäuser in den USA erkennen zu können. Denn ist es so unwahrscheinlich, dass die jetzt noch schneeweißen Häuser in Florida, Kalifornien oder den Ausläufern von Washington mit dem roten "For sale"-Schild im Vorgarten bald auch derart ranzig, verfallen und morsch aussehen, wie die Ruinen in Richards Band? Unwahrscheinlich keineswegs. Allein man mag es nicht hoffen, doch ausschließen kann man es derzeit noch viel weniger.

The Blue Room
Eugene Richards

The Blue Room


Phaidon 2008
168 Seiten, gebunden
EAN 978-0714848327

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