Pädagogik

Radikale Schulkritik

Drei Bücher, die mit ihrer Kritik an der Schule an Radikalität kaum zu übertreffen sind. Teilweise schießen sie allerdings auch arg über das Ziel hinaus. Obwohl alle drei nicht mehr neu sind, lohnt sich die Lektüre.

Von den Grundlügen der Pädagogik, …

Nur auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Lehrbuch. Wer jedoch den Untertitel genau liest, erkennt, dass es nicht das tausendste trockene Uni-Lehrbuch zur Einführung in die Pädagogik ist, sondern mit der Darstellung der "Grundlügen" aus der Reihe fällt.

Der Autor Freerk Huisken ist emeritierter Professor im Bereich Erziehungswissenschaft. Von der Pädagogik hält er jedoch allem Anschein nach überhaupt nichts. Sein Schreibstil erinnert sehr an den der marxistischen Zeitschrift Gegenstandpunkt, für die auch er als Autor tätig ist. Dementsprechend durchsetzt von Polemik ist sein Text - von der ersten bis zur letzten Seite, Satz für Satz. An mancherlei Stellen ist das auch lustig, beispielsweise wenn es um das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) geht und er erstmal klarstellt, dass es nicht um die mangelnde Aufmerksamkeit seitens der Lehrer für die Schüler geht. Auf die Dauer ist es jedoch übermäßig anstrengend, diesen Stil zu lesen. Diese Form passt zum Inhalt: Gegen alles und jeden feuert Huisken seine polemische Kritik. Wenn es dabei um die staatlichen Regelschule oder die Pädagogik als Wissenschaft geht, trifft er oft ins Schwarze. Bezüglich der Pädagogik sind das beispielsweise die unbegründeten Dogmen der Erziehungsbedürftigkeit und -fähigkeit, die einfach so vorausgesetzt werden. Zentral in seiner Kritik an der Schule ist ihre Funktion im Kapitalismus, Menschen zu sortieren und ihnen gesellschaftliche Plätze anhand ihrer Schulkarriere zuzuweisen, womit die Schule, gerade im gegliederten Schulwesen, zusätzliche Unterschiede oft erst herstellt.

Unzulänglichkeiten in seiner Analyse lassen sich allerdings vor allem im Kapitel "Alternativschule" erkennen. Anscheinend ist für den dogmatischen Marxisten alles, was sich innerhalb des Kapitalismus abspielt, schlichtweg "falsch". Da interessiert es wohl nicht, wie es den Kindern geht und wie sich Alternativschulen anstelle von Regelschulen auf die Psyche auswirken. Pauschal verunglimpft er dabei Freie Schulen, die ein "verlogenes Ideal der Selbstregulierung" (S. 443) hätten. Mag sein, dass sich hier Widersprüche auftun, wenn solche Schulen angeblich damit würben, wie gut sich ihre Schüler in die Regelschule integrieren könnten. Wenn er jedoch von "Klassenzimmern" (S. 444) spricht, fragt sich ein informierter Leser, ob der Autor jemals in einer Freien Schule gewesen ist. Vieles spricht dafür, dass das ganze Buch als reine Analyse vom Schreibtisch aus entstanden ist.

Leider verliert Huisken kein Wort darüber, wie Erziehung jenseits des Kapitalismus aussehen könnte. Klar, laut Titel geht es darum ja nicht. Und konstruktiv will er auch nicht sein. Entsprechend einem weit verbreiteten Glauben unter Marxisten lösen sich derartige Probleme nach der Revolution vermutlich einfach in Luft auf.

Vollkommen daneben ist die "Bindung" dieses Taschenbuches. Schon beim ersten Lesen fallen Seiten aus dem geklebten Buchrücken.

… Amokläufen …

In diesem dünneren Band erklärt Huisken, woher seiner Meinung nach die Gewalt in Schulen kommt. Zum Zeitpunkt der Publikation im Jahr 2007 waren "Rütli-Schulen, Erfurt, Emsdetten", wie es im Untertitel heißt, noch präsenter als heute. Gewalt an Schulen ist kein großes Thema mehr.

Ursache für solche Gewalt sieht Huisken in der kapitalistischen Konkurrenz. Diese erzeugt zwangsläufig immer Verlierer und sortiert sie aus. Damit bleibt vielen Jugendliche, denen der Zugang zu weiterführenden Schulen verwehrt worden ist, nur eine ohnmächtige Perspektive der Chancenlosigkeit. Dass dies auf die eigene Person gemünzt wird, liegt laut Huisken am "falschen Bewusstsein" (wie das bei Marx heißt) der Schüler wie der Gesellschaft, die das individuelle Versagen auf sich selbst beziehen und nicht auf das Schulsystem, das ja zwangsläufig Verlierer hervorbringt. In Kombination mit einem "Selbstbewusstseinskult" (S. 113), den es in der Gesellschaft gebe, Angeberei und Männlichkeitsgetue führe das schließlich oft zur Anwendung von Gewalt als kompensatorischer Handlung, um das Selbstwertgefühl zu stabilisieren. Und in speziellen Fällen zu Amokläufen wie in Emsdetten und Erfurt.

In diesem Buch lässt sich der Autor auch auf die Frage ein, was gegen Jugendgewalt getan werden könnte: Nämlich Aufklärung im Sinne des Marxismus betreiben und gegen "falschen Gedanken" (S. 160) einschreiten.

Soweit die bzw. eine marxistische Erklärung dieses Phänomens. Es ist ein Buch, das tiefer schürft als die meisten anderen Erklärungen, die mit dem Verweis auf "Killerspiele" (von denen hier übrigens auch ein Kapitel handelt) an der Oberfläche stecken bleiben. Überrascht hat hier die Kritik am "Selbstbewusstseinskult", die kaum geeignet erscheint, um solche Gewalt zu erklären. Fruchtbarer wäre hier sicher eine psychologische, gestalttherapeutische Erklärung gewesen, speziell über den Umgang mit Wut.

… und einem Klassiker

Nicht aus marxistischer Richtung und mittlerweile auch nicht mehr am Leben ist Ivan Illich, Autor der "Entschulung der Gesellschaft". Seine Kritik ist nicht minder radikal: Er fordert eine radikale Umwälzung aller Institutionen und speziell das "Disestablishment" der Schulen: Analog zur Trennung von Kirche und Staat soll das Bildungssystem vom Staat getrennt werden.

Illich führt viele Argumente gegen schulisches Lernen ins Feld, vor allem, dass Lernen unter Zwang kaum die gewünschten Ergebnisse bringt. Das bloße Vorhandensein von Schulen und der Diskurs um Schule und Bildung entmutigen und hindern die Menschen daran, das Lernen selbst in die Hand zu nehmen und es als einen Prozess zu begreifen, der vor allem außerhalb der Schule und im Alltag stattfindet. Lernen muss aus der gesellschaftlichen Kontrolle heraus und abseits von staatlich geführten Institutionen stattfinden. Die radikalste Alternative zur Schule ist für ihn ein Netzwerk, in dem jeder die Möglichkeit hat, seine Anliegen mit anderen, die das gleiche erreichen wollen bzw. sich für denselben Sachverhalt interessieren, zusammenzukommen. Diesbezüglich dürfte Illich mit dem Internet zumindest ansatzweise seine Vorstellungen umgesetzt sehen.

Mit der "Produktion der Kindheit" (S. 51) als Folge der obligatorischen Lerninstitutionen übertreibt er dagegen. Hier unterschätzt er die Macht von Diskursen - ganz abgesehen davon, dass es wenig wünschenswert wäre, diese Phase schlicht zu "streichen".

Auch wenn das Buch schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat - vieles ist immer noch aktuell und eröffnet mit der Kritik an Institutionen eine Perspektive, die sehr selten zu finden ist.

Erziehung im Kapitalismus / Über die Unregierbarkeit des Schulvolks / Entschulung der Gesellschaft
Freerk Huisken
Ivan Illich
Helmut Lindemann (Übersetzung)
Thomas Lindquist (Übersetzung)

Erziehung im Kapitalismus / Über die Unregierbarkeit des Schulvolks / Entschulung der Gesellschaft


Von den Grundlügen der Pädagogik und dem unbestreitbaren Nutzen der bürgerlichen Lehranstalten / Rütli-Schulen, Erfurt, Emsdetten usw. / Eine Streitschrift
VSA-Verlag 2013
Originalsprache: Englisch
474 / 173 / 186 Seiten, broschiert

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