Juden wehren sich
Ein Jahr nach dem Einmarsch in Polen, am 2. Oktober 1940, bauten die deutschen Besatzer in Warschau eine Mauer. Sie war drei Meter hoch, 17 Kilometer lang, mit Glasscherben und Stacheldraht überzogen. Wachtürme wurden angelegt, und die Posten gaben Acht, dass niemand zu nahe an die Absperrung herankam. Die Mauer trennte das 'arische' vom 'jüdischen' Warschau. Jeder, der sich ihr näherte, wurde verjagt - sofern er dies von der arischen Seite aus tat. Wer dasselbe Delikt auf der jüdischen Seite beging, wurde erschossen.
Vom östlichen Rand der Warschauer Altstadt bis zum Jüdischen Friedhof erstreckte sich das Ghetto: 2'500 Meter in der Länge, 1'500 Meter in der Breite. Dazwischen lebte fast eine halbe Million Menschen, ausnahmslos Juden, die aus ganz Polen in diesen Teil der Hauptstadt deportiert wurden. Die ursprünglichen Bewohner des Viertels wurden in andere Warschauer Stadtteile umgesiedelt. Im Durchschnitt teilten sich 13 Menschen ein Zimmer. Jeder Ghettobewohner erhielt eine monatliche Lebensmittelration von zwei Kilogramm Brot, dessen Hauptzutaten Kartoffelschalen und Sägemehl waren, und dazu ein halbes Pfund Zucker. Wem die Gnade zuteilwurde, in einer deutschen Fabrik arbeiten zu dürfen, erhielt als Tageslohn sechs Zloty für zehn Stunden Schufterei. Ein Kilogramm Roggenbrot kostete auf dem Schwarzmarkt zwischen 8 und 12 Zloty, ein Weißbrot 18 bis 25 Zloty; für ein Kilo Schweineschmalz mussten 250 Zloty hingelegt werden.
Viele Bewohner des Ghettos verhielten sich den Besatzern gegenüber kooperativ. Welche andere Wahl hätten sie auch gehabt? Hinzu kam, dass sich die Ghettobewohner in dem unübersichtlichen Menschengewirr vor den Übergriffen der Deutschen recht sicher fühlten. Ein sogenannter 'Judenrat' führte die Befehle der Wehrmachtsleitung aus und übernahm praktisch die Verwaltung. Für die Besatzungsmacht war ein solches Verhalten überaus hilfreich, konnte sie doch durch den gezielten Einsatz jüdischer Arbeiter ihre Rüstungsindustrie mit minimalem finanziellen Aufwand unterhalten.
Ein Leben unter solchen Bedingungen wollte Marek Edelman nicht hinnehmen. Der Mediziner musste im Ghettoalltag mit Kurt Schrempf zusammenarbeiten, der sich als Leiter des Gesamtwarschauer Gesundheitswesens mit einer Typhusepidemie herumschlug, welche ihm herzlich egal war, solange sie nicht auf den arischen Teil übergriff.
Edelman beschreibt Schrempf als „stämmig, mit riesiger Hornbrille, auf dem Tisch eine Peitsche.“ Die Besuche im Gesundheitsamt empfand Edelman als „unangenehm. Niemals wusste ich, ob ich heil und lebendig wieder rauskommen würde. Nicht nur einmal schlug man mich gleichsam beiläufig. Dass sie mich zusammenbrüllten, war normal, das machte auf mich keinen Eindruck mehr, vermeiden konnte ich es ohnehin nicht. Klopfte ich an die Tür, war es falsch, weil ich sie bei der Arbeit störte; klopfte ich nicht, war ich ein ungezogener Judenlümmel oder – je nach deren Laune – ein verfluchtes jüdisches Schwein.“
Als sich die Deutschen, nachdem sie bereits die meisten Bewohner in Vernichtungslager verfrachtet hatten, im Frühjahr 1943 an die ‚Liquidierung‘ des Ghettos machten, leisteten die verbliebenen Juden erbitterten Widerstand. Marek Edelman war einer der Anführer des Aufstands – und einer der ganz wenigen Überlebenden. Seine Erinnerungen legt der Reclam-Verlag erstmals gesammelt vor, in Form dreier kurzer Notizbücher und eines längeren Berichts, betitelt Das Ghetto kämpft. Die Historikerin Constance Paris de Bollardière hat 40 Seiten Anmerkungen, eine detaillierte Zeittafel und Kurzbiografien von 75 Akteuren hinzugefügt, was letzteren zu einer verdienten letzten Anerkennung und der Leserschaft zur besseren Orientierung verhilft.
Edelman war es wichtig, die Juden nicht nur in der Opferrolle darzustellen, die ihnen, mehr patronisierend als empathisch, auch nach der Shoah immer wieder aufgedrückt wurde. Mit der Gründung des jüdischen Staates, dem Sechstage- und dem Jom Kippur-Krieg 1967 beziehungsweise 1973 und der Reaktion auf die Massaker vom 7. Oktober ein halbes Jahrhundert später ist Israel diesem Stereotyp entwachsen. Der Aufstand im Ghetto kostete fast sämtlichen Bewohnern das Leben, aber auch 400 Deutschen, die meisten von ihnen SS-Mitglieder.
Auch Kurt Schrempf, das sei noch angemerkt, überstand den Krieg. Er durfte, völlig unbehelligt, wieder als Amtsarzt praktizieren. Zuletzt war er Kreisarzt im westfälischen Halle, wo er Mitte der 1960er-Jahre starb. Marek Edelman überlebte ihn um viereinhalb Jahrzehnte.
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