Literatur

Fata Morgana Liebe

Über zehn Jahre ließ uns der kolumbianische Nobelpreisträger darauf warten, im Oktober 2004 ist er erschienen, der neue Roman von Gabriel García Márquez. Ob er auf märchenhafte Art und Weise die prälogische Vorstellungswelt des autochtonen Lateinamerika beschwört, oder seine literarische Stimme in den Dienst seines soziopolitischen Engagements stellt und sich einem Chronisten gleich um literarische Aufarbeitung jüngster kolumbianischer Geschichte bemüht - stets weiß García Márquez seine Leser mit neuen Stoffen zu überraschen. Und diesmal? Er bleibt dieser Linie treu, auch wenn es zunächst nicht den Anschein hat…

Alter Mann und junge Geliebte - vordergründig konfrontiert er uns mit einem Thema beinahe so alt wie die Weltliteratur selbst. Er, ein Greis von 90 Jahren, ein Vertreter der schreibenden Zunft, einer jener mehr oder minder eifrig publizierenden Bohemiens, der es sich zwischen seinen Kritiken und sonntäglichen Glossen sowie verschiedenen Horten der käuflichen Liebe über die Jahrzehnte seines Lebens kommod gemacht hat. Ein Hedonist zweiflesohne. Über 500 solch "amouröser Abenteuer" weiß er sich zu rühmen und er hat in dieser Hinsicht alles gesehen. Nur eines nicht: Die wahre Liebe. Dazu bedarf es ihrer. Sie, eine junge, eine blutjunge "Hure" von nicht einmal 14 Jahren. In ihrer kindlichen Unschuld einem Engelswesen gleich, eilt Sie ihm auf seine alten Tage zu Hilfe und befreit ihn aus seiner tiefen, von Verzweiflung und Selbstzweifeln geprägten und schleichenden Schrittes dem Tode sich nähernden Einsamkeit.

Doch warum erzählt er uns das? Was ist das Besondere? Das alles macht noch lange keine außergewöhnliche Geschichte. García Márquez wäre nicht García Márquez, würde er es dabei belassen. Und in der Tat liegt das eigentliche Sujet woanders.

Der Reihe nach: Viel Zeit bleibt dem Protagonisten nicht mehr, da beschließt er, sich in der Nacht zu seinem 90. Geburtstag selbst zu beglücken und sich eine Jungfrau zum Geschenk zu machen. Schnell ist das Treffen über eine Kupplerin arrangiert, er betritt das Zimmer und schon ist es um ihn geschehen: Nackt, ihm den Rücken zugewandt und schlafend liegt sie da. Bei ihrem Anblick verspürt er, was zu verspüren er bisher nicht imstande war: Liebe. Mit einem Schlag beginnt sein Leben sich radikal zu ändern.

Ein Jahr verstreicht und fast fühlt man sich an eine Abwandlung des typisch romanesken Handlungsschemas erinnert: Die nächtlichen Zusammenkünfte, Trennungen, Widerstände, welche Unsicherheit, Eifersucht und Wahnsinn entfachen und sein Gefühlsleben auf harte Proben stellen. Am Ende schließlich - so wird es suggeriert - steht der Vereinigung der glücklich sich Liebenden nichts mehr im Wege.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Schließlich ist da jene Absonderlichkeit, die sich gleichsam einem roten Faden durch die gesamte Geschichte zieht, die für ihn das "Salz in der Suppe" seiner Liebe zu sein scheint und die uns an dieser glücklichen Fügung zweifeln lässt: Wann immer sie sich sehen, befindet sie sich in einer Art tiefen und durch nichts zu erschütternden Dauerschlaf. Sie schläft, wenn er das Zimmer betritt, und sie schläft noch immer, wenn er sie, pünktlich zum ersten Hahnenschrei, verlässt. Sie tauschen weder Blick noch Wort. Und trotzdem sollen beide glücklich sein? Das, was wirklich erzählenswert, was als Abweichung vom Erwarteten und Erwartbaren zu bezeichnen ist und was ihn - um diesen erzähltheoretischen Denkansatz weiterzuführen - zum "Helden" macht, ist seine Art, auf das ewig schlafende und schlafend ihn verzaubernde Mädchen zu reagieren. Verflogen sind seine fleischlichen Gelüste, verflogen ist sein Verlangen, sie ihrer weiblichen Unschuld zu berauben. Allein sie zu betrachten und mit ihr - ihrem an Schlafsucht erinnernden Zustand zum Trotz und zugleich von diesem inspiriert - zusammen zu sein, machen ihn zum scheinbar glücklichsten Mann der Welt…

Es geht hier nicht um die Geschichte eines alten Mannes, der sein spätes Glück bei einer jungen Frau bzw. bei einer mädchenhaften Liebesdienerin findet. Nicht einmal deren - vorsichtig ausgedrückt - jugendliches Alter wird auf irgendeine Art und Weise als problematisch thematisiert. Vielmehr wird das Motiv der jungen Hure, die den alten Mann Kraft ihrer Künste seiner Sinne beraubt und ihn im Spätherbst seines Lebens zu neuerlicher Blüte verhilft, im wahrsten Sinne des Wortes ad absurdum geführt. Schlafend, inaktiv, regelrecht bewusstlos - befremdlicher könnten die Attribute einer die Männer "in den Wahnsinn treibenden Hure", könnte der Stoff, aus dem die Träume des alten, nach sexuellen Ausschweifungen suchenden Mannes gemacht sind, wahrlich kaum sein. Daran, dass es sich bei ihm um einen tragischen Helden, einen Helden von durchaus "trauriger Gestalt" handelt, besteht kein Zweifel. Zu welchen Höhenflügen er auch ansetzt, stets ist man sich als Leser der Gefahr bewusst, der er sich im treuen Glauben an die neu entdeckte und das ganze Gerüst seines bisherigen Lebens ins Wanken bringende Liebe aussetzt. Einer Seifenblase gleich droht sein Traum in jenem Moment zu platzen, in dem sie ein erstes Mal ihre Augen öffnen wird. Derart die Zeichen der Wirklichkeit verkennend, kann eine solche Konfrontation mit der Realität nur einen tiefen und unaufhaltsamen Fall bedeuten.

Was bleibt, ist eine bizarre, eine im Grunde genommen schier unglaubliche Geschichte. Da ist das Mädchen, das immer schläft. Da ist der Alte, der, ohne je ein Wort von ihren Lippen vernommen zu haben, Dialoge mit ihr zu führen glaubt, die alles sagen und jedes weitere Wort überflüssig machen. Und überhaupt: Wer bürgt für die Wahrheit dieser Geschichte? Ein Verrückter, der uns als Ich-Erzähler nächtliche Treffen und schlafend empfangene Küsse glauben machen will, der jedoch im Gegenzug selbst immer wieder verschiedene Beweise und Anhaltspunkte bedarf, um sich der realen Existenz seiner Geliebten zu versichern?

"Das arme Geschöpf ist ganz närrisch vor Liebe zu dir". Selbst wenn man seinen Ausführungen Glauben schenkt, diese Worte der Bordell-Besitzerin sind alles andere als dazu angetan, den beiden Protagonisten eine glückliche gemeinsame Zukunft zu prophezeien. Erwidert die Kleine tatsächlich seine Liebe, ohne ihn ein einziges Mal gesehen und erlebt zu haben? Oder handelt seine alte Weggefährtin aus Mitleid und macht sich - beinahe einem Sancho Panza gleich - wider besseren Wissens zur Komplizin der Phantasterei des die Zeichen der äußeren Wirklichkeit verkennenden Alten? Bestärkt sie ihn in seinem Irrglauben, allein, um ihn vor schmerzvoller Blöße zu bewahren? Auch in dieser Hinsicht ist alles offen und die Dinge liegen mitunter anders, als der Erzähler uns glauben lassen will.

Es bleibt eine Geschichte, die trotz aller Euphorie und Lebensfreude, die der Alte plötzlich erfährt, alles andere ist, als ein Lobgesang auf das Alter oder jenen berüchtigten späten zweiten Frühling. Vielmehr handelt es sich um eine zutiefst melancholische Geschichte, eine Geschichte von Sehnsucht und Einsamkeit, eine Geschichte vom verzweifelten und zum Scheitern verurteilten Versuch, die verpassten Gelegenheiten eines langen Lebens aufzuholen. Ein eindrucksvolles Plädoyer für die Liebe, deren Kraft paradoxerweise gerade dadurch beschworen wird, dass ihre Existenz bzw. ihr Zustandekommen wenn nicht verneint, so doch zumindest stark in Frage gestellt wird. Einer Fata Morgana gleich verlieren sich ihre Spuren in der Wüste der Erinnerung eines alten und mitunter an Realitätsverlust leidenden Mannes.

Das Befremden und die Unsicherheit, die das Erzählte beim Leser bisweilen hervorruft, die Ambivalenz der Geschehnisse und die Leichtigkeit einer zutiefst poetischen Sprache, all das macht die Geschichte zu einem äußerst kurzweiligen und sehr lesenswerten Ereignis. Nach seinem nicht unumstrittenen Ausflug in die Welt der Autobiographie hat der Romancier García Márquez die Erwartungen seiner Leser wieder einmal mehr als erfüllt.

Erinnerung an meine traurigen Huren
Gabriel García Márquez

Erinnerung an meine traurigen Huren


Kiepenheuer & Witsch 2004
159 Seiten, gebunden
EAN 978-3462034523
aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz

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