Kultur

Ein Außenseiter damals und heute

Gibt es für einen Anarchisten etwas Schöneres als eine Insel, die er mit lauter Gleichgesinnten bewohnt? Ja, denn eine solche Insel kann es nicht geben, und sie kann nicht von gleichgesinnten Anarchisten bewohnt werden. Die Insel: Das ist die Haftanstalt Niederschönenfeld, gleich an der Donau. Hier sitzen nach der fehlgeschlagenen Revolution von 1918/19 in Bayern die Räterepublikaner ein, die Standgerichte und willkürliche Erschießungen überlebt haben. Der Dramatiker und Befehlshaber der revolutionären Bayerischen Roten Armee, Erich Toller, ist unter ihnen; ebenso Ernst Niekisch, der Vorsitzende des revolutionären Münchner Zentralrats der Arbeiter und Soldaten, und natürlich Erich Mühsam. Mühsam war Anarchist, auch auf ihn trifft das Attribut 'revolutionär' zu, er war ein Mann des Wortes, sogar auch der Tat. Aber nicht der Ämter.

Einmal hatte er sich um eines beworben, und das ging laut Niekischs Schilderung ganz lustig vor sich an jenem 6. April - dem Tag, als sich das fortschrittliche Bayern erstmals eine Räterepublik gab: "Zuerst wurde das Amt des Volksbeauftragten für das Auswärtige ausgerufen. Erich Mühsam stand auf, wies auf den guten Namen hin, den er im Ausland genieße, unterstrich die engen Beziehungen, die er zeitlebens zur Linken unterhalten habe, und empfahl schließlich sich selbst für den Posten. Die meisten Hörer schmunzelten bei Mühsams Rede. Er war ein sprudelnder, witziger Geist, ein guter Mensch, aber so ausgesprochen literarischer Bohemien, dass sich niemand ihn in einer würdigen Amtsposition vorstellen konnte."

Am Ende schlug Toller einen Doktor Franz Lipp vor, den niemand kannte. Dessen erste Amtshandlung war eine Depesche mit Zitaten aus Kants Vom ewigen Frieden ausgerechnet an den Papst in Rom, und Toller musste betrübt feststellen: "Zweifellos, Lipp ist wahnsinnig geworden. Wir beschließen, ihn sofort in eine Heilanstalt zu überführen." Lipp hatte das Kunststück fertiggebracht, mit einer noch kürzeren Amtszeit als die eine Woche währende erste Bayerische Räterepublik in die Geschichtsbücher einzugehen. Da wäre Mühsam doch die bessere Wahl gewesen.

Mühsams Problem, so Chris Hirte in seiner Biografie, bestand darin, dass jeder ihn schätzte, aber niemand ihm etwas zutraute. Das lag auch an Mühsam selber: "Er vertraute einzig auf die Stimme seines Herzens und war fortwährend in unauflösliche Widersprüche verwickelt, die ihn vorwärtstrieben zu neuen Überlegungen, neuen Experimenten und neuen Irrtümern im Dienst einer Sache, die die seine wie die der ganzen Menschheit war." Da konnte keiner mithalten. Schon gar nicht mit der Ehrlichkeit und Kompromisslosigkeit, mit der Mühsam seine Überzeugungen lebte.

Als Sprachrohr diente dem von der Schauspielerin Tilla Durieux als "Literat und Antilitarat" Charakterisierten seine Zeitschrift Kain. Dem Brudertöter fühlte sich Mühsam enger verbunden als Abel, den er schlicht für einen aalglatten Typen hielt. Mühsams Herz war so groß, dass neben klassisch Benachteiligten wie Kain auch das gesamte Münchner Subproletariat hineinpasste, dessen häufig einziger Anwalt er selbst in Zeiten der linken Räterepublik war. Heute würde einer wie Mühsam sich des Hartz IV-Leistungen beziehenden Prekariats annehmen und sich als dessen Fürsprecher zwischen alle sozialmarktwirtschaftlichen Stühle setzen.

Gleich zu Beginn stellt Hirte die zentrale Frage: Wer war Erich Mühsam? Der Autor mag sie nicht beantworten, aus gutem Grund: "Die Vielzahl der möglichen Antworten - Anarchist, Bürgerschreck, Bohemien, Dichter, Publizist, Agitationsredner, Revolutionär und andere - erweist die Untauglichkeit solcher Etikettierungen; auch ihre Summierung kommt dem 'Phänomen' Mühsam nicht auf die Spur."

333 lesenswerte Seiten später lässt sich das Phänomen immer noch nicht recht greifen. Muss es auch nicht: Bleibt nach der Lektüre doch ein schönes Bild von dem zurück, das vor hundert Jahren den Außenseiter ausmachte und ihn heute immer noch auszeichnen würde. Der Querdenker, der sich nie unter-, aber durchaus einordnen mochte (denn er gab sich Mühe), war halt doch eine Nummer zu mühsam für jede Gesellschaft. Sogar für jene exklusive zu Beginn der 1920er Jahre in der Haftanstalt Niederschönenfeld: Selbst dort forderte Mühsam den Widerstand derjenigen heraus, deren Gemeinschaft er suchte, deren Führer er nicht sein mochte, wohl aber deren Wortführer.

So zutreffend das Bild ist, das Hirte zeichnet - in einem fällt es dem Autor in seiner Einschätzung Mühsams 75 Jahre nach dessen gewaltsamen Ende (durch bayerische Nazischergen im Konzentrationslager Oranienburg) schwer zu folgen: "Der Name ist allbekannt." Nicht von ungefähr erscheint die Biografie im Ahriman-Verlag, dessen Programm laut Eigenwerbung die Wiederkehr des Verdrängten ist. Selbst innerhalb der ehrwürdigen Mauern seiner alten Heimatstadt Lübeck bleibt Mühsam hinter Schriftstellern wie Heinrich und vor allem Thomas Mann allenfalls die Kainsrolle. Dabei hat Thomas Mann den Erich Mühsam durchaus geschätzt.

Erich Mühsam
Chris Hirte
Stephan Kindynos (Hrsg.)

Erich Mühsam


Eine Biographie
Ahriman 2009
344 Seiten, broschiert
EAN 978-3894845704

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