Zum Inhalt springen
rezensionen.ch

Dorothea Grünzweig: Erfasst von dieser Nachtverwandlung Oben im Licht

20. April 2026
von Thorsten Paprotny

Finnlands Licht spiegelt sich in den sensiblen und feinnervigen Dichtungen Dorothea Grünzweigs, in den berückenden Farben, auch in der leisen Musik der Natur, die ahnungsvoll und sprachmächtig erscheint. Die Poetin beschreibt Gesichter des Lebens, in doppeltem Sinn verdichtet, Gestalten, die zwischen Tag und Nacht sich bewegen. Der Band ist zugeeignet dem „jemand“, der zu einem Weggefährten auf Zeit wurde, ehe er sich „in der nacht verlor“.

Manche Schönheit dieser Welt wird, wie „streusternwiesen“, im Sommer nicht gesehen, und so besteht auch der „lichte sommer der dunkelheit“, auf gewisse Weise einem Rätsel gleich, das seinen Reiz und Zauber besitzt, aber nicht die so oft ersehnte Geborgenheit schenkt. Die Poetin bedenkt die „machtvolle wuchskraft der sprache“, sie gibt ihr weiten Raum, lässt sie erscheinen in der Weite Finnlands, berührt also von der herben Schönheit Skandinaviens. Doch von dieser Schönheit lässt sich erzählen, sie gleicht einem Kosmos, einem nordischen Zauberland, dem nichts Märchenhaftes zu eigen ist. Es ist jenseits aller Verklärung, und sie denkt an die Libelllen, die „ihre lebensmission“ vollenden, nach der Zeugung zu Tode kommen. In der Naturwahrnehmung bestehen Täuschungen, Illusionen, so auch in all den Gedanken, die wir über Mitmenschen hegen, selbst über die Sphäre der Engel. Grünzweig spricht vom „stillenden Himmel“, von Engeln, die sie verbindet, gedanklich und poetisch, mit wilden Tieren, erst recht mit den zahmen Wesen, mit Tieren, die nicht gezähmt werden müssen und doch zutraulich sind, wenn sie vereinsamte Menschen von der „last des zukunftsdenkens“ befreien, buchstäblich erlösen. Warum, so fragt der Leser, beschwert uns der Gedanke an die Zukunft? Eine „nach erde riechende dankbarkeit“, die auch die „sterblichkeit einschließt“, schenkt Glücksmomente. Wer nichts versäumen möchte, der versäumt sich selbst, und wer nur auf die Zukunft baut, der bindet sich an bloße Möglichkeiten, nicht an die Wirklichkeit, verschwindet in Plänen, Absichten und Zielen, die luftig anmuten, irisierend leuchten können und dann doch, möglicherweise, zu nichts zerfallen. Die Dichterin weiß, dass „dankbarkeit“ und „sterblichkeit“ einander nicht ausschließen.

Die Leser spüren, dass sie dankbar sein können, sein dürfen, für ihr Dasein auf dieser unbegreiflich wunderbaren Welt, auch in aller Fragilität ihrer Existenzweisen. Manchmal gelingt es, die „nachtdurchhauchten friedenstauben“ zu sehen, die „mit dichtverwobenen Flügeln“ gar die „himmelskuppel“ bilden – ein dichtes Grau also –, und die „behutsame dunkelheit“ der Baumwipfel stiftet Trost, Hoffnung, Güte, gegen das „prunkende lärmende immer machbare licht“. Dorothea Grünzweig steht mit ihren Gedichten gegen die Welt der Machbarkeit, der Kontrolle, des Zwangs. Die Poesie weiß sanft zu entfesseln, verleiht Schwingen, zeigt einen offenen Himmel, der ganz anders ist als erwartet – und auch nur ganz anders sein kann. Von der kalten Dogmatik säkularer Selbstverwirklichung weiß die Dichterin nichts, ebenso wenig von den Lehren eines herzlosen Existenzialismus, der sagt, der Mensch sei nur, was er aus sich selbst mache – im Gegenteil, der Mensch ist, darf sein, darf leben und darf lieben. Machen muss er nichts, manchmal jedoch „leiden“ – könnte darauf, „wie es in alten schriften heißt“, auch „ein segen“ liegen? Es bleibt ein Geheimnis in der großen Weite, die über diese Welt hinausreicht und gegenwärtig wird, wenn jemand „mit vielsagendem lächeln“ sagt, dass die „heimat der seele“ doch „oben im licht“ liege. Die „schwebende sprache“ reicht höher hinauf, und das „menschliche ermessen“ ist nicht der Maßstab aller Dinge, die da sind und die da nicht sind, allen Philosophenmeinungen zum Trotz, auf die es im Letzten und wahrscheinlich auch zuvor nicht ankommt.

Die „verheerten kindheitswälder“ bleiben unvergesslich, in der Erinnerung verbleibt „angeschossenes wild“. Auch Riesen, Bäume vielleicht, sterben, „ohne notwehr als stille lämmer“. Der Vergänglichkeit kann niemand entrinnen – oder doch? Die Hoffnung muss nicht sterben, nicht mal zuletzt, solange „im nebenraum“ einer Kathedrale eine „fremde violinistin“ die „saiten unserer geigen“ spannt und wider alles Erwarten ein „säuseln“ beginnt, sogar ein Jubilieren, wenn auch „verhauchend leis“, doch „da flammt der funke auf“. Dorothea Grünzweig schreibt ernste, auch verheißungsvolle Gedichte, die nicht ohne Hoffnung sind und manche Leserin, manchen Leser vielleicht in einer erdnahen, zugleich himmelsoffenen Heiterkeit dazu bewegen, verborgen vor der Welt „kuhloblieder“ zu singen oder auch nur zu summen. Diese Gedichte zeigen, welch wunderbares, weites Land die Poesie ist.

Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny

Buchcover von Erfasst von dieser Nachtverwandlung
Dorothea Grünzweig
Erfasst von dieser Nachtverwandlung
Gedichte
152 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-83536088-4
Wallstein 2026