Paul Ingendaay: Entscheidung in Spanien

Leere Bühne für einen abwesenden Gott

Wie viele Bücher habe ich über den Spanischen Bürgerkrieg gelesen: Fünf? Zehn? Es werden eher 20 gewesen sein. Knapp sechzig sind im Literaturportal Perlentaucher allein unter deutschen Titeln aufgeführt – ein hinlänglich behandeltes Sujet. Umso schwieriger für einen Autor, wenn schon keine neuen Fakten, so doch wenigstens ein paar bislang kaum beachtete Details zutage zu fördern, lange vernachlässigte Zusammenhänge herzustellen oder den einen oder anderen ungewöhnlichen Blickwinkel einzunehmen.

Rechtzeitig zum 90. Jahrestag hat das Schwergewicht unter den deutschen Geschichtsverlagen, C. H. Beck, standesgemäß ein weiteres Buch zum Thema herausgebracht. Es trägt den belanglosen Titel Entscheidung in Spanien. Nicht minder kontraproduktiv, da irreführend, wirkt der Untertitel: Der große Kampf der Literatur 1936 bis 1939. Doch allem negativen Anschein zum Trotz ist Paul Ingendaays Neuerscheinung kein Fehlschlag. Im Gegenteil!

Blicken wir noch einmal kurz zurück auf die Rezeptionshistorie. Der beste Bericht zum Spaniendrama, an das sich fast unmittelbar der Zweite Weltkrieg anschloss, ist für mich Geschichte in Augenzeugenberichten: Der spanische Bürgerkrieg, bereits 1967 von Hans-Christian Kirsch herausgegeben. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, im Sommerurlaub 1988 im ostungarischen Miskolc, war ich so erschüttert über die geschilderten Grausamkeiten, dass ich gefühlt noch zwei Stunden sitzenblieb, ohne etwas zu konsumieren. Zuvor hatte ich bereits Hans Magnus Enzensbergers Durruti oder Der kurze Sommer der Anarchie gelesen, einen Roman, und kurz darauf dann George Orwells autobiografische Homage to Catalonia; letztere beiden Werke neben  Ilsa Barea-Kulcsar Telefónica, das beide Genres vereint, an Belletristik meiner Meinung nach das beste je zum Thema Publizierte. Und nun Paul Ingendaay

Was der langjährige Spanienkorrespondent der FAZ zu Papier gebracht hat, ist schlichtweg großartig. Zur besseren Einordnung des sehr komplexen Sachverhalts unterteilt er das Geschehen in viele kleine Kapitel, wechselt immer wieder die Perspektive und schafft es trotz der gebotenen Knappheit (300 Seiten sind nicht viel für so viel Inhalt) sehr in die Tiefe zu gehen.

Beispiel gefällig? Ingendaay schildert den Versuch der Regierungstruppen, den von rechten Rebellen besetzten Alcázar in Toledo zurückzuerobern. Die Aufrührer verteidigen die Festung heroisch, sie überleben eine Sprengung von fünf Tonnen TNT. Um nicht zu verhungern, müssen die Belagerten ihre eigenen Pferde verzehren. Am Ende lohnt sich der Kampf, sie werden von den Truppen des Sezessionistengenerals Francisco Franco entsetzt.

Entsetzlich ist, wie sich die neuen Machthaber in Toledo gerieren. Ganz bewusst nehmen sie sich zivile Einrichtungen vor, darunter ein Krankenhaus, in dem verwundete Kämpfer für die Regierung liegen: „Die Angreifer werfen Handgranaten in die Krankenzimmer und töten mehr als 200 Mann. Was sich noch rührt, wird mit Bajonetten niedergemacht. Mehr als zwanzig schwangere Frauen werden aus dem Entbindungsheim gezerrt, auf einen LKW gepackt und auf dem Friedhof erschossen. In den Straßen liegen enthauptete Leichen. Die Grausamkeiten sind so fürchterlich, dass fliehende Männer und Frauen in der Altstadt Toledos Selbstmord begehen, um dem Tod durch die marokkanischen Kolonialtruppen [Francos Eliteeinheit] zu entgehen. Rund 800 Menschen landen in einem Massengrab."

Klar, Ingendaays Sympathien gehören den Verteidigern. Wer die Schuld am Konflikt trug, wer die Guten, wer die Bösen waren; darüber herrscht unter Historikern (es war einmal anders, gerade in der deutschen Zunft) längst kein Zweifel mehr. Doch liegen des Autors Vorzüge auch in der Analyse; etwa der Stärken Francos, dem zunächst scheinbar ewig Abwartenden, ja sogar Zaudernden, stets bereitwillig die Rolle des Unterschätzten Einnehmenden, andererseits beim Ausdemwegräumen eigentlich mächtigerer Konkurrenz in den eigenen Reihen kalt Entschlossenen und nicht zuletzt klug Netzwerkenden, was den Putschisten die kriegsentscheidende Unterstützung der faschistischen Mächte Italien und vor allem Deutschland einbringt.

Ingendaay bringt es auf den Punkt. Wenn er Francos mit Glück gepaartes Geschick in Sätze formt wie: „Praktischerweise haben mehrere seiner Konkurrenten – die Generäle Sanjurjo und Mola, der Faschistenführer José Antonio – die Neigung, gerade dann zu sterben, wenn es für Franco passt", schafft Ingendaay selber ein Stück Literatur. Und in aller Kürze, fast schon beiläufig, gelingt es ihm, „das Geheimnis von Francos Erfolg" zu lüften: „weil er zugleich schlau und willensstark ist, sich nur auf das beschränkt, was er kann und einen genialen Sinn für Timing besitzt. Für die Chance, die nur einmal kommt."

Der Spanische Bürgerkrieg, auch hier liegt Ingendaay in der Bewertung richtig, war der erste Krieg, der in den modernen Medien stattfand. Dafür sorgten die vielen ausländischen Teilnehmer, die als Journalisten berichteten (wie Ernest Hemingway) oder sogar selber kämpften – etwa, siehe oben, George Orwell oder Ilsa Barea in den Internationalen Brigaden auf Seiten der demokratischen Regierung – oder auch berühmte Kriegsreporter wie Robert Capa und Gerda Taro.

Zwei ungleich weniger bekannte deutsche Kollegen, die Fotografen Hans Namuth und Georg Reisner, machten „herzzerreißende Aufnahmen von einer ärmlich gekleideten Frau mit drei kleinen Kindern, die einsam in einer leeren Landschaft am Bahndamm steht, eine Familie ohne Mann, der womöglich gestorben ist oder sich irgendwo im Gefecht befindet. Die Bahngleise durchschneiden das Bild, aber führen nirgendwo hin. Die vier Figuren auf dem Bild sind Flüchtlinge, und die Landschaft, die sie durchqueren, ist die leere Bühne für einen abwesenden Gott."

Schöner kann man kaum formulieren. Ingendaay produziert ganz großes Kino im Kopf. Ihm ist der Einzug in den Olymp der Spanienliteratur gelungen, mit dem aus meiner Sicht seit Kirsch besten Sachbuch über den Spanischen Bürgerkrieg. Selbst wenn man (was sich rasch geben wird) im Thema noch nicht bewandert ist: unbedingt lesen!

Entscheidung in Spanien
Entscheidung in Spanien
Der große Kampf der Literatur
352 Seiten, gebunden
C.H.Beck 2026
EAN 978-3406843631

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