Eine Wiese für alle

Ein Schaf in Not

Kinderaugen staunen noch immer über die Schönheit der Welt. Aufmerksam entdecken kleine Kinder, deren Blicke unverstellt – also nicht oder noch nicht von den didaktischen Methoden der Bildungs- und Erziehungsanstalten verformt – sind, das Wunder des Lebens, einfach so. Ohne analytische Instrumente kreuzt ein farbiger Käfer den Weg des Kindes, das gerade Laufen gelernt hat. Es sieht hin und sagt: "Guck mal da!" Augenblicke wie diese schenken auch Erwachsenen Hoffnung. Ganz anders könnte die Welt, in der wir leben, doch sein. Oder nicht? Tag für Tag bezeugen wir die Wirklichkeit des Krieges in der Ukraine und nehmen lange Zeit Unvorstellbares wahr, zu dem wir Theorien bilden können, ohne dass wir das grausame Geschehen erklären oder beenden könnten. Wer den Furor dieses Krieges verfolgt, mag sich auch an den aus dem gegenwärtigen Bewusstsein und den Medien anscheinend verdrängten Bürgerkrieg in Syrien denken und an die Not der Menschen dort. Hans-Christian Schmidt hat mit seinem Kinderbuch über Schafe eine symbolische Erzählung über Menschen auf der Flucht verfasst und wirbt um Mitgefühl und Sympathie, getragen von der Hoffnung auf eine bessere Welt.

"Stell dir vor, du bist ein Schaf", schreibt Schmidt. "Ein großes oder ein kleines. Mit kurzem Fell oder mit langem. Ganz egal." Ja, denkt sich der Leser, wir orientieren uns an Äußerlichkeiten oder an bestimmten Eigenschaften. Doch ein Schaf ist ein Schaf, ob groß oder klein, so wie ein Mensch auch ein Mensch ist, unabhängig von Geschlecht, Alter, Größe oder Hautfarbe. Dieses "ganz egal" sagt alles über das, worauf es nicht ankommt. Schafe leben in Herden, Menschen in Gesellschaften. Über diese lässt sich soziologisch nachdenken, beispielsweise mit Michel Foucault, etwa über die Diskurse über Schafe oder unter Schafen. Genauso gut lässt sich auf all dies verzichten. Manche Schafe haben es gut. Sie leben auf einer "grünen und saftigen Wiese". Es geht ihnen gut, trotzdem – so können wir denken – haben immer wieder einige zu meckern. Das Schaf von Welt hat viele Meinungen. Manchmal erzählt es auch böse Schafgeschichten über andere Schafe. Der Autor aber richtet seinen Blick auf das Gute. Er spricht zu Kindern und zeigt ihnen das, was wesentlich ist: "Ihr versteht euch gut und habt genug zu fressen." Ein wenig erscheint diese Welt der Schafe wie ein Idyll – ohne Ehrgeiz, Konkurrenz und Leistungsbewusstsein. Die Schafe dürfen sich also über ihr Leben als Schaf einfach nur freuen, ein wenig Gras fressen und auf grünen Wiesen froh leben. Hier lässt es sich also gut Schaf unter Schafen sein.

Eines Tages sehen die Schafe ein anderes, ja ein fremdes Schaf, dem es nicht so gut geht. Es sitzt in einem Boot, das es mühsam über Wasser hält – und sein Fell ist dunkler. Das Boot droht zu sinken. Die anderen Schafe wundern sich, warum dieses dunkle Schaf sich einem solchen Risiko ausgesetzt hat. Das dunkle Schaf ist auf der Flucht. Es musste schnell fliehen, also bestieg es das einzige Boot, das am Ufer war und fuhr los. Ist das fremde Schaf ein Bandit oder Verbrecher? In der Welt der Schafe, die genug zu fressen haben, herrschen Vorurteile. Das fremde Schaf berichtet über die Wolfswelt, über Gestalten, die alle Schafe überfallen und fressen – und das ist auch seiner Familie widerfahren. Nur ein Schaf hat überlebt. Die anderen Schafe möchten helfen, doch nur von ferne. Sie haben gute Absichten und sind doch besorgt. Zwar sehen sie die Not des geflüchteten Schafs, doch die Vorbehalte sind auch präsent. Wissen wir wirklich, wer als Flüchtling zu uns kommt? Den Schafen ergeht es nicht anders. Sie möchten sich schützen. Eines sagt: "Nachher bist du ein Wolf, der sich nur als Schaf verkleidet hat." Das in Not geratene Schaf weiß: "Ich bin ein Schaf …" Das würde man doch sehen. Doch die Schafwelt bleibt skeptisch. Es gebe keinen Platz mehr für fremde Schafe, das Gras reiche nicht für alle. Vielleicht sei das fremde Schaf doch eine Bedrohung. Die Schafe äußern Mitleid. Das fremde Schaf droht zu ertrinken. Die Schafe verschließen die Augen. Der Leser kann sich das nicht vorstellen. Oder doch? Ist diese Welt so mitleidlos? Bin ich selbst nicht bereit, ein solches Schaf zu retten? Es droht zu ertrinken. Die anderen Schafe schauen zu. Der Autor fragt: "Du willst das fremde Schaf nicht untergehen lassen?" Ganz unerwartet bekommt das Schaf in Not Hilfe, von einem Schaf, das ein gutes Herz hat – und wer könnte das sein? Vielleicht der Leser selbst? "Schaut, hier ist doch Platz für alle. Und Gras ist auch genügend da. Also sei willkommen, liebes Schaf!" 

Das fremde Schaf ist ein Schaf in Not und zugleich ein Schaf wie jedes andere auch – und wir dürfen es nicht nur gernhaben, sondern auch gern bei uns haben. Wir alle, ob Jung oder Alt, hadern oft mit dieser Welt und verschließen unsere Herzen. Auch ich weiß nicht, warum das so ist – und Ihnen wird es vielleicht auch so gehen. Dieses Buch ist zum Anschauen und Vorlesen gedacht, es macht nachdenklich und regt an. Die ganze Welt und alle Schafe können wir nicht retten, das stimmt und macht uns auch traurig. Doch eines sollten wir nicht vergessen: Manchmal können wir vielleicht einem einzigen verlorenen, fremden Schaf Gutes tun. Ein Kind würde das Schaf sehen und sagen: "Guck mal da!" Auch im Sinne von: Können wir dem armen Schaf nicht helfen? Ich hoffe, Sie und ich, sagen dann nicht: "Guck doch mal woandershin!" Wenn wir blind und taub für die Not der anderen werden, wird diese Welt weiterhin traurig aussehen. Das Schaf in Not braucht weder unsere Theorien noch unsere Schlauheit. Es bettelt um Hilfe. Nehmen wir es bei uns auf? Darf es sich unter uns ganz wie zu Hause fühlen? Diese Frage spüren wir als Leserinnen und Leser dieses auch liebevoll illustrierten Kinderbuches. Wie antworten wir darauf?

Eine Wiese für alle
Andreas Német (Illustration)
Eine Wiese für alle
40 Seiten, gebunden
EAN 978-3954702428

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