Ein Seelsorger im Todestrakt
Der Gefängnispastor Jim Brazzil hat dem Tod ins Gesicht gesehen, besser gesagt: Er hat Menschen ins Gesicht gesehen, die zum Tod verurteilt waren und die er vor der Hinrichtung begleitet hat. Für Außenstehende ist dies ein nahezu unvorstellbarer, auch unerträglicher Beruf. Wie kann ein Seelsorger hier als geistlicher Begleiter wirken, wie lässt sich dies aushalten? Von einem Mann in außergewöhnlichen Situationen berichtet Carina Bergfeldt anschaulich und einfühlsam.
Das Gebäude, in dem Hinrichtungen stattfinden, heißt Sterbehaus. Von der Gefängnisleitung werden Brazzil die Abläufe erklärt. Auch die Vorgeschichte des Todestrakts wird neu gegenwärtig, mitten in Texas. Sein „Job“ würde darin bestehen, die Häftlinge so auf den Tod vorzubereiten, dass sie vom Staat „in möglichst schonungsvoller Weise“ hingerichtet werden könnten. In jedem Gefängnis, so sagt der Direktor der Einrichtung, werde ein Pastor dringend benötigt, offensichtlich auch nicht nur von den Inhaftierten. Mit dem Pastor wollen viele Gefängnisinsassen reden. Doch was soll er sagen? Wer in einem Gefängnis mit Todestrakt arbeitet, wird mit dem Tod vertraut. Das ist unvermeidlich. Brazzil fragt sich: „Ich weiß, nicht, wie ich es erklären soll, dass heute der letzte Tag im Leben dieses Mannes war, dass sein Leben schon bald vorbei sein und meines sich verändern würde, setzte mir heftig zu. Was sollte ich zu ihm sagen? Wie redet man mit jemandem, der auf dem Weg zu seiner eigenen Hinrichtung ist?“ Der Gefängnispastor wird lernen müssen, was er eigentlich nicht lernen möchte. Die Kandidaten werden gut behandelt, so gut, wie sie es zulassen, freundlich, respektvoll: „Die simple Wahrheit dahinter lautete, je ruhiger die Häftlinge, desto leichter der Umgang mit ihnen. Deshalb bekamen sie immer ihre Zigaretten.“ Auch wer als Mitarbeiter die Todesstrafe ablehnt, muss sich hier mit ihr abfinden. Der Pastor selbst ist weder Gegner der Todesstrafe noch Fürsprecher. Er berichtet auch, dass viele Häftlinge sterben möchten. Sie ziehen die Hinrichtungszelle einer „engen Zelle ohne Klimaanlage“ vor. Jim Brazzil schildert seine Aufgabe als „schwere Last“: „Selbst der Scharfrichter da drinnen hat seinen Gehilfen, einen Assistenten, falls etwas schiefgehen sollte. Aber ich habe niemanden. Sie schauen mir in die Augen, gestehen Übergriffe an Kindern, Vergewaltigungen und Morde, und ich darf mit niemandem darüber sprechen.“
Pastor Brazzil hat zahlreiche Häftlinge begleitet und sich möglicherweise oft selbst mehr Begleitung gewünscht. Er berichtet von Situationen, für die sich kaum Worte finden lassen, etwa wenn Todeskandidaten kurz vor der Hinrichtung noch Besuch empfangen oder die anderen Häftlinge „Dead Man walking“ rufen, wenn der Verurteilte zum Sterbehaus geführt wird: „Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Es war absolut still. Das Einzige, was man hörte, war die Kette, die über den Boden schleifte.“ Zahlreiche schwer erträgliche Szenen werden beschrieben. Gleichsam summarisch sagt Brazzil dazu: „Das Erstaunliche am Hinrichtungsprozess ist letztlich, zu sehen, wie zerbrechlich wir einerseits sind und wie widerstandsfähig andererseits.“
Dieses Buch über Hinrichtungen und den seelsorglichen Begleiter der Verurteilten macht sprachlos, berührt, bewegt. Bei der Lektüre werden interessierte Leser oft Pausen benötigen. Die Bilder des Grauens – und ob die Todesstrafe selbst das Grauen an sich ist, sei dahingestellt, denn ethische Fragen werden nicht erörtert – zeigen, wozu Menschen imstande sind, wozu sie verurteilt werden und wie sie sterben müssen. Carina Bergfeldt hat ein wichtiges Buch vorgelegt, das Beachtung verdient. Die Lektüre kostet Kraft. Doch auch der Weg durch den Todestrakt, den sie beschreibt, ist mitnichten ein Sonntagsspaziergang. Sichtbar werden hier die Abgründe menschlicher Existenz.
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