"Für mich bist du ein Held!"
2025: Die ungefilterte, melanomische Macht der Sonne, globale Erwärmung, Menschen tragen Masken, die Mucosa-Grippe grassiert, Wälder sind geplündert, die Umwelt mit Kuppeln überdacht, Tiere gibt es nur mehr in Reservaten. Das Endzeitpanorama, das T. C. Boyle kurz vor der Millenniumswende zu Ende schrieb, spielt im Jahr 2025 und in Rückblicken auf 1989, als eine Handvoll Radikaler eine Art Guerillakrieg gegen die Konzerne führte, um die Erde zu retten: Earth Forever!
Im Namen des Fortschritts
Der Freund der Erde, von dem hier hauptsächlich die Rede ist, wurde als Tyrone O'Shaughnessy Tierwater geboren und hört auf den Spitznamen „Ty“. Er ist inzwischen 75 Jahre alt und arbeitet für einen Rockstar, Maclovio Pulchris, der in seiner Menagerie Wildtiere wie Füchse, Hyänen und Löwen hält, um ihre Art zu erhalten und vor dem Aussterben zu schützen. Seine Tochter Sierra Sarah und seine Frau Jane sind tot. Sierra beteiligte sich am Kampf von Earth Forever!, indem sie einen der Bäume in Oregon besetzte, der dem hungrigen Räderwerk des Profits geopfert werden sollte. Jane wiederum stirbt beim Zelten am Stich einer Wildwespe.
Als Ty die attraktive Earth-Forever!-Aktivistin Andrea Knowles Cotton kennenlernt, ist er nicht nur von ihr als Frau, sondern auch von Andrea als Vorsitzender einer Umweltorganisation begeistert. Ganz klar, dass er sie beeindrucken will. Aber als er sich mit ihr und seiner noch minderjährigen Tochter Sierra vor einem Werk ankettet und einbetoniert, begeht er einen großen Fehler. Sierra wird ihm nach der Umweltaktion mit der Begründung weggenommen, dass er seine Aufsichtspflicht verletze, indem er sie zu politischen Aktionen wie diesen anstifte. In Rückblenden erzählt Ty, wie er sich absichtlich Ärger einhandelt, wie ein „Narr (...), ein unverbesserlicher Trottel“. Ins Gefängnis geht er dann aber, weil er sich seine Tochter zurückholt und diverse Sabotageakte als Genugtuung verübt. Andrea macht derweil Karriere als CEO bei Earth Forever! und hält alles am Laufen. Aber dann kommt das Hochwasser, und alles läuft ganz schön aus dem Ruder ...
Das Schicksal der Erde
T. C. Boyles Knüller der Millenniumswende nimmt viele Bedrohungen, mit denen wir uns heute in der Realität auseinandersetzen müssen, vorweg. Das Innenleben von Ty, seine inneren Monologe, geben authentische Einblicke in einen Freund der Erde und Vater, der versucht, das Beste zu tun, dabei aber etwas übertreibt – wie alle Idealisten. Das von Ronald Reagan in den 80er-Jahren ausgerufene Profitstreben sollte sich nachhaltig auf alle Gesellschaftsschichten auswirken, denn ihm wurde nun alles untergeordnet.
Dem „angry old man“ Ty und Andreas Freunden der Erde wird die Vernichtung von Arbeitsplätzen und die Ruinierung der Wirtschaft vorgeworfen – und somit das Versprechen auf Bereicherung. Dabei sind es gerade die Konzerne und deren Profitstreben, die Maximierung um jeden Preis betreiben, und damit den meisten Lebensformen unseres Planeten die Lebensgrundlage entziehen. Einen Seitenhieb auf Weihnachten, das „Fest des Shoppings“, gleichzeitig Grundlage unserer Ökonomie, kann sich Boyle nicht verkneifen. Genauso wenig wie ein bisschen Geschichtsunterricht: Joseph Knowles (1869–1942), als dessen Urenkelin Andrea ihren Ty dazu anregt, es ihm gleichzutun und nackt in der Wildnis zu verschwinden, wird zu einem PR-Stunt, der die Unsterblichkeit des Paares auf jeden Fall zementiert. „Denk nur, was für ein Statement wir damit abgeben könnten“, fordert Andrea Ty auf. „Wie nützlich die Vergangenheit doch ist“ – das hat sich längst bis in die hintersten Winkel einer Vorstadt-PR-Agentur durchgesprochen. Aber was wirklich wichtig ist, sagt ihm seine Tochter Sierra bei einem Gefängnisbesuch: „Für mich bist du ein Held!“ Dafür hat sich doch jede Verzweiflungstat gelohnt.
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