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Jules Verne: Ein Drama in Mexiko Showdown in Mexiko - Jules Vernes literarisches Debüt

27. Juni 2026
von Ralf Höller

Insgesamt 62 Romane hat Jules Verne in seiner ein halbes Jahrhundert währenden Schriftstellerkarriere verfasst. Nicht alle hatten die Qualität der Klassiker In 80 Tagen um die Welt, Reise zum Mittelpunkt der Erde oder 20.000 Meilen unter dem Meer. Manche sind sogar ausgesprochene Schundromane, rein dem Kommerz geschuldet. Mathias Sandorf etwa ist ein solches Machwerk: Nach den ersten starken Kapiteln, die im slowenischen Karst spielen, lässt die Qualität abrupt nach; es endet in übelster Kolportage. Was bleibt, ist eine Schwarte, die man liebend gern auf einer einsamen Insel deponieren würde, auf dass der dort verbannte Lieblingsfeind sie findet und sich mit der Lektüre den Aufenthalt vollends versaut.

Zurück zu Verne: Bevor er mit dem Schreiben anfing, ging der studierte Jurist diversen bürgerlichen Berufen nach. Nebenbei las er gern und viel, vor allem Hugo und Dumas, den er persönlich kennenlernte. Der Vielschreiber, stets auf der Suche nach Zuträgern, die er für seine umfangreiche Produktion einspannen konnte, fand Gefallen an den Proben, die Verne ihm vorlegte. Doch stellte er ihn nicht als Ghostwriter ein, sondern empfahl dem Neuling eine eigenständige Veröffentlichung.

Diese kam auch zustande: Im Juli 1851 erschien Vernes Erzählung Ein Drama in Mexiko in der Zeitschrift Musée des familles. Lectures du soir. Das Magazin wandte sich an politisch und historisch interessierte Laien und hatte sich einen umfassenden Bildungsauftrag auf die Fahnen geschrieben. Entsprechend nüchtern lautete der Originaltitel: Les premiers navires de la marine mexicaine (Die ersten Schiffe der mexikanischen Marine).

Die Handlung spielt 1825 und fußt auf historischen Fakten. Vier Jahre zuvor war Mexiko von Spanien unabhängig geworden. Nach dem Sturz des einheimischen Kaisers Agustín de Itúrbide wurde die konstitutionelle Monarchie in eine Republik umgewandelt und Guadalupe Victoria ihr erster Präsident. Bald war der junge Staat in zahlreiche Konflikte verstrickt: mit der revanchistischen Ex-Kolonialmacht, mit den aufstrebenden Vereinigten Staaten, mit indigenen Aufständen und mit revolutionären Bewegungen im Landesinnern.Eine starke Armee tat da gut. Worüber Mexiko bis dato nicht verfügte, war eine Marine. Exakt hier setzt Vernes Erzählung an: Eine Gruppe Meuterer bemächtigt sich zweier spanischer Kriegsschiffe, die an der Pazifikküste vor Acapulco liegen. Die beiden Anführer möchten die Beute versilbern und der mexikanischen Regierung zum Kauf anbieten. Dafür müssen sie über Land in die Hauptstadt reisen – ein beschwerlicher Weg, auf dem zahlreiche Gefahren lauern. Kurz vor dem Ziel kommt es zum aufwühlenden Showdown, dessen Ausgang hier nicht verraten werden soll.

Dramatische Kapriolen – heute würde man sagen: äktschn – sind das Futter für Vernes Fantasie und bringen Schwung in die Handlung. So kommt eine unterhaltsame, wenn auch literarisch nicht vollends überzeugende Erzählung heraus, was – siehe Bildungsauftrag – dem ursprünglichen Titel geschuldet sein mag. „Aber das ist“, laut Begleittext der Reclamausgabe, „genau der Charme daran: Bei der Lektüre einer spannenden Abenteuergeschichte lernt man en passant auch noch etwas über Land, Leute und Geschichte!“

Eine bescheidene Untertreibung: Der wirkliche Charme liegt in den fachkundigen Anmerkungen und im nicht weniger ansprechenden Nachwort, die zusammen beinahe den Umfang von Vernes Text erreichen. Und dies, da hat der Verlag trefflich kalkuliert, völlig zurecht; denn erst das komplette Ensemble ermöglicht uneingeschränktes Lesevergnügen und führt zur nachdrücklichen Kaufempfehlung.

Schade nur, dass die Urheberin des Gelingens namentlich nicht aufgeführt, sondern am Ende des Nachworts in aller Diskretion mit den dürftigen Initialen S. M. vermerkt wird. Gängige Praxis, wenn der Autor oder die Autorin dem Lektorat angehört, ergab die Nachfrage beim Verlag. Anlässlich einer Neuauflage (die es bei einem so berühmten Autor wie Verne in einem so großen Haus wie Reclam sicher geben wird) könnte man, dies als Anregung, die Regel brechen und die volle Namensnennung nachholen.

Alle Rezensionen von Ralf Höller

Buchcover von Ein Drama in Mexiko
Jules Verne, Oskar Reyher (Übersetzung)
Ein Drama in Mexiko
100 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-15014868-6
Reclam 2026