Ein Brief aus New York In der gelben Stadt - Uwe Johnson schreibt einen Brief aus New York
Welche Farbe kommt einem in den Sinn, denkt man an New York? Fast alle, die schon mal da waren, werden sagen: Gelb! So sah es auch Uwe Johnson: „Gelb wohin du blickst“, stellt der Autor der vielgefeierten Jahrestage fest, der zwei Jahre lang, von 1966 bis 1968, in Manhattan wohnte, wo auch sein opus magnum entstand.
Weniger bekannt, doch literaturhistorisch von einiger Bedeutung ist Johnsons Brief aus New York – ein Langgedicht, gleichsam zeitlos und Zeitdokument, vor allem aber einem Trend entsprechend, den seinerzeit der bundesrepublikanische Literaturdoyen Walter Höllerer in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Akzente einzuläuten versucht hatte. Immerhin gelang es Höllerer, mit seinen Thesen zum langen Gedicht eine kontroverse Diskussion auf höchstem Niveau anzuschieben.
„Das lange Gedicht“, heißt es bei Höllerer, „unterscheidet sich nicht nur durch seine Ausdehnung von den übrigen lyrischen Gebilden, sondern durch seine Art sich zu bewegen und da zu sein, durch seinen Umgang mit der Realität.“ Konkret verlangte er von den Dichtern ein betontes Einbringen ihres Ich als Zeichen subjektiver Wahrnehmung, mit „Verbindungen zwischen Gegenstand, Leser, Autor, Gedicht.“
Was Höllerer vorschwebte, war mit der „starrgewordenen Metaphorik, der knarrenden Rhythmik, der bemühten Schriftbildthematik“ aufzuräumen. Statt dessen sollte die Alltagssprache Einzug ins Gedicht finden, durchaus auch in kompletten Sätzen mit korrekter Syntax. Alltagswahrnehmung und realistischer Bezug hießen die neuen Zauberworte, feierliche Stimmungen und entrückte Sprachklänge waren fortan verpönt. Der Pegasus, hoffte Höllerer inständig, würde sich bald totgeritten haben.
Als hätte sich Johnson Höllerers insgesamt sechzehn Thesen aus der 1965er akzente-Ausgabe herausgestochen und auf seine Schreibtischplatte genagelt, so liest sich sein Brief aus New York. Es ist eine Momentaufnahme, farblich komplett in Gelb gehalten, erstellt mit allen Sinnen, ein literarisches Polaroid, an dem kein Zahn der Zeit (halt dich im Zaum, Pegasus!) zu nagen vermag und dessen Ewigkeitswert auch heute noch jeder Überprüfung standhält.
„Gelb sind die Wagen zur Pflege des Broadway, gelb sind die Wagen die die Straßen waschen und fegen die den Müll abfahren die Autos abschleppen aus polizeilichem Anlaß gelb sind die Wagen vieler Taxiflotten und gelb sind die Symbole Produkte Verpackungen Lieferungen vieler anderer Unternehmen und Institute“, schreibt Johnson. Es ist der Rhythmus der Beat Generation, der in Johnsons (übrigens ein rein deutscher Autor, 1934 in Pommern geboren) Zeilen einfließt, die auch einem Robert Creeley, Charles Olson oder Allen Ginsberg Ehre gemacht hätten und vermutlich ein verzücktes Lächeln in Walter Höllerers Antlitz zauberten.
Es ist das Verdienst des Morio Verlags, Johnsons Brief wieder hervorgekramt und mittels kluger Einleitung des Herausgebers Matthias Dettmann sowie Antje Pautzkes kundigem Nachwort betreffend die Entstehungsgeschichte ein Gesamtkunstwerk geschaffen zu haben. „Johnson verwendet die Farbe Gelb“, heißt es bei Pautzke, „um beschreiben zu können, ‚was hier anders ist‘, um ‚über einen Unterschied‘ schreiben zu können zu seiner eigenen Sozialisation.“
Johnsons Langgedicht, versichert Pautzke, „fasziniert auch die Forschung.“ Nicht weniger wird es, sechs Jahrzehnte nach seiner Entstehung, die Leserschaft von heute faszinieren.
Alle Rezensionen von Ralf Höller