Michael Beleites: Dorf-Ethos

Miteinander reden, miteinander leben

„Wie soll man leben?“ Diese Frage bestimmt der griechische Philosoph Sokrates als wesentlich, vielleicht als lebensentscheidend. Philosophiert wird viel auf dieser Welt, akademisch, im Alltag und in der Öffentlichkeit. Manches Mal werden die Grenzen des Diskurses offensichtlich markiert, mit Metaphern versehen, denen ein hoher moralischer Anspruch zugestanden werden kann oder eine moralisierende Haltung. Der Begriff „Brandmauer“ gehört seit einigen Jahren zur Politik. Michael Beleites, mitnichten ein Politiker, wirbt für ein zugleich altes und neues Ethos, für eine bodenständige, alltagstaugliche Moral. Michael Beleites verzichtet vor allem auf moralisierende Reden, stattdessen wirbt er ohne Pathos dafür, einfach wieder miteinander zu reden, unter Nachbarn, unter Freunden und anderen Mitmenschen, die mitnichten dieselbe Meinung haben müssen, aber miteinander in Frieden leben wollen. 

Der Autor lädt den Leser ein, sich mit dem Landleben vertraut zu machen, also mit der Geradlinigkeit und Kantigkeit der Leute, die Ackerbau und Viehzucht betreiben, die oft wortkarg und geradeaus sind, aber einander gut kennen. Die Dorfgemeinschaft ist mitnichten ein Paradies oder ein Idyll. Nur wer nie einem Schaf in der Natur begegnet ist, wird es romantisch verklären. Jeder Landmann weiß, dass es auf Zusammenarbeit ankommt, nicht auf dieselbe Meinung. Beleites setzt das Ethos des Dorfes gegen die Fantasien von Hans Küng, der vor vielen Jahren von einem „Weltethos“ schwärmte – einen überreligiösen ethischen Minimalkonsens. Unter Intellektuellen wurde viel darüber diskutiert. Religiöse Menschen erleben solche Thesen als Bevormundung. Sie möchten einfach gläubig sein und bleiben, und sie halten auch nichts davon, als unbelehrbar konservativ eingeordnet oder stigmatisiert zu werden. Gegen das „Weltethos“ setzt Beleites also das „Dorf-Ethos“, denn es gebe „kein globales kulturelles Gedächtnis, weil es Kulturen nur im Plural gibt“. Gemeinschaften entstünden auch nicht durch eine „gemeinsame Weltanschauung“ oder eine verbindende „politische Orientierung“. Sie achten auf die „Verschiedenheit ihrer Glieder“, und sie kennen sich untereinander. In der Dorfgemeinschaft sieht er den kategorischen Imperativ Immanuel Kants verwirklicht: „Dort, wo man spürbar Teil einer überschaubaren Ganzheit ist, tut man, was man den Anderen antut, immer auch sich selbst an. Und von dem, was man gibt, bekommt man, zumindest immateriell, immer etwas zurück, was das eigene Leben reicher macht.“ Es besteht ein gewisses Selbstverständnis, eine menschliche Nähe, mitnichten aber eine ideologische Überformung. Für den Unterschied von Stadt und Land wählt er ein ganz einfaches Beispiel: „Wie sehr habe ich mich in der Stadt geärgert, wenn unser Briefkasten immer wieder mit Werbebroschüren vollgestopft war. Dasselbe erlebte ich auch auf dem Dorf – nur dass ich mich hier nicht mehr darüber geärgert habe. Hier weiß ich, wer die Werbebroschüren austrägt, aus welchen sozialen Verhältnissen die Austrägerin kommt und dass sie dieses Zubrot, das sie dafür bekommt, sehr nötig hat. Hier kann ich die Werbebroschüre ganz gelassen vom Briefkasten in die Papiertonne befördern, ohne dabei ärgerlich, wütend oder zornig zu werden.“

Das „traditionsgeprägte Dasein der Landbevölkerung“ wird durch „ästhetische Zumutungen“ empfindlich gestört, durch Häuser, die nicht ins Dorfbild passen, durch Konzerne, die „überdimensionierte Windanlagen“ installieren oder „industrielle Massentierhaltung“ betreiben. Gegen die vermeintliche Förderung des Klimaschutzes durch die expansive Windenergiepolitik positioniert sich der Autor deutlich, auch aus ästhetischen Gründen, die durchaus alles andere als unmoralisch sind. Eindeutig grenzt sich Beleites vom herrschenden Relativismus der Postmoderne ab: „Das moderne Verständnis von Freiheit negiert die Gebundenheit des Menschen an natürliche Lebensvoraussetzungen, an biologische Gegebenheiten und an gewachsene ethische Normen, die das friedliche Zusammenleben ermöglichen.“ Niemand ist überall zu Hause, und jeder Weltbürger hat eine Heimat. Michael Beleites lehnt die Diktatur der Beliebigkeit ab, hinter der sich oft „finanzkräftige Minderheiten“ verbergen, die auf politische Entscheidungen zugreifen könnten. In diesem Sinne formuliert er: „Politisches Handeln hat primär die Interessen derer zu verfolgen, von denen die Politiker das Mandat erhalten.“ Ergänzt sei, dass dieses Handeln dem Schutz der Verfassung dienen muss, aber nicht zur Apologie einer wie auch immer wertegeleiteten Politik werden kann. Die Beendigung der „Energiepartnerschaft mit Russland“ etwa lehnt der Autor ab, doch die unbedingte Bindung an russisches Gas – durch viele deutsche Regierungen energisch betrieben – zeugte nicht von politischer Weitsicht oder Klugheit. Doch darüber ließe sich streiten, im besten Fall miteinander reden – und am Ende des Diskurses kann eine Vielfalt an Meinungen, nicht eine uniforme Gesinnung stehen. 

Beleites äußert sich weiter zum „Corona-Maßnahmenstaat“ und den immer „absurderen Zwangsmaßnahmen“, wendet sich gegen die „Links-Rechts-Polarisierung“ und konstatiert einen „Feindbildaufbau“: „Wenn nur noch eine Haltung als richtig und gut gilt, stellt sich zwangsläufig die Gleichmachen- oder Ausgrenzen-Mentalität ein, die alle Diktaturen prägt. Auf diese Weise können auch in einer nominellen Demokratie totalitäre oder zumindest semitotalitäre Verhältnisse entstehen.“ Wer etwa gegen eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ sich positioniere, der wiegele vielleicht zu einer „Diffamierung der Rechten“ und damit zu einer anderen „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ auf. Die „eliminatorische Denkungsart“ herrsche vor, und niemand, so scheint es, mache sich die Mühe, wirklich miteinander zu reden – oder ist das gar nicht mehr möglich in „unserer Demokratie“? Der Autor wirbt für „Vertrauensfähigkeit“ und tritt gegen eine „undifferenzierte Dämonisierung“ von Andersdenkenden ein. Wer in einer Dorfgemeinschaft aufgewachsen sei, wisse aus seiner Lebenserfahrung heraus, was Anstand, Würde und Ehre gebieten – nämlich, dass Taten geächtet werden dürften oder Haltungen, nicht aber Menschen: „Offene Gesellschaften und freie Gemeinschaften sind sozial und kommunikativ durchlässig. Reifung und die Veränderlichkeit der Person fordern zu einem freien Austausch in alle Richtungen. Niemandem dürfen Kontaktverbote auferlegt werden und niemand darf ausgegrenzt werden.“ Für ein „friedliches und konstruktives Miteinander“ sei es auch wichtig, die Beweggründe des Mitmenschen zu verstehen. Eine „gedeihliche Nachbarschaft“ von Menschen untereinander, von Mensch und Natur sei wünschenswert – und die Bauern wüssten, dass das lebenswichtig, ja überlebenswichtig ist. Ebenso wüssten sie um die „seelischen Wirkungen der Landschaft“: „Wenn der Horizont seines Lebensortes mit Windparks verstellt werden soll, sollte das als einen Angriff auf seine und seiner Mitmenschen Seelenverfassung vor Gericht beringen können – und nicht genötigt sein, den Roten Milan oder die Fledermaus voranzuschieben.“ Dieser Zuspitzung darf entgegengehalten werden, dass die ökologische Dimension und der Naturschutz schon beachtet sein sollten, ebenso wie jeder Zeitgenosse sich auch aus schlicht ästhetischen Gründen gegen die Windenergieanlagen positionieren darf – oder verhält es sich heute vielleicht in „unserer Demokratie“ (Frank-Walter Steinmeier) mitunter anders? Ist der Skeptiker oder Gegner der Windkraft unmoralisch? Darf offen und kontrovers über Themen wie diese öffentlich geredet werden? Der Autor äußert sich markant gegen die Förderung und den Ausbau der Windenergie und die dadurch massiv veränderte „Wahrnehmung von Natur und Landschaft“. Moderne Windenergieanlagen – und wir kennen sie alle – fügen sich nicht harmonisch in die Landschaft ein wie die traditionellen Windmühlen in Ostfriesland und anderswo. 

Michael Beleites ermutigt in seinem herausfordernden Buch zu einer Revitalisierung des Landlebens, zu einem „lebensgemäßen Umgang mit der Erde“ sowie zur „Stabilisierung bzw. Wiederherstellung menschenwürdiger Lebensbedingungen“. Ein gutes „Weltethos“ entsteht nach seiner Auffassung überall auf der Welt vor Ort, ob in Afrika, Asien oder im Herzen von Europa. Der bodenständige Mensch ist friedens- und kooperationsfähig, davon ist Beleites überzeugt. Ob das wirklich so ist, darüber ließe sich in einer offenen Gesellschaft, auf dem Land oder in der Stadt, fruchtbar, kontrovers und anregend diskutieren. Diesem Buch ist eine große Leserschaft zu wünschen.

Dorf-Ethos
Dorf-Ethos
Für eine bodenständige Moral
208 Seiten, broschiert
EAN 978-3982651262

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