Literatur

Rekonstruktion einer Identität

Wie bereits in Dinaw Mengestus Romandebüt "Zum Wiedersehen der Sterne" (2007), spielt auch "Die Melodie der Luft" im Emigranten/Immigranten-Milieu und handelt von der Suche nach einer eigenen Identität. Der Protagonist Jonas fährt die Strecke der einstigen Hochzeitsreise seiner Eltern ab und setzt sich nachträglich und in Ich-Form erzählend mit Fragen rund um seine Herkunft und Person auseinander. Die beiden Romanfiguren Stepha, Jonas und den Autoren Dinaw Mengestu verbindet die Begebenheit, dass sie alle drei äthiopische Eltern haben, welche vor oder kurz nach der Geburt ihres Sohnes in die USA ausgewandert sind. Insofern lässt sich die Übereinstimmung der Atmosphäre innerhalb der beiden Romane einerseits natürlich mit der Schreib- und Erzählweise, andererseits mit der persönlichen Betroffenheit Mengestus erklären.

Jonas arbeitet erst in einem Zentrum, welches Flüchtlinge bei der Einwanderung unterstützt und später an einer Akademie, wo er als Lehrer für Literatur und Kreatives Schreiben angestellt wird. In weiter Ferne schwirrt der Gedanke herum, in Amerikanischer Lyrik zu promovieren, doch wie vieles anderes auch, scheitert das Projekt vorerst an fehlender Initiative. Die Arbeit im Einwanderungszentrum besteht hauptsächlich aus dem Aufpeppen der Berichte von neuen Asylbewerbern: "Ich nahm mir die schmucklosen, oft brutalen halbseitigen Schilderungen vor und versah sie mit Einzelheiten, die sie für den Beamten der Einwanderungsbehörde […] lebendig machten." Dass die Wahrheit dabei nicht immer oberste Priorität hat, versteht sich von alleine: "Das ist Fiktion, aber gleichzeitig ist es Realität."

Was sich vorerst nur auf Antragsgesuche von Asylbewerbern bezieht, dehnt sich auf die gesamte Wahrnehmung und Lebensweise von Jonas aus. Gibt er etwas von sich preis, so handelt es sich dabei selten um reale Geschehnisse, sondern meistens um Möglichkeiten, welche er jedoch nicht immer als solche deklariert ("Wir klärten nie, was an unseren Geschichten tatsächlich geschehen und was erfunden war.") Erst in der Retrospektive erahnt man die Person Jonas, in der Gegenwart scheitert sogar Ehefrau Angela an der Zuordnung einer Identität: "Ich [habe] manchmal das Gefühl […], du kommst nirgendwo her. Deine Eltern sind Äthiopier, nehme ich zumindest an, kennengelernt habe ich sie ja nicht. Ich weiβ nur, dass sie sich nicht leiden können und dass ihr kaum noch Kontakt habt. Ich frage dich nicht mehr, weil du vermutlich deine Gründe dafür hast, dass du nie über sie sprichst, aber es gibt dir etwas Kaltes, manchmal fast Unnatürliches."

Nach der aufgrund einer Lügengeschichte erfolgten Kündigung an der Akademie, wo Jonas zuvor zahlreiche Unterrichtsstunden damit verbracht hatte, seinen Schülern die grösstenteils erfundene Fluchtstory seines Vaters zu erzählen, reist Jonas die verspätete Hochzeitsreise seiner Eltern, Josef und Mariam Woldemariam, nach. Mit jeder Station auf dem Weg nach Nashville, Tennesse, erfährt man mehr über die Beziehung und Geschichte des äthiopischen Einwanderer-Paares, welches miteinander alles andere als eine harmonische Ehe geführt und Jonas einer traumatischen Kindheit ausgesetzt hat. An Jonas Erzählungen widerspiegelt sich seine eigene scheiternde Beziehung mit Angela, in der zwar nicht Gewalt, doch aber gewaltloses Verstummen zur Distanzierung geführt hat. "Unser gröβter Fehler war, dass wir einander nicht begreiflich machen konnten, dass wir im Grunde dieselben Ängste hatten: das wenige zu verlieren, was wir hatten, und plötzlich verlassen zu werden."

Der 1978 geborene Dinaw Mengestu hat mit seinem Erstlingsroman "Zum Wiedersehen der Sterne", wofür er mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet worden ist, gezeigt, dass er zu den ganz grossen amerikanischen Gegenwartsautoren gehört. Mit dem vorliegenden zweiten Roman, der noch vor der amerikanischen Originalfassung in deutscher Sprache erschienen ist, bestätigt Mengestu sein ausserordentliches Können. Die Handlung, welche sich in "Die Melodie der Luft" etwas weniger geradlinig als im ersten Roman präsentiert, wird mit einer sehr bildreichen Sprache geschickt erzählt. Ganz besonders hervorzuheben gilt es das Schaffen einer gezielt bedrückenden Atmosphäre, welche denn auch den Grundtenor des Erzählens angibt. Und vermutlich geht es einem als Leser mit dem Buch wie den Hauptfiguren, die trotz offiziellen Trennungen nicht voneinander los kommen - "Du wirst nicht verschwinden. Auch wenn es dir vielleicht manchmal so vorkommt. Wir spielen im Leben des anderen länger eine Rolle, als wir glauben." - und die Geschichte von Jonas wird in Gedanken verhaftet bleiben.

Die Melodie der Luft
Dinaw Mengestu
Volker Oldenburg (Übersetzung)

Die Melodie der Luft


Ullstein 2010
Originalsprache: Englisch
319 Seiten, gebunden
EAN 978-3550088230

John Lennon beim Psychoanalytiker

Wer war John Lennon wirklich? David Foenkinos unternimmt mit seinem Roman, der auch auf zahlreichen Fakten beruht, den Versuch, Lennons Seelenleben zu ergründen.

Lesen

Rette Dich vor der Mehrheit

Glänzend geschrieben, wunderbar witzig und erhellend erzählt - selten ist über "unser" westliches Wertesystem unterhaltsamer aufgeklärt worden.

Lesen

Entdeckung einer neuen Leichtigkeit

Anne Reinecke ist ein bemerkenswerter Roman gelungen, der von einer ungewöhnlichen Eltern-Kind-Beziehung und von einer zarten, sich langsam entwickelnden Liebe erzählt.

Lesen

"Schriftsteller sind nicht ganz richtig im Kopf, das weiss doch jeder."

Ein Text, verfasst von einem verstorbenen Pizzabäcker, von dem niemand wusste, dass er geschrieben hatte, wird ein sensationeller Erfolg, der mannigfaltige Auswirkungen hat.

Lesen

Zwischen Wirklichkeit, Sehnsucht und Aufbegehren

Bernhard Schlink erzählt in seinem neuen Roman Olga Rinkes Leben vor dem Hintergrund zentraler Epochen der jüngeren deutschen Geschichte.

Lesen

Deutschland in rechtsradikaler Hand

Was, wenn in Deutschland eine rechtsradikale Partei die Macht ergreift? Martin Schäuble hat sich dieser Frage angenommen und daraus einen Jugendroman gemacht, der auch für Erwachsene spannende Lektüre ist.

Lesen
Stolz und Vorurteil
Die Mutter
Aus der nahen Ferne
Nacht
Sommerlügen
Lila, Lila
Doktor Schiwago
Im Westen nichts Neues
Drei starke Frauen
Der Mann, der Hunde liebte
Mein Name sei Gantenbein
Fever
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018