Gisela Getty, Jutta Winkelmann, Jamal Tuschick: Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen

Das Leben ist Kunst, wir sind ein Kunstwerk

weissbooks, ein neuer Verlag für Belletristik und erzählendes Sachbuch, gegründet von den ehemaligen Suhrkamp-Mitarbeitern Rainer Weiss und Anya Schutzbach, bringt im ersten Programm einen Titel, der sehr persönlich ist. Und doch spiegelt er das Gefühl einer Zeit ziemlich genau wider.

Die Rede ist von dem Buch "Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen", die Autoren sind Jutta Winkelmann und Gisela Getty, die mit ihrem Co-Autor Jamal Tuschik aus ihrem Leben erzählen. Wer die 1960er-Jahre bewusst erlebt hat, kann die Zwillingsschwestern einordnen: Filmemacherinnen, Schauspielerinnen, Fotografinnen. Die 60er- und die 70er-Jahre stehen - vielleicht wie keine anderen Dekaden - für eine Zeit, in der Politik und Privates sich vermischten, Letzteres uminterpretiert wurde, kurz: Es war eine Zeit des gesellschaftlichen Wandels.

Eine Jugend in den 1960ern bedeutete für viele das sich Abgrenzen von der bürgerlich erlebten Gesellschaft, es war die Zeit der Hippie-Bewegung, der Drogen, des Begreifens des Lebens an sich als Kunstobjekt, auch der Suche nach einer besseren Welt. Teil-Ausdruck dessen waren der amerikanische 'summer of love' von 1967, die deutschen "Politpop-Stars" von 1968, aber auch die RAF: Mitten drin in dieser Zeit waren die Zwillingsschwestern Jutta und Gisela, geboren 1949 in Kassel, von wo aus sie aufbrachen, die Welt zu erobern.

Sehr schnell erfasste die beiden künstlerisch begabten Mädchen - schon ihre ersten filmischen Arbeiten erhielten Festivalpreise - eine Neugier auf diese Welt, eine Lebenslust, die sie in einen Strudel brachte, dem sie nicht entkommen wollten und konnten, sie Menschen treffen ließ, deren Namen sich wie ein Who’s Who der Jahre 1960 bis 1980 lesen. Mit Bob Dylan, auch ihn lernen sie Jahre später persönlich kennen, begann es: Seine Musik war eine Art Erweckung für diese Generation.

Alles in allem entwickeln die beiden ein Lebensmotto: "Paradies jetzt, das Leben ist Kunst, wir selbst sind ein Kunstwerk", ihr Ziel wird die Vollendung dieser Selbsterschaffung. Eine Filmkarriere wollen sie in Italien beginnen, die Chancen stehen nicht einmal schlecht. Die jungen Frauen erregen überall Aufsehen, auch - oder insbesondere - weil es sie in doppelter Ausführung gibt. Nicht nur Fellini ist an ihnen interessiert, auch Bertolucci und Carlo Ponti.

Ausschnittartig reiht sich Episode an Episode, atemlos verfolgt man das Geschehen, hält nur inne, um die eigene Reaktion auf diesen Lebensstil zu reflektieren. Die meisten aus jener Zeit wurden ja dann doch einmal "erwachsen", allerdings nicht in der so jugendlich selbstgerechten Definition, die die Zwillinge geben: "Erwachsene sind Menschen, die nicht so fantasievoll leben wie wir, die das Risiko des Daseins auf mehr oder weniger interessante Weise gemindert haben. Das heißt in der Regel, dass sie einen Beruf regelmäßig ausüben und keine Träume mehr haben."

Wer dies alles nachlesen und einen Eindruck vom Lebensgefühl, von der steten Suche der Akteure nach dem wahren Leben erfahren will, dem sei dieses Zeitgemälde "Die Zwillinge", von denen Carlo Ponti gesagt haben soll, sie seien "die ideale Verkörperung des Zeitgeistes", empfohlen. Es ist die Geschichte von zwei Frauen, die durch ihr Zwillingsdasein viel mehr aneinander gebunden sind als jedes andere Geschwisterpaar. Auch das spiegelt sich im Buch, gleichzeitig lässt es aber immer Raum für zwei Perspektiven.

Allerdings ist festzuhalten, dass dieser Lebensstil nicht hinterfragt wird. Es stellt sich auch die Frage, wie die beiden diese Jahre aus heutiger Sicht betrachten. Eine Antwort erhält man nicht. Möglicherweise fiele sie zu persönlich aus, um im Buch beantwortet und mit der Öffentlichkeit geteilt zu werden.

Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen
Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen
390 Seiten, gebunden
weissbooks 2008
EAN 978-3940888013

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