Literatur

Frischer Wind in Kumla

Krimis leben oft von ihren Heldenfiguren. Wer es geschafft hat, eine solche erfolgreich aufzubauen und in den Köpfen und Herzen einer breiten Leserschaft zu etablieren, darf sich glücklich schätzen.

Hakan Nessers ebenso liebenswürdiger, wie zerrütteter Inspektor Van Veeteren war eine solche Gestalt, die einen berühren und beschäftigen konnte: unstet, ungesund, Unmengen Bier trinkend, warmherzig und ungeschickt: jemand, den man ins Herz schliessen, und auf den man sich wochenlang freuen konnte. Ohne zu übertreiben, darf man ihm Kultstatus zuschreiben. Wer zudem weiss, dass der Autor für seine Kriminalromane mit eben diesem Kommissar zahlreiche Preise entgegen nehmen durfte, und dass einige dieser Geschichten erfolgreich verfilmt wurden, nimmt umso erstaunter zur Kenntnis, dass sich Nesser vor einem Jahr von seinem Protagonisten getrennt und sich entschlossen hat, mutig neue Wege zu beschreiten.

Mit "Der Schatten und der Regen", erschienen im August 2005 im btb-Verlag, legt Hakan Nesser nun ein erstes Zeugnis neuer Inspiration vor. Rund um den Mord an einer jungen Frau baut er eine eindringliche Dorfgeschichte, die wohl in den sechziger Jahren angesiedelt ist, sich aber ebenso gut in der Anonymität der heutigen Zeit, irgendwo in den Milieus der Aussenseiter und Unangepassten, abspielen könnte.

Nesser erzählt aus verschiedenen Perspektiven: Im ersten Teil nähert er sich in der Person des scheinbar unbeteiligten David der dunklen Vergangenheit an. Ganz behutsam nimmt er den Leser mit in eine erschütternde Geschichte, die sich vor rund dreissig Jahren im Dorf abgespielt hat, und in deren Mittelpunkt der hoch begabte und stumme Waisenjunge Viktor steht. Viktor wurde des Mordes an seiner Freundin verdächtigt, und ist seit jener Zeit verschollen. Plötzlich taucht der für tot Gehaltene im Dorf auf, und die Menschen, die damals Zeugen erschütternder Ereignisse waren, halten ihren Atem an.

An dieser Stelle ändert der Autor seine Perspektive, und die Geschichte beginnt aus anderer Sicht nochmals von vorn. Was auf den ersten Blick überrascht, entwickelt sich zum atemberaubenden Lesevergnügen. Die vor kurzem noch beschauliche Szene wird zum Kriminalroman, die unerwarteten Entwicklungen faszinieren und nehmen gefangen.

Nesser erzählt keine heiteren Geschichten, früher nicht und auch jetzt nicht. Im Gegenteil: Er akzentuiert die einsamen und tragischen Momente in den einzelnen Biografien, er malt die Schwere und die Hoffnungslosigkeit noch detaillierter aus, und in manchem Kapitel wird man förmlich in die Untiefen menschlicher Bedrängnis mit hineingenommen. Bemerkenswert, wie der Autor dabei die Grenzen zwischen Ironie und Zynismus sorgfältig auslotet, und wie viel glaubwürdige Sensibilität er im Nachempfinden und Darstellen menschlicher Gefühle und Gedanken einbringt. Damit hat sein Stil merklich an psychologischer Tiefe gewonnen, jegliche unangenehme Oberflächlichkeit, wie man sie ab und an in einem seiner Bücher wahrzunehmen glaubte, ist verschwunden.

In diesem Sinne dürfen wir befriedigt bilanzieren: Es bläst ein frischer Wind in Kumla, und er möge kräftig weiter wehen!

von André Kesper - 23. November 2005 - Short URL https://goo.gl/Q1jHE

Literatur Krimi Schweden

Die Schatten und der Regen
Hakan Nesser

Die Schatten und der Regen


btb 2005
380 Seiten, gebunden
EAN 978-3442751464
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt

Millenium-Fortsetzung aus neuer Feder

Einmal dahingestellt, ob ein vierter Band nun Verrat an Larsson ist oder ob die Familie aus purer Geldgier eine Fortsetzung in Auftrag gegeben hat, Lagercrantz ist ein spannender Krimi gelungen.

Lesen

Höchste Spannung mit wenigen Worten

Dem französischen Autor Yves Ravey ist ein exzellenter Kriminalroman gelungen, der den Leser sofort in seinen Bann zieht und Stimmungen einzigartig transportiert. Unbedingt lesen.

Lesen

In Schweden auf der Bestsellerliste

Ein verzwickter Kriminalfall aus Schweden, in dem der Ermittler an seine Grenzen stösst. Die Übersetzung ins Deutsche ist leider nicht durchgehend überzeugend.

Lesen

"Gerade hinter den Geranien lauert das Grauen."

Jörg Maurer kombiniert in seinem vierten Alpenkrimi abermals sehr eigenwillig dramatische Spannung und komödiantische Schilderung. Höchst unterhaltsame Lektüre.

Lesen

Weder Fleisch noch Fisch

Die ursprüngliche Frische und Leichtigkeit konnte Nihan Taştekin in ihrem vierten Kriminalroman nicht halten. Man merkt, dass die Autorin sich im Grunde anderen Genres zuwenden möchte.

Lesen

Die Judenbuche – 19mal anders

19 Autoren erzählen Geschichten, die Aspekte aus Droste-Hülshoffs "Die Judenbuch" aufgreifen. Interessante, aber keine leichte Lektüre - eben wie das Original.

Lesen
Im Westen nichts Neues
Leichtes Kribbeln
Stolz und Vorurteil
Frühstück bei Tiffany
Wenn du schläfst
39.90
Die Geister, die uns folgen
Die Geschichte von Herrn Sommer
Der Zeitreisende - Die Visionen des Henry Dunant
Wir sind Gefangene
Das Sakrament
Sommerlügen
by rezensionen.ch - 2001 bis 2017