Geschichte

Gelungene Gesamtdarstellung der Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis 2005

An Literatur zur Geschichte der Bundesrepublik herrscht wahrlich kein Mangel. Selbst für den spezialisierten Historiker ist die Fülle an Material nicht mehr zu überblicken. Die Bundesrepublik gilt als der best erforschte Nationalstaat der Welt. In den letzten Jahren sind zahlreiche Überblickswerke in deutscher Sprache erschienen. Neben dem zum Standardwerk avancierten Werk von Manfred Görtemaker sei an dieser Stelle vor allem auf Heinrich August Winklers Opus magnum "Der lange Weg nach Westen" aufmerksam gemacht. Die beiden in der Oldenbourg-Reihe "Grundriß der Geschichte" erschienenen Bände zur Bundesrepublik von Rudolf Morsey (1945-1969) bzw. Andreas Rödder (1969-1990) sind unverzichtbar für jeden Studenten der Zeitgeschichte und Politik.

Es bedarf daher schon guter Gründe, die eine weitere Überblicksdarstellung der zweiten deutschen Demokratie legitimieren. Was sind also die Gründe, die Edgar Wolfrum bewogen dieses Buch zu schreiben? Zunächst wird es wohl die Unausgewogenheit der bisherigen Darstellungen sein, die ihn zu einem Neuversuch veranlasst hat. Meist steht die Außenpolitik allzu dominant im Vordergrund. Sozialkultur und wirtschaftliche Entwicklung wird, wenn überhaupt, nur nebenbei erwähnt und nicht als die Gesamtentwicklung bedingende Teilmenge aufgefasst. So ist es kein Zufall, dass mit vielen Machtwechseln auch vorhandene Mentalitäten einem Wandel unterlagen.

Aus diesem Grund hat sich Edgar Wolfrum für eine mehrperspektivische Darstellung entschieden: Jedes Kapitel thematisiert neben der Außenpolitik auch die Innen- und Wirtschaftspolitik sowie die Sozialkultur. Im ersten Kapitel, das die Jahre 1949 bis 1959 umfasst, kann Wolfrum wenig Neues berichten: Weder zur Außenpolitik noch zur Gesellschaft wird der Leser durch einen anderen Blickwinkel auf die Geschichte überrascht. Vielmehr bietet Wolfrum hier eine sehr souveräne und stilistisch angenehme Zusammenfassung der bisherigen Forschungsergebnisse. Diese sind auf allen drei Feldern in den letzten Jahren besonders expandiert. Das zweite Kapitel umfasst die Jahre 1959-1973. Außenpolitisch stand die Welt durch die Kuba-Krise kurz vor dem Abgrund. Deutschland näherte sich durch den Elysee Vertrag an den "Erbfeind" Frankreich an. Innenpolitisch waren in diesem Jahrzehnt starke Turbulenzen auszumachen: Der Mauerbau von 1961 zementierte die deutsche Teilung endgültig. Das einstige Provisorium Bundesrepublik hatte sich auf ein längeres Bestehen einzustellen. Bundeskanzler Adenauer trat im Sommer 1963 vom Amt des Bundeskanzlers zurück und machte Platz für Ludwig Erhard, der wenig glücklich bis 1966 regierte. In der Zeit der Großen Koalition, die erstmals die Sozialdemokratie wieder an die Macht brachte, fielen die Studentenproteste von 1967/68. Ein kleiner Kern der Anhänger bildete die spätere RAF. Innenpolitisch stand die Bundesrepublik vor schweren Herausforderungen, nicht zuletzt durch die erste wirtschaftliche Rezession. In der Gesellschaft fand in dieser "formativen Phase" ein starker Wertewandel statt: Aufklärer wie Oswalt Kolle kämpften für einen veränderten Umgang mit Sexualität. Alte Tugenden wurden auf den Prüfstand gestellt und gegebenenfalls über Bord geworfen. Hier hätte Wolfrum als Teil des "Reformjahrzehnts" auch auf die Institution Zivildienst eingehen können. An ihr wird geradezu beispielhaft ein sich wandelnder Umgang mit Traditionen und Einstellungen deutlich. Den dritten Abschnitt setzt Wolfrum von 1974 bis 1989. Nach dem Rücktritt Brandts vom Posten des Bundeskanzlers und dem Amtsantritt Helmut Schmidts veränderten sich die politischen Akzente: Statt Visionen bot Schmidt der deutschen Bevölkerung das harte Brot der ökonomischen Maßhaltung: Viele Versprechen und Vorhaben, die zu Beginn der sozialliberalen Ära angedacht waren, ließen sich unter den Bedingungen von hoher Arbeitslosigkeit und weniger Wachstum schlichtweg nicht bezahlen. Innenpolitisch wurde die Koalition vor eine harte Probe gestellt, der deutsche Herbst 1977 forderte den Staat wie noch nie heraus. Gesellschaftspolitisch entstand aufgrund der sich wandelnden Umweltbedingungen (Club of Rome: Grenzen des Wachstums, Tschernobyl 1986) die Partei "Die Grünen". Es gelingt Wolfrum, anschaulich darzulegen, wie alternative Ideen und Konzepte sowohl in den Landtagen als auch bald in den Bundestag Einzug halten sollten. Die 1982 gebildete christlich-liberale Koalition setzte sich eine "geistig-moralische Wende" zum Ziel. Ein neues Geschichtsverständnis, d.h. die Bekenntnis zu Traditionen und Werten sollte in den Vordergrund rücken.

Das letzte Kapitel, das die Jahre 1990 bis 2005 umfasst, ist nicht nur das kürzeste, sondern wohl auch das am wenigsten gelungene. Hier hat der Leser den Eindruck, als ob nicht mehr als "SPIEGEL" Leitartikel aneinandergereiht werden. Dies u.a. hängt mit der schwierigen Quellen- und Literaturlage zusammenhängen. Das Niveau der vorangegangenen Kapitel konnte hier nicht gehalten werden. Einzig die ausgewogene Bewertung der Außen- und Reformpolitik der Regierung Schröder überzeugt. Anders als Christian Hacke in seiner Darstellung zur Außenpolitik der Bundesrepublik, lässt sich Edgar Wolfrum nicht von parteipolitischen Motiven leiten und wägt sein Urteil sauber ab.

Der Gesamteindruck des Buches ist durchweg positiv. Edgar Wolfrums Werk, das für den historisch interessierten Leser und nicht für den professionellen Historiker geschrieben ist, wird sein Zielpublikum überzeugen können. Kein anderes Werk über die Bundesrepublik vereint wissenschaftliche Genauigkeit, analytische Fähigkeiten und einen so angenehmen Schreibstil. Der einschlägig vorgebildete Leser wird das Buch etwas enttäuscht zur Seite legen. Zu vieles ist bekannt und wird hier erneut auf das Tableau gebracht.

Positiv anzumerken sind zudem die zahlreichen Abbildungen und das umfangreiche Datenmaterial im Anhang. Wer sich also zur Einführung mit der Bundesrepublik Deutschland beschäftigen möchte, dem sei der "Wolfrum" empfohlen.

Die geglückte Demokratie
Edgar Wolfrum

Die geglückte Demokratie


Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von den Anfängen bis in die Gegenwart
Klett-Cotta 2006
694 Seiten, gebunden
EAN 978-3608941418

Das Kernproblem des Euro liegt in den unterschiedlichen Wirtschaftskulturen

Dieses Werk stellt einen wichtigen Beitrag zur Analyse der währungs- und finanzpolitischen Problematik in Europa dar, verfasst von einem sich ideal ergänzenden Autorenkollektiv.

Lesen

Das Für und Wider stabilitätspolitischer Eingriffe in den Wirtschaftsprozess

Dieses Lehrbuch hat sich in den letzten 30 Jahren zweifelsohne zu einem Klassiker der Theorie der Stabilitätspolitik entwickelt.

Lesen

Einstieg in das Denken Kritischer TheoretikerInnen

Eine Einführung in die Kritische Theorie und speziell ihr Verhältnis zur Praxis.

Lesen

Wege aus der Eurokrise

Hans-Werner Sinn liefert in diesem Buch nicht nur eine Analyse der jüngsten Fehlentwicklungen, sondern zeigt auch Wege auf und fordert mutige Reformen.

Lesen

Die Europäische Währungsunion verstehen

Ein gut verständlicher und dennoch fundierter Überblick über die spannende, wichtige und hochaktuelle Thematik der Europäischen Währungsunion.

Lesen

Volkswirtschaft verständlich gemacht

Ein exzellentes VWL-Lehrbuch, das Verständlichkeit, fachlichen Tiefgang und hohen Praxisbezug optimal miteinander verbindet.

Lesen
Die Luther-Bibel von 1534
Die Entdeckung Alaskas mit Kapitän Bering
Rom
Marketa Lazarová
Dracula
Das große Buch der Indianer
Younger Than Yesterday - 1967 als Schaltjahr des Pop
Spanien im Herzen
Der letzte Zar
Berlin - Babylon
Berlin 1936
Der Krieg
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018