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Kersten Knipp: Die zwei Leben des Arthur Rimbaud Das bizarre zweite Leben einer Legende

23. August 2026
von Juergen Weber

„Vous êtes un peu bizarre.“ Dass Arthur Rimbaud (*1854 Charleville; †1891 Marseille) die französische Dichtkunst im zarten Alter von 17 Jahren revolutionierte, ist bekannt. Aber was wurde eigentlich aus dem Poeten, der an seinem 18. Geburtstag der Dichtkunst für immer abschwor?

Rimbaud, der Seher in der Dunkelheit

Vom Revolutionär zum Waffenhändler und Sklaventreiber. So die Legende. Aber Kersten Knipp kann zumindest Letzteres entkräften und den Dichter somit von dem schmutzigsten Geschäft reinwaschen, wenn auch nicht ganz von damals verbreiteten Rassismen und Stereotypen. Nach einer wilden Affäre mit dem Symbolisten Paul Verlaine, bei dem es auch zu einem Schusswechsel kam, verabschiedet sich der weitaus jüngere Rimbaud und reist nach Afrika. Nach Aden. Ans Horn von Afrika. Dort handelt er zunächst mit Kaffee und hat die Aufsicht über einen Lagerbestand. Über 7000 Kilometer liegen zwischen seiner Heimat Charleville und Aden, die Distanz ist enorm, aber dennoch „zu kurz, um das erste Leben auf Abstand zu halten“, wie Knipp schreibt. 100 Briefe habe er zwischen 1881 und 1891 an seine Mutter geschrieben, die er als Teenager doch so sehr gehasst hatte. Ihre strenge und herzlose Erziehung war der Grund, warum er sich schon mit 16 Jahren das erste Mal nach Paris absetzte, dort in die Commune de Paris geriet und sich allerlei revolutionäre Stimmung einverleibte. Dabei bleibt es nicht. Sein dritter Ausbruchsversuch führt ihn zu dem verheirateten Paul Verlaine, mit dem er andere Länder bereist, zuletzt London und Brüssel. „L'homme aux semelles de vent“ (Windsohlenmann) nannte ihn sein Liebhaber später und diese Windsohlen trugen ihn sogar noch bis nach Harar in Äthiopien: „La vraie vie est absente.“ Rimbaud gehört zu den ersten Europäern, die diesen Teil Äthiopiens zu sehen bekommen. Kersten Knipp beruft sich auf den Forscher Jules Borelli, der bestätigt, dass Rimbaud als erster Europäer die Region Mindjar (das Dreieck zwischen Harar, Addis Abeba und Ankober) betrat.

Rainbaldus, der Kolonialwarenhändler

„Ich weiß nicht, was ich in mir habe … das hinausdrängt“, zitiert Knipp nicht nur einen von vielen wunderbaren Stehsätzen des Dichters Rimbaud. Natürlich muss sie auch die Vorgeschichte eindrücklich darlegen, bevor sie gegen den Schluss der vorliegenden Biographie zum eigentlichen „zweiten“ Leben vordringen kann. Knipp legt in seinen Recherchen auch die eigentliche Bedeutung des Namens Rimbaud bloß: vom germanischen Rainbaldus soll er abstammen und im Mittelalter einen zum Banditen gewordenen Söldner bezeichnen. Tatsächlich vagabundiert Rimbaud durch aller Herren Länder. Knipp erzählt uns auch etwas über die Etablierung des Kaffees in Europa, dessen Geschichte sehr weit zurückreicht, weiter noch als ins Königreich Kaffa. Der Kaffee-Handel soll damals übrigens noch mit dem Maria-Theresien-Taler (Levante-Taler) bezahlt worden sein, da er als besonders fälschungssicher galt, weiß Knipp. Sein Chef Alfred Bardey attestierte ihm auch das eingangs zitierte Bonmot, als Mitarbeiter lobte er ihn aber über alle Maßen. Der Handel mit Tierhäuten brachte ihn schließlich als einen der ersten Europäer bis nach Harar in Äthiopien, wo er sich Sklavenkarawanen anschloss, da diese als besonders sicher für andere Händler galten. Rimbauds „Portfolio“ reichte von Kaffee, Tierhäuten über Gold, Elfenbein bis hin zu Waffen. Trotz vieler Schwierigkeiten erwirtschaftete er in seinen afrikanischen Jahren zwischen 176.000 und 238.000 Euro. Allerdings musste er dafür auch mit seinem Leben bezahlen, denn aufgrund eines zu spät behandelten Knochenkrebses wurde ihm erst sein rechtes Bein in Marseille amputiert und dann das Leben genommen. Seine gewünschte Rückkehr ans Rote Meer wurde dadurch für immer vereitelt.

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Buchcover von Die zwei Leben des Arthur Rimbaud
Kersten Knipp
Die zwei Leben des Arthur Rimbaud
Vom Kultdichter zum Waffenhändler
288 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-53461158-4
Herder 2026