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Rainer Hermann: Die Zerstörung des Nahen Ostens Schreckensregion mit Hoffnungsschimmer

05. April 2026
von Eva Lacour

Das im Dezember 2025 fertiggestellte Buch wurde noch vor dem Iran-Krieg 2026 verfasst und hat doch nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: Rainer Hermann sieht den nächsten Krieg schon heraufziehen.

Wenn man sich heute fragen mag, weshalb Iran als Antwort auf den israelisch-US-amerikanischen Angriff die arabischen Nachbarländer am Golf einschließlich Saudi-Arabien mit Raketen- und Drohnenangriffen überzieht – die Antwort findet man in diesem Buch.

Weitgehend unbemerkt von Europa reformieren, modernisieren und öffnen sich diese Länder seit einigen Jahren, sie setzen auf wirtschaftlichen Erfolg und Prosperität und benötigen dafür Frieden und Stabilität in der Region. „Abgeworfen ist der ideologische Ballast, der seit dem Zweiten Weltkrieg den Nahen Osten zurückgehalten hatte." (S. 153) Genau das aber ist Iran ein Dorn im Auge, denn nach der Islamischen Revolution 1979 verkörperten die Obersten Führer Irans einen destruktiven Widerstand gegen den Westen. „Zurückgehalten durch ideologischen Ballast und die Lasten der Geschichte wird Chameneis Iran immer repressiver." (S. 158) Iran blickt in die Vergangenheit, die Golfstaaten – Saudi-Arabien eingeschlossen – dagegen in die Zukunft. Um wieder an Einfluss zu gewinnen, versucht Iran die gesamte Region zu destabilisieren, seine arabischen Nachbarn indessen wollen Stabilität.

2020 normalisierten die Vereinigten Arabischen Emirate ihr Verhältnis zu Israel, Ende 2023 stand eine Annäherung Saudi-Arabiens an Israel kurz bevor. Die von Iran unterstützte Hamas verhinderte diese Annäherung mit ihrem Überfall auf Israel vom 7. Oktober. „Der Plan, den Nahen Osten im Geiste der Abraham-Abkommen neu zu gestalten, war vorerst vom Tisch." (S. 169)

Seit dem Sturz Assads in Syrien verliert Iran einen Vasallen nach dem anderen – und kämpft umso aggressiver um den Erhalt seiner Macht in der Region.

Der zweite Faktor aber, der die Levante destabilisiert, ist Israel. Netanjahu ist der Überzeugung, ein Frieden mit den Palästinensern sei unmöglich und Israel befinde sich in einem permanenten Krieg. Er fördert die schleichende Annexion palästinensischer Gebiete. „Israel gibt sich nicht mit dem Status quo zufrieden, Netanjahu verfolgt eine expansionistische und revisionistische Politik. Er erkennt die Grenzen Israels von 1967 nicht an und kann damit auch einem Staat Palästina nicht zustimmen." (S. 216) Israel ist die stärkste Militärmacht des Nahen Ostens, aber kein Hegemon. Dadurch gelingt es ihm zwar, die von Iran unterstützten Milizen mit Waffengewalt zu schwächen, aber nicht auszulöschen – weder die Hamas noch die Hisbollah.

Zudem liegen die Türkei und Israel auf Konfrontationskurs. „Zwei Ansprüche, der Neo-Osmanismus und Groß-Israel, überschneiden sich territorial." (S. 190) Der Versuch Israels, die gesamte Region mit militärischen Mitteln in seinem Sinne neu zu ordnen, und seine fehlende Bereitschaft zu einem gerechten Kompromiss mit den Palästinensern treibt das Land in die Isolation. Seine Nachbarländer, wie die Türkei und Ägypten, schmieden neue Allianzen, da sie Israel als größte Bedrohung ihrer Sicherheit wahrnehmen.

Die Golfstaaten zweifeln sowohl an der Verlässlichkeit Israels als auch der USA und schließen Verträge mit Pakistan, China, Südkorea, der Türkei und Europa – und neuerdings auch mit der Ukraine.

Das Buch enthält darüber hinaus eine ausführliche Schilderung über das Verhältnis Israels zu den Palästinensern bis hin zum Krieg in Gaza, über den „Schlüsselstaat Syrien" und die verschiedenen Kräfte dort und über den Iran. Der Autor zeichnet die entscheidenden Konfliktlinien nach, so dass deutlich wird, wie komplex die Situation im Nahen Osten ist und welche Hindernisse einem dauerhaften Frieden in der Region entgegenstehen. Und er schließt mit einem pessimistischen Bild: „Ernsthafte Friedensprozesse sind nirgendwo zu erkennen, nicht im Konflikt um Palästina, auch nicht im Jemen, in Sudan, ebenso nicht in Iran. Konflikte, die jederzeit entflammen können, schwelen in Syrien und in Libanon, im Irak und in Libyen." (S. 221)

Der neue Krieg gegen Iran gibt Rainer Hermann recht.

Alle Rezensionen von Eva Lacour

Die Zerstörung des Nahen Ostens
Rainer Hermann
Die Zerstörung des Nahen Ostens
Trump, Netanjahu, die Hamas und die neue Ordnung des Schreckens
255 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-60898929-8