Geschichte

Kultur und Leben der Wikinger

Der Begriff "Wikinger" stürzte nicht nur Historiker in terminologische Dilemmata. Schon im Altnordischen waren die Begriffe "vikingr" und "viking" in Zusammenhang mit Raubzügen und Piraten gebracht worden. Als "Wikingerzeit" wird allgemein die Epoche zwischen 800 und 1050 angesehen, und der "letzte Wikinger" soll Harald der Harte gewesen sein. "Vik" könne sich von Bucht oder Meeresarm (vgl. dazu etwa Reykjavik) ableiten, aber sich auch auf die Meeresräuber direkt beziehen. Andere Ortsnamen wie Eoforwic (York) oder Ludenwic (London) zeigen einen direkten Bezug zu ihren Gründern oder Beherrschern. Obwohl die Wikinger eher als Seeräuber bekannt wurden, wird durch diese Namensgebungen schon klar, dass sie kulturkonstitutierende Aspekte hatten, was auch anhand einer Vielzahl von Kunstgegenständen und Münzen nachgewiesen werden kann. Wikinger waren eben auch Händler und Bauern, Handwerker und Siedler und nicht nur plündernde Piraten oder "berserkr" wie eine andere nordische Wortschöpfung vermuten lässt.

Kultur, Handel, Schiffbau und... Räuberei!

Wer "Wikinger" liest, denke in erster Linie an "hünenhafte blonde Menschen des nordischen Typus", so Gareth Williams, aber deren Herkunft sei eigentlich eher ungenau geklärt, denn sie besteht aus dem Gebiet gleich mehrerer Länder wie Dänemark, Norwegen, Schweden. Auch das NS-Regime missbrauchte die Mythologie der Wikinger als germanischen Ursprung, genauso wie auf der anderen ideologischen Seite die Sowjetunion die Gründung Kiews durch die Wikinger immer negierte und stattdessen stets ihren slawischen Ursprung betonte. Tatsächlich verwendeten aber gerade die byzantinischen Geschichtsschreiber auch den Begriff "Rus" für die Nordmänner. "Skandinavien" - als Sammelbegriff für die drei Länder - befand sich in jedem Fall außerhalb des ostfränkisch-deutschen Reichs und deren Bewohner waren auch nicht immer die Aggressoren in einer Zeit, als Gewalt ein legitimes politisches Mittel war. Das Kontaktnetz der Wikinger erstreckte sich weit über die damalige mittelalterliche Welt Europas hinaus, bestanden doch Kontakte in vier Kontinente und diese waren - wie gesagt - nicht nur kriegerisch. Von Zentralasien im Osten bis nach England, Irland, Grönland, Neufundland, Nordamerika im Westen und vom Polarkreis im Norden bis zur Mittelmeerküste Afrikas im Süden hatten die Wikinger ihre Langboote gelenkt und wurden so vielleicht auch indirekt zu Kulturträgern. "Schon Ende des 8. Jahrhunderts bestanden Handelsverbindungen zu Gebieten jenseits der Ostsee und der Nordsee", so Gareth Williams.

Die lieben Nachbarn und ihre Entdecker

Aber wer waren eigentlich die "Nachbarn" der Wikinger? Das an Dänemark angrenzende Frankenreich Karls des Großen war sicherlich einer der mächtigsten Nachbarn, denn es reichte bis zum Mittelmeer. Der unmittelbarere Nachbar im Westen waren allerdings die Angelsachsen in England, die in kleineren Stammesgruppen und Königreichen bereits christianisiert waren. Ihre Einheit fanden diese vor allem durch die Angriffe gerade ihres Hauptfeindes, den Wikingern, im 10. Jahrhundert. Northumbria, Mercia, East Anglia, Kent und Wessex waren Königreiche, die immer wieder gegen die Wikinger kämpften und vielleicht gerade so zusammenfanden. Im Osten des Frankenreiches wiederum gab es einige heidnische Slawenstämme, aber auch Balten im Gebiete Lettlands und Littauens sowie Finno-Ugrier. Grönland und der kanadische Nordosten, der von Leif Erikson entdeckt wurde, wurde wiederum von Angehörigen der Dorset-Kultur bewohnt, aber auch Inuu und Beothuk in Labrador und Neufundland machten Bekanntschaft mit den Nordmännern. Schließlich gab es noch das Byzantinische Reich mit seiner Hauptstadt Konstantinopel (Ostrom) und die arabischen Kalifen, auf die die Wikinger in Marokko und Spanien, aber auch Bagdad stießen. Das Chasaren-Khaganat mit der an der Wolgamündung gelegenen Hauptstadt Itil war zuerst Verbündeter Byzanz’ und später des Kalifats, ihre Religion, das Judentum, das unterschied sie von den Wolgbulgaren, einem von vielen nomadischen Turkvölkern jener Zeit. Die Wikinger hatten mit all diesen Völkern Kontakt und das durchaus auch in friedlicher Absicht.

Das Dänische Nationalmuseum, das British Museum und das Museum für Vor- und Frühgeschichte, Berlin haben bei der Gestaltung des hier vorliegenden Ausstellungskataloges mitgewirkt, der in mehreren Kapiteln die Geschichte der Wikinger aufarbeitet und sowohl ihr Kunsthandwerk als auch ihre kulturellen Kontakte näher beleuchtet. Viele Farbillustrationen und Fotos sowie Angaben zu weiterführender wissenschaftlicher Literatur, Bibliografie, Verzeichnis der Exponate und einer Chronologie zur Wikingerzeit sowie ein Register runden diesen Prachtband ab. Die große internationale Ausstellung zur Kultur der Wikinger wird derzeit im Martin Gropius Bau in Berlin bis 4. Januar 2015 gezeigt.

Die Wikinger
Gareth Williams (Hrsg.)
Peter Pentz (Hrsg.)
Matthias Wemhoff (Hrsg.)

Die Wikinger


Hirmer 2014
288 Seiten, gebunden
EAN 978-3777422329

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