Christian Lehnert: Die weggeworfene Leiter

Dichtung, Mystik und Wahrheit

Der Theologe, Essayist und Lyriker Christian Lehnert erfreut seit Jahren seine Leserschaft mit tiefgründigen, geistlich klugen und geistig anregenden Schriften und Versen, die mitunter zwischen Himmel und Erde zu schweben scheinen. Der Protestant weiß, ähnlich wie sein katholischer Weggefährte, der Göttinger Poet und Germanist Heinrich Detering, oft verborgene, religiöse Wahrnehmungen nachzuzeichnen und buchstäblich resonanzvoll zu verdichten. Seine 2022 in Wien gehaltenen Gastvorlesungen zu Religion und Poesie zeigen nun weitere nuancierte Facetten seiner lyrisch-theologischen Überlegungen.

Jan-Heiner Tück schreibt einleitend, Lehnert widme sich dem "religiösen Hintergrundrauschen der Natur" und erkunde Spuren der Transzendenz: "Manche seiner Gedichte umkreisen jedenfalls die Anwesenheit des Abwesenden, der gerade, indem nach ihm gefragt wird, nahekommen kann, der gerade, indem er gesucht wird, möglicherweise schon dabei ist, sich finden zu lassen." Zugleich bleibt das "Geheimnis" im Bewusstsein gegenwärtig, dass der "mystagogische Fluchtpunkt der Sprachbewegung" sich dem erkennenden Zugriff letztlich doch entzieht.

Christian Lehnert fragt sich, ob Gott, wenn er erfahren werde, an Sprache gebunden sei. Niemand, so scheint es, kann verbindlich sagen, "wo Gott erfahren wird und wo nicht". Er erinnert zudem an den Gedanken des Mystikers Meister Eckhart: "Der wahrhaft Betende weiß nicht, daß er betet." Dimensionen der Gotteserfahrung öffnen sich, Momente der verborgenen Begegnungen, die nicht künstlich eingehegt und auch nicht mit kirchlichen Sprachmustern in verbindliche Formeln übersetzt werden können. Lehnert wirbt nicht für Formen mystischer Erfahrungen, doch er zeigt die Weiträumigkeit des religiösen Seins, die auch und gerade dort fortbesteht, "wo der Bezirk der Sprache endet". Es mutet fast wunderlich und kurios an, dass ein gläubiger Dichter hier Ludwig Wittgensteins Denkweise aufnimmt, nämlich, dass es einen "anderen Bereich" geben könne, der "von den Worten, die etwas bedeuten, unberührt" bleibe. Die "Ebene des Benennbaren" bezeichnet darum nicht mehr als Grenzen der Sprache. Lehnert weist auf die Schönheit, auch die innere Wahrheit der Poesie hin: "Gedichte sind Grenzbewohner und erwachen dort, wo Sinn erst entsteht. Gedichte wollen keine »Aussagen«, die ich also auch anders sagen könnte, möglichst wirkungsvoll in Szene setzen. Nein, sie entstehen erst in dem Ausdruck, nach dem sie suchen. Sie haben noch nicht, was sie sagen. Sie sind Spuren eines anfänglichen Vermissens, einer Sehnsucht. Wonach? Das kann das Gedicht nur durch sich selbst finden." Lehnerts Art der Dichtung bewegt sich somit jenseits aller politischen Programmlyrik und auch fern von poetisch intendierten Sprachbildern, die nur eigene Befindlichkeit ausdrücken und der Leserschaft vielleicht auch das allzu Subjektive eines Ichs aufdrängen. Sprache kann instrumentalisiert, ja missbraucht werden. Lehnerts Lyrik tastet sich voran, eine Form der Dichtung, die mit "ursprüngliche Poesie" treffend bezeichnet sein könnte.

Der Lyriker widmet sich dem Jubilieren, der "kunstvollen Ausgestaltung" der mittelalterlichen Kirchenmusik.  Die "Halleluja-Gesänge" sagen nicht mehr als "Preist Gott!", mit dem alten hebräischen Gebetsvers ausgedrückt. Die Singenden konzentrierten sich auf das "lange, offene A": "Erster Buchstabe im Alphabet und Laut des Staunens, ungehaltener Atem aus dem Mund, tiefes Verströmen. Darauf wuchs die wortlose Melismatik des gregorianischen Gesanges wie eine üppig rankende Pflanze auf. Die Liturgie verläßt hier den Raum des Verstehens und fließt ins Offene. Im Halleluja singen die Gottestrunkenen, die Gläubigen und Mystiker zusammen mit den unsichtbaren Mächten – sie singen nicht mehr, sind nur noch Atem, gesenkt in den Hauch eines unerklärlichen Windes. Solcher Gesang, von keinem Subjekt hervorgebracht, teilt nichts mit und drückt nichts aus. Wie im Schrei, im Stöhnen dringt eine namenlose Welt in die Sprache. In der gemeinsamen Schwingung, nicht im bedeutungsgebundenen Augenblick, wird der Mensch Teil eines Klanges, als reiner, fremder Ton seiner selbst." Lehnert zeigt vom Gesang Wege zur Poesie auf. Der Leser betrete das Gedicht wie einen Erfahrungsraum, lebe darin, nicht weil er Informationen suchen und finden möchte, sondern weil er teilzunehmen wünscht an dem "Ereignis des Gedichtes", das sich nicht in "kritischer Distanz" erschließe, denn "sein Suchen nach dem, was es sagen soll, läßt sich nur erfahren, wenn man selbst ins Suchen gerät": "Schreiben und Lesen von Poesie sind zwei Seiten desselben kreativen Tuns."   

Christian Lehnerts kluge, lichtreiche Vorträge öffnen Zugänge zur Lyrik, schenken resonanzvolle Erfahrungen mit der Sprache und weisen auch auf die Schönheit des Horizontes, vor dem wir uns bewegen, ein Horizont, der sehr viel weiter reicht als religiös unmusikalische Zeitgenossen zu denken meinen. Lehnert lädt ein, der Sprache der Dichtung zu trauen, sich Versen vertrauensvoll, mit Sympathie und Zuneigung zuzuwenden und so auch jener geheimnisvollen, unergründlichen Wirklichkeit im Leben und Denken weiten Raum zu schenken, die jenseits der Sprache liegt.

Die weggeworfene Leiter
Die weggeworfene Leiter
Gedanken über Religion und Poesie
110 Seiten, gebunden
Herder 2023
EAN 978-3451394874

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