Literatur

Unzertrennlich

Paul ist der Sohn eines sadistischen Frauenarztes, traut sich nicht viel zu, verheimlicht dafür umso mehr, auch sein Schwulsein. Auf Wunsch seines Vaters soll er in Paris Medizin studieren, wo er aber vor allem sein Schwulsein auslebt. "Die Summe unseres Glücks" ist auf weiten Strecken die Geschichte des "coming out" von Paul.

Benoît wird Lokalreporter. Tanguy erkürt sich den jungen Unternehmer Bernard Tapie zum Vorbild, fällt zweimal durch die Uni-Prüfungen, bis er sie schliesslich schafft. Rodolphe schafft die Uni spielend, ist höchst karriereorientiert, lernt Alice kennen, die aus einer vermögenden Familie stammt, steigt sozial auf. Paul wird Schauspieler.

Vier ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Schicksale, die vor allem, aber nicht nur durch die gemeinsame Jugend miteinander verbunden sind, schildert François Roux in "Die Summe unseres Glücks". Schauplatz ist dabei vorwiegend das Frankreich der 1980er Jahre, in denen Aids, Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung und Konsumwahn die vorherrschenden Themen waren.

Als Rodolphe und Alice eines Tages Benoît besuchen, verliebt sich dieser Hals über Kopf in Alice, hält sich aufgrund seiner strengen moralischen Grundsätze (sie gehörte zu Rodolphe) jedoch sehr zurück. Als Alice sich Benoîts Fotografien anschaut, ist sie überwältigt von seiner Arbeit.

Wie der Autor diese Szene schildert, ist wunderbar gekonnt. Benoît verguckt sich in Alice, diese wiederum in seine Bilder. Dabei entdeckt sie etwas in ihm, was ihm gar nicht bewusst war. "Im Übrigen betrachtete sich Benoît auch gar nicht als Künstler. Für ihn war das ein hohles Wort, ein unnötig aufgeblasener Begriff, der ihm in nichts entsprach, und von dem er eher ein wenig Angst hatte." Alice bittet ihn um ein paar Aufnahmen, "die sie 'ein paar herausragenden Pariser Spezialisten' zeigen wollte. Benoît fühlte sich wie vergewaltigt."

Alice arrangiert eine Ausstellung in Paris, die der Autor höchst eindrücklich beschreibt. Und auch mit Witz. "Es schien ihr nicht peinlich zu sein, solchen Stuss zu quatschen. Mir wurde klar, dass sie unter all den Trotteln hier durchaus in der richtigen Gesellschaft war."

Dann macht die Geschichte einen Sprung und wir sind im Jahre 2009. Unsere vier Protagonisten sind mittlerweile 46 Jahre alt.

Tanguy hatte in einem Konzern Karriere gemacht, der für eine Kampagne den berühmt gewordenen Fotografen Benoît engagieren will. Die Benoît-Verbindung gibt es auch zu Alice, die ihn mit ihrer Agentur vertritt … Verbindungen also allerorten - sie sollen hier nicht alle verraten werden - und François Roux schafft es, diese einleuchtend und gut nachvollziehbar zu machen.

"Die Summe unseres Glücks" zeichnet sich unter anderem durch die gut gelungenen Charakterschilderungen aus. So liest man etwa über den ehrgeizigen Politiker Rodolphe: "Ihm fehlte, was für einen Politiker unabdingbar ist: das feine psychologische Gespür." Und an anderer Stelle: "Seine Bemerkung offenbarte wieder einmal seinen permanenten Spagat zwischen Begeisterung und Gehässigkeit."

François Roux ist ein höchst talentierter Vermittler von Stimmungen und hat ein Händchen für die Schilderung schwieriger und komplexer menschlicher Beziehungsmomente. Ganz wunderbar, wie er etwa die Ehe von Rodolphe und Alice beschreibt. "Die rationale Grundlage ihrer Ehe blieb den meisten Aussenstehenden ein Rätsel - und vielleicht sogar ihnen selbst. Doch ist das nicht eigentlich der Normalfall?"

Solcher Sätze wegen lese ich Bücher. Und vor allem dann, wenn sie in ein spannend erzähltes zeitgeschichtliches Geschehen eingebettet sind.

Die Summe unseres Glücks
François Roux
Elsbeth Ranke (Übersetzung)

Die Summe unseres Glücks


Piper 2015
Originalsprache: Französisch
640 Seiten, gebunden
EAN 978-3492056939

Fremder im eigenen Seelenhaus

Hansen will sich an seinem sechzigsten Geburtstag umbringen. Er mag einfach nicht mehr. Entschluss und Datum stehen eigentlich fest.

Lesen

Konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit

Lou und seine Brüder begleiten ihren todkranken Vater auf seiner Reise von England in die Schweiz, wo dieser Sterbehilfe in Anspruch nehmen will. Ein gefühlvolles, witziges und hintergründiges Buch.

Lesen

Alles hat ein Ende

Ein "Freundinnen-Roman", der in Spanien zum Bestseller avancierte. Der Erfolg überrascht nicht, schafft es doch die Autorin, die unterschiedlichen Gefühlswelten von Frauen zu Papier zu bringen.

Lesen

Wirklich alle lieben Ove!

Ove lebt alleine in einem Haus, nervt sich über ziemlich alles und ist furchtbar unhöflich. Kein Mensch, den man spontan ins Herz schliesst, doch je länger man liest, desto mehr lernt man ihn lieben.

Lesen

Entdeckung einer neuen Leichtigkeit

Anne Reinecke ist ein bemerkenswerter Roman gelungen, der von einer ungewöhnlichen Eltern-Kind-Beziehung und von einer zarten, sich langsam entwickelnden Liebe erzählt.

Lesen

Biotop einer Schattenwelt

Von der ersten bis zur letzten Seiten ein rasanter, packend und kenntnisreich geschriebener Roman, der zwischen Gesellschaftstopos und Crime Thriller angesiedelt ist.

Lesen
Ein Sommer
Olga
Das geheime Leben des Monsieur Pick
Acht Berge
Und alle benehmen sich daneben
Wenn Gott tot ist
Mailand
Unheimliche Geschichten
Die Sprache von Gibraltar
Der komische Kafka
Schwarz und Weiß
Dämonen
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018