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Robert Seethaler: Die Straße Die Straße als Stimmengewirr

09. Juni 2026
von Eva Lacour

Eine ganz normale Straße, eine ehemalige Arbeitersiedlung, darin ein weniger normales Antiquariat mit zerstörerischen Bücherwürmern, ein Straßenfest mit Schlägerei, eine Heiligenstatue, die kein Kunstobjekt ist, ein Wirtshaus, ein Restaurant, ein Pflegeheim, eine skrupellose Immobiliengesellschaft, die Mieter aus den Wohnungen mobbt, ein bestochener Anwalt, ein alter und ein junger Pfarrer, ein Arzt mit Migrationshintergrund, ein Bäcker, ein erfrorener Obdachloser, ein Spanner und viele andere Menschen …

Über ein Jahr hinweg beobachtet Robert Seethaler das Treiben in dieser Straße. Anfangs sind die vielen verschiedenen Erzählstimmen etwas verwirrend, doch bald schon fügen sie sich zusammen, so dass in der Vorstellung des Lesers das vielschichtige Bild einer Straße entsteht, die von außen betrachtet keinerlei besondere Kennzeichen aufweist. Doch hinter den Kulissen spielen sich Tragödien ab. Ganz allmählich kristallisieren sich die Einzelschicksale heraus: unerfüllte Liebe, unglückliche Liebe, Tod, Resignation, Widerstand, Skrupellosigkeit, Korruption. Die Gerüchteküche taucht im Wechsel mit Amtsdeutsch und den Worthülsen von Politikern und Amtsinhabern auf.

Wenn man sich erst damit abgefunden hat, dass man nicht immer weiß, wer gerade erzählt, genießt man das breit gefächerte Spektrum an Ansichten und die verschiedenen Blickwinkel auf ein- und dieselbe Straße und deren Menschen, und man stellt fest, dass man die Erzählenden auch gar nicht zu kennen braucht, um die Geschichte in ihrer Gesamtheit zu begreifen.

Der Roman erinnert an seinen Vorgänger „Das Feld“, ist aber im Stil konsequenter, radikaler und noch gelungener: ein großes Lesevergnügen!

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Buchcover von Die Straße
Robert Seethaler
Die Straße
240 Seiten, gebunden
Claassen 2026