Literatur

Der schönste Weg nach Triest

Der schönste Weg, sich Triest zu nähern, beginnt mit einer Fahrt auf der ehemaligen Südbahn. Die Eisenbahnstrecke verbindet bis heute Wien mit dem Adriahafen. In dem kleinen Ort Kreplje steigt der (oder die) Reisende aus und geht zu Fuß weiter; durch hügeliges Karstland, immer entlang der Straße, denn die ist kaum befahren. Dem Wandelnden öffnet sich die slowenisch-italienische Grenze, bald gelangt er in das Städtchen Villa Opicina. Dort wartet eine Uralt-Straßenbahn. Das Relikt aus dem vorvergangenen Jahrhundert hat seitdem keine baulichen Veränderungen mehr erfahren. Im Schneckentempo kriecht die Tram von den Höhen des Karst, auf einem Kilometer Strecke ein Sechstel an Gefälle überwindend, die steilen Hänge hinunter bis fast zum Meer. Dass Langsamkeit so schön sein kann! Wenn die Bahn an der Piazza Oberdan, mitten im Triestiner Stadtzentrum, ihre Endhaltestelle erreicht hat, steigen nur die ganz Eiligen sofort aus. Alle übrigen Passagiere würden die atemberaubende Panoramafahrt am liebsten auf der Stelle nochmal antreten.

Verlängern lässt sich die Reise mit einem Buch, "Die Straße mit 7 Namen". Der Autor Beppo Beyerl beginnt sie bereits in Wien. Von der alten Hauptstadt der k.u.k. Monarchie führte zusätzlich zur Eisenbahnlinie eine vermutlich noch ältere Handelsstraße nach Triest. Johann Gottfried Seume ist die Strecke bereits vor 215 Jahren gegangen und führte seine Wanderung bis ins sizilianische Syrakus fort. Beyerl bescheidet sich mit Triest, und das völlig zu Recht!

Bis zum Ersten Weltkrieg war die Stadt, damals wie heute rund 200'000 Einwohner zählend, fünftgrößter Hafen auf dem europäischen Festland. Die Schienenverbindung firmierte unter der Bezeichnung Südbahn, der Transportweg für Fuhrwerke bekam irgendwann den Namen Kaiserstraße verpasst. Was vom einstigen Glanz überdauert hat, schildert Beyerl in seinem literarischen Reisebericht. Für ihn hat er sich von seiner Heimatstadt größtenteils zu Fuß auf die Suche und den Weg gemacht.

Der Buchtitel "Die Straße mit 7 Namen" gibt die Schwierigkeiten wieder, die vormals einheitliche Strecke wiederzufinden. Mit einigen Abschweifungen führt sie aber nach wie vor, wie der Untertitel bestätigt, von Wien nach Triest. Die Südbahn tut das auch, doch gibt es zu der alten Strecke über die slowenischen Städte Maribor und Ljubljana eine modernere und schnellere westliche Alternative via dem österreichischen Villach und dem italienischen Udine. Schlimmer noch, vor allem für einen Reiseschriftsteller auf der Suche nach einem stilgerechten Aufbruchort, ist der Umstand, dass die Südbahn ihren traditionellen Startpunkt verloren hat. Dreimal wurde der Südbahnhof im Verlauf seiner wechselvollen Geschichte abgerissen. Am prächtigsten war das 1874 nach Plänen des Architekten Wilhelm von Flattich fertiggestellte Gebäude. Heute muss sich Beyerl fragen, wo der Südbahnhof gestanden und wie er ausgesehen hat.

Natürlich landet der findige Autor auf dem rechten Weg, doch begleiten ihn auf der Strecke schmerzvolle Erinnerungen in Form von geschlossenen Bahnhöfen, demolierten Industrieanlagen und verwahrlosten Wirtshäusern. Sein Ziel erreicht der Ästhet Beyerl selbstverständlich über Villa Opicina, von wo die Uraltstraßenbahn der Linie 2 sich auf Meeresniveau hinabwindet. An der Endstation Piazza Oberdan steigt Beyerl aus. Hier, an der Gedenkstätte für Wilhelm Oberdank, endet die alte Kaiserstraße. Symbolischer könnte kein Platz sein: Guglielmo Oberdan, wie er sich italienisch nannte, unehelicher Sohn einer Slowenin und eines aus dem Veneto stammenden Soldaten der k.u.k. Armee, plante einen Anschlag auf Kaiser Franz Joseph. Seine Absicht wurde verraten, der Attentäter Ende 1882 in einem umstrittenen Prozess hingerichtet.

Und noch einen Verlierer gab es. Nachdem sich die italienischen Irredentisten mit Hilfe ihres Märtyrers die bis dahin unerfüllten Träume verwirklichen und Triest einverleiben konnten, gingen die Slowenen leer aus. Nach zwölf Isonzoschlachten zwischen Österreich und Italien im ersten Weltkrieg war es dem frisch gegründeten jugoslawischen SHS-Staat damals unmöglich, durchaus berechtigte Ansprüche auf die Stadt umzusetzen.

Die Straße mit sieben Namen
Beppo Beyerl

Die Straße mit sieben Namen


Von Wien nach Triest
Löcker 2013
200 Seiten, broschiert
EAN 978-3854096504

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