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Robert Louis Stevenson, Kai Würbs: Die Schatzinsel Die Schatzinsel Revisited

09. Mai 2026
von Juergen Weber

Mit der Schatzkarte, deren Faksimile sich als eine der zehn Beigaben in vorliegender Luxusausgabe befindet, hat alles begonnen, schreibt Autor Robert Louis Stevenson höchstpersönlich im Nachwort zu vorliegender Publikation. Dass er dabei ganz nebenbei den Abenteuerroman erfand, sei hier ebenso erwähnt wie die luxuriöse Ausstattung dieser ungekürzten Geschichte mit Illustrationen von Kai Würbs, einem weiteren Nachwort von Fanny Van de Grit Stevenson und einer aktuellen Nachbemerkung von Lloyd Osbourne.

Vom Schriftsteller zum Romancier

„Ich war einunddreißig, ich war Familienvorstand, ich hatte meine Gesundheit eingebüßt, hatte aber bisher nie meinen Lebensunterhalt bestritten (...)", schreibt Stevenson verzweifelt, denn sein Vater hatte gerade sein Buch, das sich als Fehlschlag entpuppt hatte, aufgekauft und vom Markt genommen. „War dies jetzt ein weiteres und letztes Fiasko?" Im Anhang stellt sich Stevenson sogar auf die Seite der Ausgesteuerten: „Wir waren eine Gesellschaft von Ausgestoßenen: der Trunksucht Verfallene, Unfähige, Schwache, Verlorene; alle, die nicht in der Lage waren, sich gegen die widrigen Umstände in einem Land durchzusetzen, flohen jetzt elend in ein anderes; und auch wenn ein oder zwei in Zukunft Erfolg haben sollten, waren bereits alle einmal gescheitert. Wir waren eine Schiffsladung von Gescheiterten, die gebrochenen Menschen Englands." Sein Bekenntnis zur Literatur drückt er so aus: „Ich interessiere mich nur für das Moralische und Dramatische, ich gebe kein bisschen auf das Pittoreske oder Schöne, mir geht es um nichts anderes als um Menschen." Und genau darum geht es auch in seinem erfolgreichsten Roman, Die Schatzinsel, in dem Stevenson zeitlose Figuren wie Dr. Livesey, Gutsherr Trelawney und den charismatischen Schiffskoch Long John Silver sowie natürlich den Erzähler selbst, Jim Hawkins, erschuf.

Meuterei auf der Hispaniola

Der junge Gastwirtssohn Jim Hawkins, der durch eine umstrittene Erbschaft in den Besitz einer alten, geheimnisvollen Schatzkarte gelangt, macht sich mit den oben genannten Experten auf die Reise zur Schatzinsel. Womit er aber nicht gerechnet hat, ist, dass es beinahe zu einer Meuterei auf dem Schoner Hispaniola kommt, für den sie extra eine Mannschaft anheuern mussten. Aus einem Apfelfass heraus belauscht der gelenkige Jim ausgerechnet den Schiffskoch Long John Silver, wie er einen Aufstand gegen den Kapitän plant. Es stand sieben zu neunzehn, bevor sich die Meuterei vollziehen sollte, doch Jim macht sich seinen Wissensvorsprung zunutze und organisiert eine Flucht in das befestigte Blockhaus auf der Insel. Dieses hatte der legendäre Kapitän Flint, der auch den Schatz vergrub, dort schon vor längerer Zeit erbauen lassen. Ein Überlebender dieser ersten Expedition, Ben Gunn, wird zum hilfreichen Gesellen für Jim und die letzten sieben Getreuen. Ein Perspektivenwechsel lässt dann den Doktor die Geschichte, die im Blockhaus spielt, erzählen, und gleichzeitig erleben die Leser die Rückeroberung der Hispaniola durch einen Streich von Jim Hawkins. Zu Hilfe kommt ihm dabei auch die Tatsache, dass „seit Beginn der Meuterei kein Einziger der Leute auch nur einen Augenblick nüchtern gewesen" war. Das Trinklied „Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste – Johoho und 'ne Buddel voll Rum!" stammt nicht umsonst aus der hier vorliegenden Lektüre.

Eine Schatzkarte als Kompass

„Als sich der Strudel beruhigt hatte, sah ich O'Brien Seite an Seite neben Israel Hands, beide von den Wellen hin und her geschaukelt. O'Brien war trotz seiner Jugend ganz kahl. Sein Kopf lag auf den Knien seines Mörders, und die flinken Fische schossen über beide hinweg." Mit solchen Sätzen schildert Stevenson das Elend einer ganzen Epoche, in der der Mensch sich zum Feind wurde, weil Neid und die Gier nach Gold sein Bewusstsein vernebelten. „Homo homini lupus (est)" („Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf") lautete die Devise des 18. Jahrhunderts, in dem der Roman spielt. Ein Zeitalter, das wir im 20. Jahrhundert längst überwunden glaubten und das heute wieder umso mehr um sich schlägt.

Der zeitlose Klassiker wird vom Coppenrath Verlag in einer bibliophilen Ausgabe mit vielen Extras und in einer echten Prachtausgabe neu aufgelegt. Wahrscheinlich die schönste seit dem Ersterscheinen 1883, sogar mit großformatigen Illustrationen zum Ausklappen und der unvergesslichen Schatzkarte, mit der alles begann, zum Herausnehmen. Ein unentbehrliches Hilfsmittel für alle Glücksritter und Schriftsteller, wie Stevenson in seinem Nachwort schreibt, denn die Schatzkarte gab ihm auch die Struktur seines Romans in die Hand. Neben wertvollen Tipps für künftige Schriftsteller lernt man im Anhang auch eine Menge Schiffslatein und Ausdrücke, die zu gut sind, um sie zu vergessen. Es gab übrigens auch Piratingnen – Anne Bonny und Mary Read, auch bekannt als Calico Jack Rackham, machten die Karibik im 18. Jahrhundert in Männerkleidern unsicher.

Alle Rezensionen von Juergen Weber

Buchcover von Die Schatzinsel
Robert Louis Stevenson, Kai Würbs (Illustration), Elisabeth Kessel (Übersetzung)
Die Schatzinsel
Originalsprache: Englisch
320 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-64965167-3
Coppenrath 2025