Stefan Bollinger: Die Russen kommen!

Was gibt’s Neues vom Krieg – im Jahr 2022?

Vor knapp 30 Jahren, im Jahr 1993, veröffentlichte der französische Schriftsteller und Filmemacher Robert Bober unter dem Titel "Quoi de neuf sur la guerre?", auf Deutsch 1995 dann als "Was gibt’s Neues vom Krieg?" erschienen, einen Roman über die Deportation polnischer Juden und den Holocaust, verwoben mit ernsten und scheinbar heiteren Episoden, ohne jede moralisierende Attitüde. Die Unbegreiflichkeit, auch Unbeschreibbarkeit des Geschehens wurde sichtbar. Der Berliner Politikwissenschaftler Stefan Bollinger schreibt weder literarisch noch poetisch über den Krieg in der Ukraine, über dessen Ursachen, über die Vorgeschichte und über den historisch-politischen Kontext. Viele Menschen in Europa sehen sich über die Medien tagtäglich mit neuen Nachrichten vom Krieg und auch mit traditionellen Formen der Darstellung desselben konfrontiert und überfordert. Bollingers Analyse verbindet eine Reihe von Themen und Fragestellungen, die sich mit diesem Krieg verbinden und in der Berichterstattung bestimmt nicht im Vordergrund stehen. 

Der ängstliche, despektierliche und von jüngeren Generationen in Europa oft mit postmoderner Ironie verwendete Ausspruch "Die Russen kommen!" gibt diesem Band den Titel – und der Blick des Lesers verweilt sogleich lächelnd am Cover, das jede Sorge zu zerstreuen scheint. Wir sehen zwei Russen in Uniform, genauer gesagt: zwei hübsche junge Russinnen in Uniform, eine Dame mit Smartphone, die eine andere Dame fotografiert, die mit der russischen Nationalflagge posiert, irgendwo in Moskau. Müssen wir uns vor diesen Russinnen wirklich fürchten?

Propaganda ist überall.

Die eine Leserin oder der andere Leser mag ins Stocken geraten – ist vielleicht das Cover schon Propaganda für eine kriegslüsterne Großmacht in Osteuropa? Oder verkennen wir heute, die wir uns für politisch reif und kritisch-reflektiert halten, dass im Krieg das ohnehin gefährdete Vermögen der Unterscheidung der Geister noch seltener genutzt wird als in Friedenszeiten: die Propaganda der Kriegsparteien ist denkbar gegensätzlich und verbindet zugleich doch jene Staaten, die Krieg führen. Propaganda ist überall. In Europa werden die ökonomischen Konsequenzen, die als Kriegsfolgen entstehen, schneller bewusst als die ökonomischen Bedingungen, auf denen die Gesellschaft beruht und die auch das politische Handeln heute bestimmen. Die Inflation nimmt zu. Viele Menschen drohen zu verarmen – und fragen sich, ob die öffentlich beschworenen und beschlossenen Investitionen ins Militär tatsächlich Investitionen in den Frieden sind, den sozialen Frieden sichern und den Flüchtlingen wie allen Notleidenden konkret helfen werden. Stefan Bollinger stellt fest: "Heute über den Ukrainekrieg reden heißt auch zu fragen, wie es gelingen kann, die Stimmung eines satten und eigentlich zwar selbstgerechten, aber doch trägen und sich im Kleinen wie im Großen nur um den lieben Frieden willen sorgenden Volkes auf Kriegsstimmung zu trimmen." Doch herrscht wirklich Kriegsstimmung im Land? In manchen Medien vielleicht, aber unter den Bürgern? Beobachtet werden kann, mitten im Krieg, auch eine akute Kriegsvergessenheit, denn der Konflikt in der Ukraine scheint den noch immer andauernden Bürgerkrieg in Syrien vollständig in der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt zu haben. Auch im Sudan übrigens herrscht mitnichten Frieden. Solche kriegerischen Auseinandersetzungen scheinen derzeit einfach nur weit weg zu sein. Und schon gar nicht wird nach den Bedingungen gefragt, die diesen Kriegen und Bürgerkriegen zugrunde liegen. Werden solche Fragen eigentlich mit Blick auf den Krieg in der Ukraine gestellt? Dürfen Fragen wie diese heute überhaupt noch gestellt werden oder gilt schon die Frage selbst als unmoralisch? Bollinger schreibt: "Pazifisten wollen auf einmal auch schwere Waffen ins Konfliktgebiet bringen, Linke entdecken ihre Liebe zur NATO als Freiheitsgaranten, alle Einsichten aus den Zeiten des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges sind mit dem Wegsterben der damals politisch aktiven oder betroffenen Generationen offenkundig vergessen." Bollinger diagnostiziert einen "Stimmungsumschwung". Eindeutig benennt der Politikwissenschaftler, dass das "Entsetzen" über den Krieg sowie die "Friedenssehnsucht und Solidarität mit den verzweifelten Opfern" viele Menschen aufrichtig bewege: "Entsetzen und Mitgefühl öffnete Herzen, Portemonnaies und auch Türen, Flüchtlingen wurden Obdach und Unterstützung gewährt." Mit Skepsis sieht Bollinger aber, dass sich "alle" nun unter "Friedensfahnenregenbogen" und "unter dem ukrainischen Blau-Gelb" zusammenfanden. Er schreibt weiter: "Von gut bürgerlich bis solide gewerkschaftlich, von christlich-konservativ bis sozialdemokratisch und demokratisch-sozialistisch war alles vertreten und wertete gemeinsam einen Nationalismus gegen einen anderen Nationalismus unkritisch auf. Das müsste zu denken geben. War – bei aller Verurteilung des angekündigten Überfalls – die Ukraine plötzlich weniger nationalistisch als die Russen? Hatten die ukrainischen Oligarchen, ganz im Gegensatz zu den russischen, sich auf einmal in Luft aufgelöst?" 

Zu fragen sei heute, so Bollinger, was eine Antikriegspolitik bewirken könne, "um die eigene Hochrüstung zu stoppen, die Leiden der Opfer zu mildern und die verfluchte Kriegspropaganda zu beenden". Er wirbt für die marxistische Analyse und Theoriebildung, um "Interessen und Handlungen kriegführender Parteien" gegeneinander abzuwägen. Keine Kriegspartei und keine politischen und wirtschaftlichen Akteure seien "Ritter einer guten Sache", aber es gelte, nach Chancen zu suchen, das Handeln der kriegführenden Parteien zu prüfen und zu analysieren, um für den Frieden zu arbeiten.

"Knapp acht Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges rasseln in Europa wieder Panzerketten, dröhnen Kampfflugzeuge am Himmel, läuft die Propaganda auf Hochtouren."

Stefan Bollinger betrachtet in seinem Buch eingehend die Vorgeschichte der gegenwärtigen Konfliktlage. Über die Situation heute schreibt er bildhaft und ernüchternd: "Knapp acht Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges rasseln in Europa wieder Panzerketten, dröhnen Kampfflugzeuge am Himmel, läuft die Propaganda auf Hochtouren. Mit dem Ukrainekrieg ist aus den Rüstungen, Manövern und Drohgebärden blutiger Alltag geworden." 

Stefan Bollinger wirbt – auch und gerade heute – für eine "Entspannungspolitik mit Russland". Ist das eine Vision für unsere Zeit? Prominente Vertreter dieser Entspannungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland waren Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Egon Bahr und Helmut Schmidt. Bollinger verweist heute auf die klugen, klar- und weitsichtigen Analysen von Klaus von Dohnanyi. Wer in die Medien schaut, hofft sehnlich auf Abrüstung, auch in den Worten. Weder immer schwerere Waffen noch eine neue Kriegsrhetorik, martialisch inszeniert, werden Frieden bringen. Doch Frieden wird dringend gebraucht, nicht mehr, nicht weniger. Die Philosophen, so schrieb einst Karl Marx, hätten die Welt nur unterschiedlich interpretiert, doch es komme darauf an, sie zu verändern. Darauf setzt der Politikwissenschaftler Stefan Bollinger und bleibt der Hoffnung auf Frieden und Verständigung treu – auch und gerade in Zeiten des Krieges. Wer historische Fakten, unkonventionelle, provokative Thesen und kontrovers zu diskutierende Ansichten über den Krieg in der Ukraine kennenlernen möchte, dem sei dieses Buch zur kritischen Lektüre empfohlen.

Die Russen kommen!
Die Russen kommen!
Wie umgehen mit dem Ukrainekrieg? Über deutsche Hysterie und deren Ursachen
240 Seiten, broschiert
EAN 978-3897933477

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