Die Romantik Wie romantisch ist die Romantik?
Unser Verständnis von Romantik, belehrt uns die KI, „ist weit weniger ‚romantisch' im modernen Sinne, als ihr Name vermuten lässt." Gibt man das Adjektiv auf dem Portal des Duden unter ‚Synonyme' ein, erhält man Begriffe wie ‚gefühlsbetont' und ‚schwärmerisch', aber auch ‚realitätsfern'. In der landläufigen Wahrnehmung, ließe sich noch hinzufügen, ist ein Romantiker ein rückwärtsgewandter, weltfremder Idealist.
Mag alles zutreffen, würde Stefan Matuschek konzedieren, auch wenn ihm diese Formulierungen viel zu oberflächlich daherkämen. Als Wissenschaftler sieht der Jenaer Literaturprofessor in der Romantik in erster Linie eine Epoche, beginnend mit der Französischen Revolution. Und wie letztere auch außerhalb Frankreichs eine enorme Wirkung nach sich zog, war die Romantik „von Beginn an ein europäisches Phänomen" – sämtlicher vor allem in Deutschland seit den Napoleonischen Kriegen gepflegten Nationalismen zum Trotz.
„In England, Schottland, Frankreich, Italien und den deutschsprachigen Ländern", schreibt Matuschek, „entstanden zum Ende des 18. Jahrhunderts oft unabhängig voneinander eine neue Praxis und Theorie der Literatur, die ihr ein so noch nie dagewesenes eigenständiges Selbstbewusstsein und zugleich eine ganz eigene politische, weltanschauliche, religiöse und auch wissenschaftliche Wirksamkeit zu gewinnen versuchten. Es ist der Beginn der literarischen Autonomie – auch durch den Buchmarkt, der sich wirtschaftlich nach und nach selbst zu tragen und den ‹freien› Schriftsteller zu ernähren begann. Diese Autonomie bedeutete keine Selbstbezüglichkeit, keinen Selbstzweck, sondern den Anspruch, mit den eigenen Mitteln über das Literarische hinaus gesellschaftlich Einfluss zu nehmen."
Überlassen wir kurz noch einmal der KI das Wort: Die Romantik sei „eine Gegenbewegung zur Aufklärung" gewesen, „die sich auf Gefühl, Individualität, Fernweh, Mystik und die dunklen Seiten der Psyche konzentrierte. Kernmerkmale waren Sehnsucht, Naturverbundenheit und die Verschmelzung von Traum und Wirklichkeit." Also eine eskapistische Bewegung, die der Rationalität eine Fantasiewelt entgegensetzt!
Hier widerspricht Matuschek ganz entschieden. Er sieht die Romantik als komplementär zur Aufklärung. Auf deren Ideen und Erkenntnissen aufbauend, gab die Romantik der europäischen Moderne einen zweiten, entscheidenden Impuls. Phänomene, die nicht allein den Regeln der Vernunft folgten, erklärten die Künstler der Romantik – Schriftsteller, Maler, Musiker – unter Zuhilfenahme ihrer Gefühlswelt, Vorstellungskraft, Sinneswahrnehmung und psychologischer Deutung. Weltfremd war das nicht.
Zwar zielten die Romantiker darauf ab, sich von einer als artifiziell empfundenen, ‚hochgezüchteten' Kultur abzuwenden und zur Natur und zum Urzustand des Menschen zurückzufinden. Doch beinhaltete dies keineswegs eine Abnabelung vom Alltag. Am Beispiel der englischen Romantiker William Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge – in deren Fußstapfen später Percy Bysshe Shelley und George Gordon Byron traten – verdeutlicht Matuschek den gesellschaftlichen Anspruch romantischer Dichtung: Die Ideale der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sollten, auch wenn in Europa nach Napoleons Niederlage die Reaktionäre wieder an der Macht waren, in den Werken der Künstler fortgeschrieben werden und neben dem philosophischen auch den politischen Diskurs voranbringen.
Als Werkzeug verwendeten Wordsworth und Coleridge eine volksnahe Sprache. Ihre Gedichte sollten auch für weniger gebildete Zeitgenossen lesbar sein. Was nicht bedeutete, dass es in ihrer Poesie prosaisch zugehen durfte: Die Vermittlung authentischer Gefühle war essenziell. Später nahm Shelley den Faden auf und knüpfte ihn fort. Seine Werke beinhalteten eine politische Botschaft. Dem retro ad fontes der Romantiker und ihrem kulturellen Rekurs auf die Antike setzte er eine progressive Weltanschauung entgegen. Deren Kern bildete die Gerechtigkeit und das Glück – beides, so Shelleys Plädoyer, sollte allen Menschen unbedingt im Diesseits zuteil werden, anstatt sie auf ein vages Jenseits zu vertrösten.
Matuscheks Crashkurs wird natürlich auch der deutschen Romantik gerecht und behandelt nicht nur Theoretiker wie Friedrich oder August Wilhelm Schlegel, Friedrich Schelling und Novalis, sondern auch ausführende Literaten, darunter Joseph von Eichendorff, E. T. A. Hoffmann, die Weimarer Klassiker Schiller und Goethe; ebenso die Märchen sammelnden Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm, die Musiker Franz Schubert und Robert Schumann und den Landschafts- und Naturmaler Caspar David Friedrich. Nicht alle waren sich untereinander grün; einmal vertrat Goethe einem Gemäldesammler gegenüber die Ansicht: „Die Bilder von Maler Friedrich können ebensogut auf dem Kopf gesehen werden!"
„Als Epoche ist die Romantik vergangen", lautet Matuscheks Fazit. „Was mit ihr in die Welt kam, aber bleibt bis heute gegenwärtig. Das betrifft nicht nur die Literatur, Kunst und Musik dieser Zeit, die kanonisch geworden sind, sondern auch deren Stil und Verfahren. Sie sind bis heute produktiv." Die Romantik als Wegbereiter der Moderne: Matuscheks knapper, durchaus verständlich und unterhaltsam gehaltener Wissensband macht Schluss mit begrifflichen Fehlinterpretationen. Zudem mag die Lektüre den oftmals als mühsam empfundenen Zugang gerade auch zur aktuellen Kunst und Literatur erleichtern.
Alle Rezensionen von Ralf Höller