Ratgeber

Ein Plädoyer für Aktien

Wer sich fundiert und zugleich unterhaltsam über die Chancen und Risiken seiner Geldanlage informieren möchte, ist bei diesem seriösen Ratgeber bestens aufgehoben. Es gibt für den deutschsprachigen Raum kaum einen berufeneren Autor zum Thema Geldanlage als Gottfried Heller. Vor rund 50 Jahren hat er seine erfolgreiche Karriere als Vermögensverwalter und Fondsmanager mit der Gründung der FIDUKA, zusammen mit der Börsenlegende André Kostolany, begonnen und gilt als profilierter Kenner der internationalen Finanzmärkte. Zwischenzeitlich hat Heller seine Anteile zwar längst an seine Mitarbeiter abgegeben, ist jedoch auch noch mit über 80 Jahren als erfolgreicher Autor von Büchern, Kolumnen und Kommentaren tätig und tritt regelmäßig auf Börsentagen sowie als gern gesehener Gast in Funk und Fernsehen auf, um sich überzeugend und leidenschaftlich für eine bessere Aktienkultur in Deutschland einzusetzen.

Das Buch bietet einen gut verständlichen und systematischen Überblick über die verschiedenen Alternativen zum Vermögensaufbau fürs Alter. Heller beklagt dabei vor allem, dass die Deutschen ihr Geld falsch anlegen und damit die Chance verspielen, im Alter ausreichend versorgt zu sein. Während Aktien nicht nur in den USA, sondern auch in vielen anderen Industrieländern zur Geldanlage und Altersvorsorge verwendet werden, halten nur sieben Prozent der Deutschen überhaupt Aktien und nimmt man noch Aktienfonds hinzu, sind es gerade mal zwölf Prozent. Auch in Zeiten von Nullzinsen bleiben die Deutschen in großem Umfang ihrer extrem konservativen Geldanlagen treu. Die meisten Sparer investieren in Bankeinlagen, Sparbriefen, Anleihen oder Lebensversicherungen, obwohl dabei der Realzins seit ca. zehn Jahren negativ ist, verzichten dadurch auf Rendite bzw. Vermögenssteigerung und werden auf diese Weise schleichend enteignet.

Hellers Plädoyer für Aktien dürfte kaum überraschen. Er kennt und nennt alle Argumente für und gegen diese Anlageform, um danach deutlich zu machen, worin denn die "Revolution" der Geldanlage besteht. Diese hat kein Geringerer als Professor Paul A. Samuelson, erster amerikanischer Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften, im Jahr 1974 eingeleitet. In einem vorsätzlich provokativen Essay schrieb er, dass ein Fonds, der einfach einen Index nachbildet, für die Anleger eigentlich die beste Lösung sei und forderte die Investmentmanager, die Halbgötter der Wall Street, auf, sie sollten doch einfach verschwinden: "Werden Sie Klempner oder lehren Sie Griechisch oder arbeiten Sie bei einem Unternehmen, das etwas Nützliches herstellt". Der Fondsexperte John Bogle, der zu dieser Zeit die Investmentgesellschaft Vanguard gründete, heute der weltweit größte Aktienfonds, fand die Idee von Paul Samuelson faszinierend und startete 1976 den ersten Indexfonds der Welt. Der zweite Teil der Revolution folgte als im Jahr 1993 die State Street Corporation in Boston, die älteste Bank der USA, eine moderne Form der Indexfonds, die ETFs, erfand. Das Akronym ETF bedeutet Exchange Traded Fund (zu Deutsch börsengehandelter Fonds), dessen Kurs laufend bestimmt wird und der jederzeit – so wie eine Aktie – an der Börse gekauft oder verkauft werden kann. Einen weiteren Tiefschlag für die traditionelle Investmentwelt bedeuteten die Forschungsergebnisse der Finanzwissenschaft, "dass über 90 Prozent der Rendite und ebenso 90 Prozent des Risikos eines Portfolios von den in ihm enthaltenen Aktienklassen bestimmt werden. Weniger als zehn Prozent der Rendite und des Risikos sind demnach der Auswahl einzelner Wertpapiere (Stock Picking) und dem Market-Timing zuzuschreiben."

Es sind somit vor allem drei Gründe, die den Aufstieg der ETFs erklären. Erstens folgen sie einem einfachen und einleuchtenden Konzept, nämlich die Wertentwicklung eines Index wie beispielsweise des EURO STOXX 50 oder S&P 500 nachzubilden. Zweitens sind sie viel kostengünstiger als klassische Fonds, welche vergleichsweise hohe Gebühren erheben. Drittens, und dies ist der entscheidende Grund, können Fonds nicht dauerhaft den Markt schlagen und bessere Renditen erzielen als der Aktienmarkt als Ganzes. Heller zeigt auch konkret auf, wie Anleger mit unterschiedlichen Risikoprofilen und Anlagezielen, selbst mit kleineren Beträgen, diese "Revolution" zum eigenen Vorteil nutzen können. Er setzt sich in diesem Zusammenhang eingehend mit den drei langfristig überlegenen Aktienklassen auseinander, geht hierbei insbesondere auf die Growth- und Value-Aktien, sowie auf Nebenwerte und Titel der Schwellenländer ein und gibt konkrete Empfehlungen für die modulare Zusammensetzung eines diversifizierten globalen ETF-Portfolios.

Dieses Buch unterscheidet sich von einem "typischen Anlegerbuch" in vielerlei Hinsicht. Heller warnt vor komplizierten Angeboten, wie schwer durchschaubare Zertifikate oder komplexe Derivate, oder vor geschlossenen Fonds aller Art, deren Nutzen vorrangig in einer Steuerersparnis besteht. Langfristig orientierte Privatanleger sollten seiner Meinung nach auch nicht in ETCs und ETNs investieren. Selbst die Risiken so mancher Neukreationen von ETFs werden von ihm klar identifiziert und angesprochen. Der Autor gibt keine phantasiereichen und unerfüllbaren Versprechen ab und verfolgt mit seinen Empfehlungen auch keinerlei kommerzielles Eigeninteresse. Seine Ausführungen zur Vermögensbildung und Altersvorsorge basieren auch auf den Begegnungen mit bzw. den Erkenntnissen von legendären Börsenexperten, wie z. B. John Templeton, Warren Buffett, Ben Graham und André Kostolany. Das Werk weist autobiographische Züge auf und seine Schlussfolgerungen bzw. Empfehlungen sind eingebettet in eine breite Palette scharfsinniger Analysen zum politischen und wirtschaftlichen Umfeld der Börse. Dabei räumt Heller schonungslos mit so manchen leeren Versprechungen, Märchen und Schönfärbereien von Politikern aller Couleur auf und befasst sich u. a. mit den Themen:
• Die Ängste und Sorgen der Deutschen (Digitalisierung und Roboterisierung, dauerhafte Nullzinsen beim Banksparen, Verluste durch Lebensversicherungen, Altersarmut, Schuldenkollaps, Inflation und Populismus),
• Das Märchen von den reichen Deutschen,
• Der Euro – vom Wunschtraum zum Alptraum,
• Die Rentenproblematik und die staatliche Förderung falscher Vorsorgeprodukte.

Nicht zuletzt plädiert Heller in seinem spannend geschriebenen Buch auch dafür, dass die in Deutschland noch immer existierende Benachteiligung der Aktien endlich aufhören muss. Was den Vermögensaufbau für die Altersvorsorge angeht, weiß Heller um die Erkenntnis Ludwig Erhards, dass kein Staat seinen Bürgern mehr geben kann, als er ihnen vorher abgenommen hat – und das noch abzüglich der Kosten einer immer mehr zum Selbstzweck ausartenden Sozialbürokratie. Er zitiert den ehemaligen Wirtschaftsminister, Bundeskanzler und "Vater des deutschen Wirtschaftswunders": "Jeder ist seines Glückes Schmied. Es herrscht die individuelle Freiheit und dies umso mehr, je weniger sich der Staat anmaßt, den einzelnen Staatsbürger zu gängeln oder sich zu seinem Schutzherren aufspielen zu wollen."

Die Revolution der Geldanlage
Gottfried Heller

Die Revolution der Geldanlage


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FinanzBuch 2018
272 Seiten, gebunden
EAN 978-3959720786

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by rezensionen.ch - 2001 bis 2018