Dario Ferrari: Die Pause ist vorbei

Romanzo accademico

„Ich habe mich an der Rolle des Intellektuellen und der des Kosmopoliten versucht, für ein kurzes Intermezzo sogar an der des Revolutionärs"

Einen romanzo accademico könnte man das Debüt des heute 43-jährigen Dario Ferrari nennen, das vor drei Jahren erstmals im Original erschien. Der „Campusroman" entwickelt sich aber alsbald zu einem spannenden Krimi über die universitäre Tarnung eines Professors am Institut für Italianistik in Pisa. Mehr noch ist Die Pause ist vorbei aber ein authentisches und ehrliches Stück Literatur, das sich selbst mit der Literatur als Thema und Rhema beschäftigt. Aber alles andere als „akademisch", sondern bestechend und aufregend wie das Leben!

Das linksradikale Milieu der Siebziger in Italien

Marcello Gori, der dreißigjährige Protagonist des Romans, studiert Italianistik, und das schon seit längerem. Echte Hingabe an die universitäre Disziplin oder an seine Freundin Letizia sind ihm fremd, und er hat auch sonst keine wirklichen Ambitionen. Er weiß nur eines sicher: Er will niemals die Bar seines Vaters übernehmen oder in seine Fußstapfen treten. Da bietet sich ihm plötzlich eine einzigartige Gelegenheit, aus Viareggio, seiner Heimatstadt in der Toskana, zu entfliehen. Sein Professor und Betreuer seiner Doktorarbeit bietet ihm ein Thema zum schriftstellerischen Werk des linken Terroristen Tito Sella an. Sein literarisches und privates Archiv befinden sich in Paris, wohin sich Marcello zuerst nur sehr widerwillig begibt. Doch dann begegnet er in den heiligen Hallen der spektakulären Mitterrand-Bibliothek einer jungen, radikalen Linken, die ihm sogar die Fährte zu einem überlebenden Komplizen von Tito Sella legen kann.

Die junge Dame, Tea, steht dabei allerdings sehr viel mehr im Fokus seines Interesses als die Verbindung zu einem Überlebenden der Brigade Ravachol, einem Ableger der tatsächlich existiert habenden linksradikalen Brigate Rosse, die in den Siebzigern Italien unsicher machten. Der Leser bekommt einen absolut einzigartigen Einblick in die Diskurse der Linksradikalen der Siebziger und wie sie im heutigen Italien von der „Generation Easyjetset" (O-Ton) rezipiert werden. Inzwischen haben nämlich auch die Linksradikalen akademische Würden erhalten, und ihre Diskurse sind längst zum Thema akademischer Zirkel geworden.

Die Proust'sche Madeleine als Marihuanablatt

Die Pause ist vorbei ist eine gelungene Milieustudie mit großem Unterhaltungswert. Wer sich für Literaturwissenschaft, Italien und nicht zuletzt die Liebe interessiert, wird an diesem Roman, der auch mit viel Humor glänzt, nicht vorbeikommen. Interessant ist nicht nur die Sprache des Autors, sondern auch wie der Roman gebaut ist. Im Mittelpunkt steht nämlich der unfertige Roman Phantasima des erwähnten Tito Sella, den Marcello in der Mitte des vorliegenden Romans in voller Länge präsentiert. Somit entsteht eine Geschichte in der Geschichte, die zeigt, wie sehr die Vergangenheit und die Gegenwart verbunden sind. Ein bisschen linke und antikapitalistische Ideologie wird ebenso mitgeliefert wie das neueste Vokabular der Literaturwissenschaft. So entsteht ein Jargon, der sich sehr flüssig liest und spannend bis zum letzten Augenblick bleibt.

Cortège de tête ist einer der vielen Ausdrücke, die man aus diesem Roman lernen kann, aber auch wie man sich am besten eine Karte für das niveau recherche in der Mitterrand-Bibliothek organisiert. Aber auch Oblomow oder Rocky werden zitiert, ebenso wie die Proust'sche Madeleine. Letztere kommt in der Form eines Marihuanablattes in einem Kamillentee vor, das der Mutter von Marcello die Zunge löst und wodurch er einiges über seinen Vater Roberto erfährt, was er vielleicht gar nicht wissen wollte. „Danach wollte ich mich in mein toskanisches Schneckenhaus verkriechen und jeden Gedanken daran hinter mir lassen, ein kosmopolitischer Wissenschafter zu werden. Oder ein Revolutionär", hofft Marcello am Ende des handlungsreichen Plots.

Es gibt eben die Sieger, die Verlierer und was dazwischen: jene, die sich dafür entscheiden, einem Phantasma nachzujagen, schreibt Ferrari. Und siehe da: Jetzt ist Marcello doch noch etwas geworden! Schriftsteller! Schon jetzt eines meiner Lieblingsbücher von 2026, wenn nicht der letzten 20 Jahre …

Die Pause ist vorbei
Christiane Pöhlmann (Übersetzung)
Die Pause ist vorbei
Übersetzt von Christiane Pöhlmann
352 Seiten, gebunden
Originalsprache: Italienisch
Wagenbach 2026
EAN 978-3803133847

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