Die Kunst des Wartens

Warten als Kulturtechnik

"Die Bahnhofsuhr wird dem Wartenden schließlich zum Taktgeber. Jede verstrichene Minute wird zur Erlösung. Aber die Uhr ist dem, der ausharrt, zugleich Menetekel, denn obwohl während des Wartens die Zeit niemals schnell genug verrinnen kann, sind die leeren Minuten gewarteter Zeit eine bedrohlich anwachsende Last verlorener Augenblicke", schreibt Rodion Ebbighausen in seinem phänomenologischen Essay über das Warten, das in vorliegender Publikation so wie viele andere interessante Beiträge von den Herausgebern zitiert wird. "Die Kunst des Wartens" ist ein Buch über das Warten und beschäftigt sich nicht nur mit dem Warten, sondern auch mit den Wartenden und dem, was es aus uns macht.

Warten hat Potential

Das digitale Zeitalter hat uns das Warten scheinbar wesentlich einfacher gemacht, denn wir können das Warten in Hotellobbys, auf Bahnsteigen oder in Wartehäuschen nun nützlich gestalten. Aufgrund des aktuell grassierenden Zeitmangels sind wir auch nicht mehr verpflichtet auf die Episoden unserer Lieblingsserien zu warten, sondern sehen sie uns alle am Stück an. Die "Orte der Improvisation" oder "Räume der Kontemplation", wie sie Claudia Peppel in ihrem Geleitwort nennt, gehen dadurch allerdings zusehends verloren. Das Spannungsfeld von "Stillstand und Unproduktivität, Hoffnung und Erwartung, Ödnis und Langeweile, Kontemplation und Selbstvergewisserung" ist in Warte-Institutionen wie Gefängnisse und Laber verbannt worden und wir können uns endlich pausenlos ablenken. Dabei war Warten einst eine anthropologische Konstante, eine Kulturtechnik, denn es war stets ein Ort des Zufalls, der unerwartet Gemeinschaft und Zugehörigkeit stiften konnte.

Mischels Marshmallow-Experimente

Der Psychologe Walter Mischel versuchte es seinen Probanden zu versüßen, indem er ihnen ein weiteres Marshmallow versprach, sollten sie das vor ihnen platzierte in der nächsten halben Stunde nicht verzehren. Das konstruktive und destruktive Potenzial von Wartesituationen wird in vorliegender Publikation nicht nur anhand von Fotoserien, sondern auch mittels einer Reihe interessanter Essays und Zitate beleuchtet. Die Beiträge stammen aus Kunst und Literatur, Entwicklungspsychologie, Soziologie, Theater, Flüchtlingsseelsorge und noch vielen anderen Lebensbereichen und Disziplinen. Das Buch erzählt aber vor allem auch von unserem Umgang mit dem Warten, denn Warten bietet vor allem eines: den Ausstieg aus permanent zweckorientierter Tätigkeit. Und wir alle wissen, dass das Smartphone zwar als Mittel zur kurzfristigen Ekstase taugt, wie Johannes Vincent Knecht in seinem Beitrag schreibt, da es den Benutzer aus seiner raumzeitlichen Gegenwart entführt und er gleichsam außer sich gerät, in Wirklichkeit jedoch zu Narzissmus, Selbsttäuschung und Vereinzelung, vor allem aber zu Nervosität und Neid führt. Und letztendlich dient es vor allem auch der Durchsetzung totalitärer Überwachung und permanenter statistisch-kommerzieller Verwertung. Wir "Leibeigenen des Kapitals" sollten wieder lernen zu warten, wie Knecht es treffend ausdrückt: Wartenkönnen ist eine Form des Protests, eine im Sinne der Menschlichkeit bewahrungswerte Fähigkeit, ein Modus der Freiheit und Insubordination.

Mit Werken von David Claerbout, Andrea Diefenbach, Omer Fast, Andreas Gursky, Candida Höfer, Ursula Schulz-Dornburg, Philip Scheffner, Tobias Zielony und vielen anderen.

Die Kunst des Wartens
Die Kunst des Wartens
192 Seiten, broschiert
Wagenbach 2019
EAN 978-3803136794

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