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Jörg Magenau: Die Kunst der Zustimmung Martin Walser verstehen

29. April 2026
von Thorsten Paprotny

In seinem langen Leben verfasste Martin Walser (1927-2023) einen ganzen Reigen an Romanen und Erzählungen, an Dramen und Gedichten. Der Reichtum seiner ganz eigenen Sprachkunst sagt viel über ihn selbst, der so oft auch im Mittelpunkt von öffentlichen Debatten stand. Die Frage nach Gott ließ Walser, katholisch aufgewachsen, nicht unberührt, auch damit blieb er in der Arena des kulturellen Lebens in der postmodernen Welt ein Grenzgänger, mehr noch vielleicht ein sensibler, nachdenklicher, mystisch begabter und mitunter unerwartet eiliger Spaziergänger des literarischen Lebens, der eng verwachsen war mit der Landschaft um den Bodensee, darin etwa dem Philosophen Martin Heidegger, dessen Wirken schwerlich jenseits vom Raum Freiburg im Breisgau vorstellbar ist, nicht unähnlich. Jörg Magenau gehört zu den besten Kennern seines umfangreichen Werkes und publiziert in diesem Band Einsichten zu Martin Walser und der großen Weite seiner Arbeiten.

Magenau schildert Begegnungen mit Walser und zeigt eindrucksvoll, wie der bereits 79-jährige Schriftsteller, der gerade den Roman „Angstblüte“ publiziert hat, im Jahr 2006 in Hamburg nicht gemächlich schlendert, sondern Tempo aufnimmt, förmlich seinen Begleitern entflieht, mit „ungeduldigem Trippelschritt“ beginnend: „Staunend sahen wir hinter ihm her, wie er vor uns entschwand, sich unter die Jogger mischte und sich seinen Weg zwischen den Spaziergängern suchte. Vor dem Literaturhaus wartete er auf uns. Sichtlich befriedigt nahm er Hut und Mantel in Empfang. Sein Hemd war durchgeschwitzt, aber das machte ihm nichts aus. »Das trocknet wieder.«“ Sogleich begann er zu lesen, auf die ihm eigene Art, mit ausladenden Gesten, und nichts war ihm anzumerken.

Martin Walser blieb für Überraschungen gut, nicht nur in der Literatur, auch im Alltag, mit einem besonderen poetischen Schwung. Für das „Rechthabenmüssen“ hatte er eine Schwäche, in seinem Haus in Nußdorf herrschte ein bemerkenswertes Durcheinander. Die Ordnung in den Gedanken korreliert nicht immer mit einem geordneten Arbeitszimmer. Zuletzt besuchte Magenau den hochbetagten Schriftsteller wenige Wochen vor seinem Tod. Er war bereits sichtlich gezeichnet, erschöpft und schläfrig, verzehrte doch mit Leidenschaft Kuchen und begegnete dem Besucher noch immer mit großer Munterkeit und Geistesfrische. An Präsenz hatte der alt gewordene Walser nichts eingebüßt. Er war noch immer da.

Zeitlebens fremd blieben ihm spröde Erklärungsversuche. Die menschliche Bildung von Kausalitäten hielt er für eine Fiktion, weil es so vielen Menschen leichter falle, das Geschehen zu akzeptieren, wenn sie einen Grund dafür fänden. Martin Walser suchte schreibend nach der „Kunst der Zustimmung“. Sein eigenes Leben bot Stoff für Literatur, „indem er in andere Rollen und Figuren hineinschlüpfte und die Welt durch deren Augen betrachtete“: „Der Dichter als exemplarisches Subjekt untersucht sein Empfinden, um auf diesem Umweg etwas über seine Zeit und den Zustand der Welt zu erfahren. Man könnte Martin Walser als einen Realisten der Subjektivität bezeichnen.“

Magenaus Überlegungen klingen einleuchtend, reichen aber möglicherweise hier nicht weit genug, denn Walser war mitnichten ein literarischer Kommentator dessen, was wir Wirklichkeit nennen. Er dachte über Verwicklungen nach, insbesondere über die Beziehungen von Menschen untereinander, ebenso über den Horizont des täglichen Lebens, auch Welt genannt, die nicht gänzlich erkennbar, aber beschreibbar ist. Richtig ist, dass „Walsers Romanwelten“ der Lebenswelt des Autors oft ähnelten, was Verwechslungen begünstigte. Walser zog es auch vor, sich nicht zu erklären, und er musste sich auch nicht erklären – wer ihn missverstehen wollte, der missverstand ihn. Der Konflikt mit dem prominenten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der vielen seiner Werke eine überschaubare Wertschätzung entgegenbrachte, zählt dazu, ebenso die hitzige, kontroverse Debatte um seine Rede in der Frankfurter Paulskirche, als er sich 1998 zu aus seiner Sicht kultischen Dimensionen des Gedenkens an die Verbrechen der NS-Zeit äußerte. Auf der Schaubühne des öffentlichen Lebens, auch Politik genannt, sorgte Martin Walser zeitweilig für Irritationen. Er sprach auch über sein Leiden an der deutschen Teilung und von der Hoffnung auf Wiedervereinigung, und dies zu einer Zeit, als jeder Intellektuelle, der sich mit der Berliner Mauer nicht abfinden wollte, noch als unbelehrbar konservativ galt. Öffentlich sprach er, so Magenau, „im Gestus der Beichte“. Er brachte vor, was ihn zuinnerst bewegte, und erspürte das „deutsche Selbstverständnis“ mit einem „feinen Sensorium“. Ein gesellschaftskritischer Autor war er nicht, so „meinungsfroh“ er sich auch äußern konnte. Die „Pflicht zum Kritisch-sein-müssen“ war ihm verdächtig.

Der Schriftsteller arbeitete mit einer „Erotik des Verbergens“ in seinen Romanen und Erzählungen, mit sorgfältigen „Distanz- und Näheverhältnissen“, im Wissen darum, dass „mit der Nähe auch die Menge des Verschwiegenen zunimmt“. Walser schrieb „aus einem Gefühl der Zustimmung heraus“. Er scheute Urteile, hoffte auf Zustimmung, protegierte gern jüngere Kollegen, was „Widerspruch und Weiterdenken“ nicht ausschloss. Der „Objektivitätsgestus der Bescheidwisser“ missfiel ihm, setzte auf das „subjektive Empfinden“ und das „Selbstgespräch“, hielt Abstand zu „peinlichen Missionaren“ aus den Feuilletons: „Er suchte nach einer anderen, philosophischen Art des Sprechens, das nichts mit dem Verkünden von Meinungen zu tun haben sollte.“ Aus der Erfahrung des „Mangels“ erwuchs sein Schreiben, auch wenn er sich „wie in der Beichte“ entäußerte und zugleich „verborgen im Schutz der Fiktion“ blieb.

Jörg Magenau skizziert Martin Walsers Art zu schreiben wie folgt: „Walser wollte zur Zustimmung verführen, jedenfalls im Alter, um das Rechthabenmüssen ein für alle Mal hinter sich zu lassen, in der Liebe genauso wie in der Politik.“ Er lauschte seinen „Träumen“ auch „ohne moralischen Zwischenfilter“ und schrieb „seine Romane, um sich darin zu verstecken“. Im hohen Alter wurde die religiöse Frage immer präsenter, ob in dem Band „Rechtfertigung, eine Versuchung“ aus dem Jahr 2012, ob in der Erzählung „Mädchenleben oder Die Heilige“ von 2019, als er etwa fünfzig Jahre alte Notizen aus den Tagebüchern aufnahm und literarisch ausformte. Dazu schrieb er Gedichte, die oft wie beiläufig anmuteten, in denen sich auch Ausblicke finden, gewissermaßen über den Bodensee hinausschweifend. Walser sei „kein Lyriker“ und wolle es auch nicht sein, so schreibt Magenau, aber er habe einen „poetischen Ton gefunden“, die Schönheit entdeckt: „Diese Verschönerungsarbeit ist keine Vereinfachung und Harmonisierung. Sie macht die Dinge nuancenreicher und betrauert sie in ihrer Vergänglichkeit.“ Ergänzen ließe sich hier: Martin Walser schaute auch ins Weite hinaus, durchaus ahnend, dass der Horizont, vor dem wir uns bewegen, sehr viel weiter reichen könnte, als selbst die Frömmsten unter uns – gestern, heute und morgen – zu denken wagen. Jörg Magenaus neues Buch schenkt wertvolle Einblicke, um Martin Walser von innen her zu verstehen und sich seiner Wahrnehmung der Welt anzunähern. Es ist eine Einladung zur Lektüre von Walsers bleibend kostbaren literarischen Werken.

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Buchcover von Die Kunst der Zustimmung
Jörg Magenau
Die Kunst der Zustimmung
Fast alles über Martin Walser - Essays und Interviews
256 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-86142673-8