Uta Ruge: Die Kühe, mein Neffe und ich

Über das Landleben

Die idyllische Verklärung des Landlebens reicht von der Romantik bis in die Gegenwart. Wer als intellektueller Stadtmensch etwa von der Schäferei schwärmt, dem sei der nähere Kontakt zu possierlich anmutenden, nicht selten störrischen Schäfchen empfohlen. Der "gute Hirte" in der Bibel hat also harte Arbeit geleistet, als er das verlorene, bockige Schaf nach Hause trug. Auch ganz anderen Herausforderungen – nämlich zeitgeistig-politisch verursachten und ökonomisch bedingten – sind tüchtige, erdverwachsene Bauern gegenwärtig ausgesetzt. Auf den Almen im Herzen Europas herrscht mitnichten beständig friedvolles Kuhglockengeläut. Doch mit großen Tieren – und Rinder gehören dazu, ob Fleck- oder Braunvieh – lässt sich gut zusammenarbeiten, man kann und darf sie mögen und begleiten. Uta Ruge porträtiert die Welt, die Kühe und Menschen teilen, mit Feingefühl, Realismus und Dankbarkeit.

Zu Beginn werden die Leser – denen eine gewisse fachliche Ahnungslosigkeit berechtigterweise unterstellt wird – über Rinder aufgeklärt: "Rinder nennt man nach der Geburt Kuh- oder Bullenkälber, als weibliche Halbwüchsige dann Färsen, Sterken oder Kalbinnen, nach dem Kalben sind sie Kühe. Männliche Rinder werden Bullen, Stiere oder, nach der Kastration, Ochsen genannt." So ist die Welt der besonderen Zugtiere schnell erklärt und nicht verklärt. Nichts, so schreibt Uta Ruge, das zur Natur gehöre, sei "heilig", alles bedeute Arbeit, "vor allem unsere Tiere". Wer mit Tieren arbeite, stehe breitbeinig im Mist. Diese Arbeit wird eindrücklich geschildert: "Wir drückten die Kühe, die wir am späten Nachmittag von der Weide zum Melken in den Stall geholt hatten, ein Stück näher an die vom Balken herab zum Boden führenden Ketten, um sie anzubinden. Als Kinder mussten wir unser ganzes Körpergewicht einsetzen, um die großen Tiere einen Schritt weiter zu bewegen, die mindestens zehn- oder zwanzigmal schwerer waren als wir. Und außerdem mit gleich vier Beinen ausschlagen oder ihre Füße mit scharf behornten Klauen auf unsere im Sommer oft nackten Kinderfüße stellen konnten. Mit Kraft und Vorsicht mussten wir unsere Schultern gegen ihre Schultern lehnen, um sie ein paar Zentimeter näher zur Kette zu bewegen. Und manchmal hielt eine Kuh dagegen."

Der Bauernhof ist eine Schule fürs Leben. Im direkten Umgang mit Tieren lernt so mancher mehr, als jede Elementarschule und erst recht jedes Gymnasium im Biologieunterricht vermitteln kann. Auch das Sozialverhalten wird erlernt, freilich weitab von jeder Gendertheorie oder dem Glauben an diskursive Prozesse. Es geht weder im Stall noch auf dem Feld um Identitätskonstruktionen, sondern um "wortlose Abläufe", bei denen sich auch die "kindliche Identifikation" mit Tieren auflöst, die Verbundenheit mit ihnen aber wächst. Tiere und Menschen seien einander ähnlich, so legt Uta Ruge dar, aber "doch nicht dasselbe". Frauen würden schwanger, Tiere seien trächtig. Sie beschreibt ihr Leben mit und Nachdenken über Tiere.

"Wer mit großen Tieren lebt, weiß, dass ohne ihre Kooperation kaum etwas auszurichten ist."

Die Beziehung sei "ambivalent": "Wir waren das Tier, und doch waren wir ja auch der Mensch, der mit ihm arbeitete. Wir wurden weder angebunden noch stand uns für die Zukunft das Melken bevor – und das Schlachten erst recht nicht. Gleichzeitig senkte sich im Zusammenleben mit ihnen auch das Bewusstsein der eigenen Verletzlichkeit tief in uns ein." Die Autorin moralisiert nicht, sie beschreibt und erklärt. Vor allem zeigt sie auch die wechselseitigen Beziehungsweisen zwischen Kühen und Menschen und bezeichnet den Begriff der "Domestizierung" als zu kurz greifend, ja als sachlich falsch: "Wer mit großen Tieren lebt, weiß, dass ohne ihre Kooperation kaum etwas auszurichten ist." Nötig sei auch ein "großer Vorrat an Geduld", und das auf beiden Seiten.

Sympathisch, auch passend bezeichnet liest es sich, wenn Uta Ruge das Verhältnis der Kühe untereinander als kollegial beschreibt. Wer in der Welt der Menschen zu Hause ist, weiß sogleich, dass Beziehungen unter Kollegen nicht immer einfach und unkompliziert sein müssen, ganz im Gegenteil, es gibt Kämpfe, Reibereien und Zwistigkeiten, zugleich aber auch ein geordnetes Miteinander, ohne das letztlich – eine Parallele – auch das Leben als Rind nur schwer erträglich wäre: "In Herden von knapp sechzig Kühen kennen die Tiere einander, bilden lockere Gruppen, befreunden sich, lecken einander, gehen zusammen durch den Stall und legen sich oft nebeneinander in die Boxen."

Mit sanfter Ironie schildert Uta Ruge wissenschaftliche Beobachtungen unserer Zeit. Die Tiere würden von ihren Haltern umsorgt. Auch schwere körperliche Arbeiten würden erledigt, vom Entmisten über das Füttern und Melken bis hin zur Geburtshilfe. Die "Besänftigung der Tiere" gehört ebenso dazu. Was sagen Wissenschaftler dazu? Die kundige Autorin berichtet: "Später lese ich von wissenschaftlichen Untersuchungen, in denen mit Verwunderung festgestellt wird, dass Viehhalter ein freundliches, nicht selten sogar ein liebevolles Verhältnis zu ihren Tieren haben." Die Arbeit als Landwirt ist hart, anstrengend, erschöpfend und kräfteraubend. Auch das scheint den Wissenschaftlern nicht entgangen zu sein, immerhin. Wer mit großen Tieren arbeitet, hat trotz aller Strapazen Freude an der Tätigkeit. Der Bauer, einfach gesagt, mag sein mitunter störrisches Vieh auch gern leiden. Offenbar ist ein Gedanke wie dieser heute vielfach nur schwer nachvollziehbar. Warum eigentlich? Uta Ruge versteht das auch nicht und schreibt: "Mich wundert die Verwunderung der Wissenschaftler." Sie spart zudem nicht – berechtigterweise – mit Kritik an der Politik dieser Zeit.

Manche sähen das Land nicht mehr als "humushaltige Grundlage unserer Ernährung" an, sondern nur noch als Stellplatz für "Windräder und Fotovoltaikanlagen".

Die Kuh werde heute als "Klimakillerin" vorgestellt – und in den Medien werde dieses Bild verbreitet, ja die "falschen Bilder" haben sich verfestigt, auch wenn der Weltklimarat gemeldet hätte, dass der "Methanausstoß der Rinder" jahrelang zu hoch angesetzt worden sei, um das Dreifache. Ein unguter Zeitgeist regiert und wütet. Die Forderungen nach "mehr Tierwohl" seitens bestimmter Parteien nennt Uta Ruge als Beispiel und schreibt, dass kleine und mittelgroße Betriebe sich die Investitionen hierfür gar nicht leisten könnten: "Es herrscht in der mehrheitlich städtischen Bevölkerung ein totales Unverständnis für tierhaltende Landwirte, und dieses Unverständnis wird von den Meinungs- und Politikmachern des Landes geteilt. Das hat zu einer gesellschaftlichen Stimmung geführt, die sich immer mehr verfestigt zu einer generellen Vorverurteilung der Landwirte." Manche sähen das Land nicht mehr als "humushaltige Grundlage unserer Ernährung" an, sondern nur noch als Stellplatz für "Windräder und Fotovoltaikanlagen".

Uta Ruge kehrt am Ende ihrer klugen, kenntnisreichen und unzeitgemäßen, vor allem ungeschmeidigen Darlegungen gewissermaßen zurück in den Stall und führt aus, dass jeder Landwirt am Morgen zu seinem Vieh gehen müsse, egal, was in der Welt vor sich gehe: "Er geht in den Stall. Keine Ausrede gilt. Keiner sucht eine." Diesem einfach großartigen Buch über das Landleben, damit auch über das Leben mit großen Tieren, sind viele einsichtige Leser zu wünschen, auch unter den Stadtmenschen dieser Zeit.

Die Kühe, mein Neffe und ich
Die Kühe, mein Neffe und ich
Mit großen Tieren aufwachsen, leben und arbeiten
226 Seiten, gebunden
EAN 978-3956145650

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