Politik

Wien: Hauptstadt des Sex?

Ein etwas abrupter Einstieg mit Conchita Wurst und einem Boy-Girl-Conundrum eröffnet den (Sex-)Reigen dieser sehr speziellen Publikation zur Entwicklung des horizontalen Gewerbes und des Sex-Marktes in Wien, der scheinbaren "Hauptstadt des Sex", wie der Titel insgeheim suggeriert. Tatsächlich kann sich Wien aber mit Paris, das ja seit jeher die Metropole der Liebe war und ist, messen, wie die Autorin fühlbar nachzeichnet. Selbst eine Conchita Wurst hat es nämlich schon gegeben und das natürlich - in Wien. Die mexikanische Bartfrau Julia Pastrana, die unter Hypertrichose litt, wurde so wie viele andere in den "Abnormitäten-Shows" im Wiener Prater, der gerade seinen 250. Geburtstag feierte, ausgestellt: Groß- und Kleinwüchsige, Albinos, siamesische Zwillinge, Bartweiber, frivole Szenerien und viele andere bizarre Belustigungen bedienten die Sensationsgier der Besucher des Praters. Das Präuscher’sche Panoptikum stellte etwa auch Wachsfiguren und anatomische Besonderheiten aus.

Krieg gegen die Frau

Dass sich auf dem Stephansdom, dem Wahrzeichen der Donaustadt, sogar Penis und Vagina als apotropäische Symbole befinden, entschlüsselt die Autorin in ihrem locker, lässig und leger geschriebenen Werk voller Anspielungen an die aktuelle Populärkultur (Placebo, Nirvana) ebenso, wie die "Putzsucht" mittelalterlicher "Weiber": damit war das Schminken und die Maskerade gemeint, denn selbst das gab es "damals" alles schon. Die spätere für den Jugendstil so prägende "Mädchenliebe" hatte ihre Vorläufer ebenfalls im Mittelalter: als "ideale Schöne" galt ein Teenager von 15 Jahren, mit 25 war eine Frau schon mehrfache Mutter und somit dem Alter zugehörig. Aber Gottes Strafe folgte sofort, wie auch damals Konservative vermuteten: die Pest wurde von der Katholischen Kirche gerne als Strafe Gottes für das sündige Leben interpretiert und immerhin 25 Millionen Menschen, ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung, fielen dem "Schwarzen Tod" zum Opfer. Verfolgt wurden danach vor allem Hebammen, die als Hexen verurteilt, mit dem Teufel im Bunde gestanden sein sollen, auch das eine Spätfolge der Pest, die nun durch Buße und ein sündenfreies Leben nie mehr ausbrechen sollte. "Die Zurückdrängung der Frauen aus eigenverantwortlichen Tätigkeiten zugunsten der Männer sowie bis heute wahrnehmbare Prozesse wie die Ausgrenzung von Geburt und Tod aus dem familiären Bereich", wie Lindinger pointiert bemerkt, können als Kriegserklärung an die Frau gelesen werden.

Adieu mit einem Kuss auf dein "ertzenglisches Arscherl"

Dass es natürlich dennoch die freie Liebe und Prostitution weiterhin gab, zeichnet die vorliegende Publikation akribisch nach. Die Bademägde des Wiener Stubenviertels hatten im Mittelalter einen so guten Ruf, dass es damals schon hieß, es gäbe in der Stadt Wien den wahren Luxus: "schöne Weiber, Leckerbissen und zweimal die Woche baden". In der Epoche Maria Theresias schrieb Isabella, die erste Frau ihres Sohnes Joseph, an seine jünger Schwester Marie Christine, die das Nachtgeschirr mit Isabella gerne tauschte, in einem Abschiedsbrief: "Adieu nochmal, ich küsse dein ertzenglisches Arscherl" und der spätere Kaiser selbst, Joseph II. flog einmal höchstselbst aus einem Spittelberger Bordell, wo heute noch die Inschrift prangt: "Durch dieses Thor im Bogen/ist Kaiser Joseph geflogen". Seine Vorliebe für "Veilchen-Lieserl" war sprichwörtlich, nicht zuletzt ging deswegen sein Bonmot in die Geschichte ein: "Was Bordelle? Da brauche ich nur über Wien ein großes Dach machen zu lassen, und das Bordell wäre fertig!"

Charogne im Demi-Monde!

"Parties fines" am Schnepfenstrich am Graben sollten von Maria Theresia’s Schnüfflern unterbunden werden, denn "solche Aventuriers, die "Charlattanieres producirten", zitiert Lindinger aus einer Quelle, wären zu unterbinden. Dennoch gab es bei einer Bevölkerung von 600'000 Menschen 20'000 Prostituierte in Wien, deren Anzahl zu Zeiten so feierlicher Anlässe wie des Wiener Kongresses sogar noch anstieg. Der Volksmund dichtete anlässlich des "Liebeskongresses" 1814/1815: "Gestank und Kot in allen Gassen,/viel Weiber die den Eh’stand hassen,/Viel Männer, die mit andern teilen/so wenig Jungfern, lauter Fräulein." Auch die Vielfalt der damals in Wien benutzten Bezeichnungen für Prostituierte zeigt die Plurizität des Angebots: Demi-vièrges, Pierreuses, Grisettes, Cocottes, filles soumises, verseuses, Tribaden. Um 1850 soll die Hälfte aller Sexarbeiterinnen in Wien jünger als 12 (!) Jahre gewesen sein. Die "Psychopathia Sexualis" (1886) von Richard von Krafft-Ebing sprach zwar von devianten Abnormitäten, die Vorliebe der "edlen Herren" wie Peter Altenberg, Adolf Loos oder Theodor Beer wurden darin aber nicht erwähnt. Sie bildete die Grundlage für den Wiener Seelenarzt Sigmund Freud, der wohl aus gutem Grund zu seiner Zeit alles auf den Sex zurückführte, so besessen schienen die Wiener der Jahrhundertwende immer noch davon gewesen zu sein. Felix Saltens "Josefine Mutzenbacher" berichtet über die "Asphalt-Rehe" und Bambis - von Felix Salten stammt ebenfalls das von Walt Disney verfilmte Werk - und deren Aficionados werden in vorliegender Publikation ebenso gestellt wie ein Jäger seinen Hirsch: Die unselige Trinità der Päderastie liebte vornehmlich Mädchen unter 15. Wien galt damals als Traumziel einer ganz spezifischen Art von Sex-Tourismus: Wiener Sujets und Wiener Mädls.

Die Hauptstadt des Sex
Michaela Lindinger

Die Hauptstadt des Sex


Geschichte und Geschichten aus Wien
Amalthea Signum 2016
EAN 978-3990500491

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