Ein anderes Bild Giacomo Casanovas
"Ich kochte vor Rachegelüsten, die ich mir verheimlichte. Ich sah mich schon an der Spitze des Volkes, um die Regierung auszutilgen und die Aristokraten niederzumetzeln; alles musste zermalmt werden." So aufgebracht schrieb Giacomo Casanova nach seiner Verbannung aus seiner Heimat über die Adelsrepublik Venedig. Aber der eigentliche Casanova betrieb das Projekt seiner Rückkehr nach Venedig dann unter ganz anderen politischen Vorzeichen. Entgegen weit verbreiteter Ansichten von Casanova als Freigeist, war er nämlich Legitimist, "der sich den Behörden als vielseitig verwendbarer Staatsdiener empfahl", so Lothar Müller in seinem Vorgängerwerk zu Casanova, dem Reiselesebuch zu Venedig, ebenfalls im Wagenbach-Verlag erschienen.
Carrière d'aventurier
Voller Selbstironie erklärt Casanova auch, wie er vom mündlichen Erzählen zum Aufschreiben seiner Memoiren gekommen sei. "Um mündlich zu erzählen, braucht man eine gute Aussprache. Eine lockere Zunge allein genügt nicht, man muss Zähne haben, denn die Konsonanten, zu denen man sie braucht, machen mehr als ein Drittel des Alphabets aus und ich habe unglücklicherweise bereits alle meine Zähen verloren. Beim Schreiben kann der Mensch auf sie verzichten, aber sie sind unerlässlich, wenn er sprechen, wenn er überzeugen will." Das Überzeugen gelang Casanova aber auch schriftlich, schließlich wurden ihm alle seine Geschichten aus "Histoire de ma vie" geglaubt, bis auf Lothar Müller, der sie hier, in vorliegender "Feuerschrift" meisterhaft konterkariert. Das wichtigste Instrument seines Erzählens sei mündlich wie schriftlich die Anekdote gewesen, "die Sottisen, Pointen, Übertreibungen, Verzerrungen, nicht selten fingierter Augenzeugenschaft". Das zu seiner Zeit noch junge Genre der Zeitgeschichtsschreibung verdankt Casanova viel, ja man könnte ihn sogar als Mitbegründer bezeichnen.
Alchimie, Glücksspiel und Wechselbetrug
"Wenn Sie etwas Wahres wissen wollen", schrieb Casanova schon 1787 an den Grafen Maximilian Lamber, "über alle Abenteurer dieser Erde, unsere Zeitgenossen, so kommen Sie zu mir, denn ich habe sie alle gekannt funditus et in gute." Allein diese lateinische Anspielung zeugt schon von der ungeheuren Belesenheit Casanovas, der damit auf Jean-Jacques Rousseaus Motto "Intus et in cute" (innerlich, bis unter die Haut) referiert. Im Wort Abenteurer, aventurier, stecke stets schon die Zukunft, weiß Lothar Müller, denn sprachgeschichtlich stamme es vom Partizip Futur des lateinischen Wortes "advenire". Dazu gehöre es auch, aus Papier Gold zu machen oder Empfehlungsbriefe und Referenzen kunstvoll zu fälschen. Öfters mal wieder des Wechselbetrugs bezichtigt, war Casanovas ökonomisches Ideal das des Kredits, schreibt Müller pointiert. Die Libertinage benutzte der eigentlich wertkonservative Casanova als "Medium der Überbrückung von Standesunterschieden und Brücke in die Sphäre der Politik", so Müller weiter. Als er sich bei Friedrich II. von Preußen bewirbt, lobt ihn dieser mit den Worten, er sei ein schöner Mann. Aber Casanova antwortet dem König: "Ist es möglich, dass Eure Majestät nach einem langen, rein sachlichen Vortrag an mir nur die geringste der Qualitäten entdecken, durch die sich Ihre Grenadiere auszeichnen?"
Faire fortune en Russie
Auch bei Katharina II. hat Casanova (noch) weniger Glück. Er stilisiert sie zwar in seinen Schriften zur "Semiramis des Nordens" (Voltaire hatte sie zuvor "Stern des Nordens" genannt) und der Verkörperung aufgeklärter Herrschaft, aber selbst das wird ihm nicht vergolten. Immerhin nimmt er an einem Maskenball im Winterpalais teil, der auch nicht die erwünschten Ergebnisse zeitigt. In Polen muss sich Casanova sogar duellieren, trägt aber immerhin den Sieg davon, was ihn international quasi aufwertet. Die Verwestlichung Russlands sollte die "Versüdlichung" Russlands bis nach Griechenland und Konstantinopel ergänzen, wäre es nach Katharina II. gegangen. Was Polens Situation betraf, äußerte sich Casanova in einem Rückblick auf Sobieski und die Türkenbefreiung Wiens 1683 für die Souveränität Polens, aber darauf hörte selbstverständlich niemand. Er rät sogar dazu, die Russen in ihren "angestammten Grenzen zu halten".
Solioloque d'un penseur
Die Selbstgespräche eines Denkers, die Casanova im Frühherbst 1786 in Prag und später auf Schloss Dux begann und die an Rousseaus Réveries du promeneur solitude angelehnt waren, zeigten den Imposteur als Menschenkenner. Anhand des Lebens von Cagliostro erklärt Casanova, dass gerade die Gebildeten und Aufgeklärten den Betrügern auf den Leim gehen würden, gerade weil sie sich überlegen fühlten. Auf Schloss Dux wurde er vom Abenteurer zum Bibliothekar, schrieb mit dem Rücken zur Gegenwart die legendären Zeilen: "Indem ich mich zehn oder zwölf Stunden am Tag mit Schreiben beschäftigte, konnte ich verhindern, daß mich der schwarze Verdruss umbrachte und mir den Verstand raubte." Zwischen 1785 und 1798, dem Jahr seines Todes war er immerhin vier von dreizehn Jahren erst recht wieder auf Reisen und "unterwegs". Im revoltierenden, französischen Volk, das in jener Zeit, wie Cagliostro prophezeit hatte, begann, die Bastille niederzureißen, sah Casanova allerdings alles andere als eine Befreiung, ganz anders als man es von einem Libertin erwartet hätte. "Monstres" nannte er sie, ein "riesiges, wildes Monster, ein grausames, blutrünstiges und schreckliches Wesen".
"In der Feuerschrift seiner Memoiren", 71 Bände sollten es werden, "gingen die Französische Revolution, die Expansion des russischen Imperiums, die Untergänge Polens und der Republik Venedig ein. Als er im Juni 1798 schließlich starb, gab es das Europa nicht mehr, dem er entstammte", fasst Lothar Müller das Leben des großen Abenteurers zusammen. Der Text wird ergänzt von einer bisher noch nie ins Deutsche übersetzten Schrift Casanovas sowie Bild- und Kartenmaterial und einer Zeitleiste.
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