Cédric Klapisch: Die Farben der Zeit

Das Paris, von dem wir immer träumten

Ankunft der Zukunft ("La venue de l'avenir") wäre der Originaltitel dieser charmanten Geschichte von Cédric Klapisch, die auf den Übergang von der Malerei hin zur Fotografie Ende des 19. Jahrhunderts anspielt. Doch „Die Farben der Zeit“ spielt nicht nur 1895, sondern auch 2024 und verfolgt die Geschichte einer Erbengemeinschaft, deren Erbe einem Supermarkt weichen soll.

Hymne auf den Impressionismus als Epoche

„Die Kunst ist eine Lüge, die zur Wahrheit führt.“ Das verlassene Landhaus in der Normandie stand jahrzehntelang leer und ist völlig von der Natur überwuchert. Bis sich ein Konsortium bei den 30 Erben meldet und ihnen ein unwiderstehliches Angebot unterbreitet. Jedoch sind nicht alle damit einverstanden, den Besitz zu verkaufen. Vier Auserwählte dürfen sich um die Angelegenheit kümmern und werden von der Kamera bei ihrer Spurensuche begleitet.

Da wäre einmal der Bienenzüchter Guy, dann Seb, der Modefilmmacher, die Immobilienentwicklerin Céline (Julia Piaton) und der Lehrer Abdel. Als sie das Gebäude betreten, finden sie nicht nur einen Haufen Fotografien von Adéles Mutter Odette, der vormaligen Besitzerin, sondern auch ein kleines Gemälde von Claude Monet. Diese Gegenstände werden zum Anlass vielzähliger Rückblenden, an denen der Filmemacher Cédric Klapisch scheinbar einigen Spaß hatte. Oft sind die Überblendungen so unmerklich, dass man glaubt, sich gleichzeitig in beiden Jahrhunderten – dem 19. und dem 21. – zu befinden. Wie eng die Vergangenheit und die Gegenwart verbunden sein können, zeigt vor allem auch Suzanne Lindon als mutige Adèle, die ihren Heimatort auf dem Land verließ, um in der großen Stadt Paris nach ihrer Mutter zu suchen.

Vor dem Hintergrund des Impressionismus entfaltet der Regisseur einen wunderschönen Bilderreigen, der einen bald ebenso verzaubert wie die vier Protagonisten des 21. Jahrhunderts. Diese nehmen die Wunderdroge Ayahuasca zu sich und wechseln so mühelos zwischen den Jahrhunderten.

Von Pigmenten im 19. und Pixeln im 21. Jahrhundert

Adèle schließt in Paris Freundschaft mit Paul Kircher als Maler Anatole und Vassili Schneider als Fotograf Lucien. Mit Sara Giraudeau als Adèles Mutter Odette tut sie sich anfangs noch schwer, denn schließlich hatte diese sie vor genau 21 Jahren im Stich gelassen. Adèle erlebt in Paris eine Stadt im Aufbruch zur Moderne, den Vormarsch der Fotografie in Person Luciens und die Anfänge der impressionistischen Malerei in Person Anatoles. Die beiden liefern sich auch witzige Dialoge, wenn etwa Lucien die Malerei als Arbeit und die Fotografie als Müßiggang bezeichnet. Wer von den beiden Adèle schließlich erobert, klärt sich ebenso wie die eigentlichen Unterschiede zwischen Malerei und Fotografie.

Wie wir in den Extras der Doku „Pigmente & Pixel – Cédric Klapisch und die Farben des Impressionismus“ erfahren, war der Begriff Impressionismus zuerst als Verspottung gedacht. Durch die Erfindung der Farbtube konnte endlich auch in der freien Natur gemalt und der Moment festgehalten werden. Das Vorübergehende, das Flüchtige, der Augenblick stand im Zentrum dieser neuen Malerei – keine inszenierte ideale Welt aus dem Studio. Das ist auch dann interessant, wenn Seb, der Videofilmer aus dem 21. Jahrhundert, sagt: „Ich habe immer nur nach vorn geschaut, und es hat mir gut getan, zurückzuschauen.“ Seine Arbeit als Filmer entsteht im Studio, und da wundert es nicht, wenn eine Klientin sagt, er könne ja die Farben von Monets Seerosen an die Farben ihres Kleides anpassen, statt umgekehrt.

Hommage an Paris – die Metropole des 19. Jahrhunderts

Ein anderer spektakulärer Moment ist die Überblendung auf einer Brücke von Paris mit Sicht auf Notre-Dame, die zeigt, dass sich Paris in zwei Jahrhunderten eigentlich gar nicht so sehr verändert hat. Abgesehen vom Montmartre, wo es damals noch Felder und Weinberge gab und Schafe grasten. Damals gab es noch sehr viel mehr Fußgänger und doch schon Pferde-Omnibusse und Gaslaternen an der Schwelle zur Elektrifizierung, wie Cédric Klapisch in seinem Film zeigt, der auch Claude Monet und seinen Seerosen, die er während des Kriegs malte, ein Denkmal setzt. Und wie sagt es Seb zu einer Klientin, die Chansons singt, so schön: „Du entklischeeisierst alles!“ Die Farben der Zeit – genau das Paris, von dem wir immer träumten …

Gewinnspiel
Wer an den Rezensenten schreibt, kann 1 von 2 von Plaion Pictures zur Verfügung gestellten BluRays gewinnen!
Die Farben der Zeit
Die Farben der Zeit
Laufzeit: ca. 126 Min.
Originaltitel: La Venue D´Avenir
Plaion 2025
EAN 4006680105604

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