Eine Familie mit Sinn für Humor
Eine neue Form des Erzählens, die sich durch Perspektivenwechsel in verschiedenen Zeitebenen auszeichnet, hat die spanische Autorin in ihrem neuen Roman über die Liebe zur Perfektion gebracht. Die Familie zeigt, wie sich Heimlichtuerei und Geheimnisse auswirken können und welche Folgen es haben kann, sich zeitlebens verstellen zu müssen.
Familie: 2+3,5
„Ach ja, und die Katze hieß nicht Felipe, sondern Felix, wie Katzen eben so heißen.“ Eine Zeitebene zeigt die vier Kinder Damián, Rosa, Aqui(lino) und die neu hinzugekommene Martin(it)a am Familientisch in der Obhut ihrer Eltern Damián und Laura. Martinita ist die Tochter der verstorbenen Schwester und muss sich in den neuen Familienverband, der von Damián modern und aufgeklärt, aber autoritär geleitet wird, einfügen. Vater Damián möchte gerne antiautoritär sein – ein Kind der Sechziger –, aber er ist genau das Gegenteil. Sein „Projekt“, die Familie, möchte er mit Laura verwirklichen: „Und wenn wir einmal nicht wissen sollten, wo wir sind, dann reicht ein Blick auf unseren Plan, und wir sind wieder auf Kurs. So werden wir uns niemals verlaufen.“ Genau das passiert allerdings, sei es wegen der Regeln, die Damián aufstellt, oder wegen des stillen Widerstands Lauras dagegen. Der Idealist Damián macht sich mit seinem „bombensicheren Optimismus“ lächerlich, und nicht nur seine Kinder merken bald, dass er „eine seltsame, etwas verdrehte Person“ ist, „als ob sich zwischen Vater und der Welt ein tiefer Graben auftäte oder vielmehr einer zwischen dem, was er dachte, und dem, was tatsächlich geschah“. Und dann gibt es da noch Onkel Óscar, den Bruder von Laura, der die Welt des Ehepaares bei jedem seiner Besuche auf den Kopf stellt. Als der Vater eines Tages eine Obdachlose mit nach Hause bringt, sind es allerdings die Kinder, die sich darüber aufregen. Sie riecht nach Pisse – was hoffentlich von ihrer im Mantel verborgenen Katze stammt – und bringt einen Mordshunger mit. Dann legt sie sich in Lauras Bett und schläft ein. Oder war es doch das Sofa? Die Familienmitglieder haben alle unterschiedliche Erinnerungen an den „Vorfall“, aber in einem sind sie sich einig: Dieses Mal ist Damián zu weit gegangen. Im Versteck eines Kleiderkastens sehen die beiden Kinder ihren Vater heimlich weinen, und durch einen Spalt sieht er sie danach genau an. Oder blickt er nur in einen Spiegel?
Der Älteste, der Trottel
„Ich bin wie der Vogel Felix.“ Eine andere Episode schildert, wie Rosa – bereits erwachsen – ihre Jugendfreundin Paqui wiedersieht, die sie vor Jahrzehnten fallen ließ, obwohl sie einst ein Herz und eine Seele waren. Paqui leidet auch 20 Jahre später noch darunter, sagt ihr Freund, der sich bei Rosa mit dem Anliegen meldet, sie solle sich mit Paqui wieder versöhnen. Aber Paqui sagt ihr dann, sie habe gar keinen Freund. Doch wer war dann der unfreundliche, aufdringliche und fordernde Anrufer? Wenn sich Sara Mesa dem jüngsten und intelligentesten Familienmitglied, Aqui, widmet, schreibt sie sogar mit mehreren Zwischenüberschriften von seinen witzigen Abenteuern. So wird bei ihm der Phönix aus der Asche zum Vogel Felix, und die Wanderung des Neunjährigen durch das Stadtviertel geht Gott sei Dank gut aus. So wird er vom Aquilino zum Aqui. Endlich. Zärtlich wird die Geschichte von Damián Junior und Clara erzählt, denn er entwickelt sich vom fetten, unansehnlichen Kind zu einem Jungen mit feinem, verschmitztem und intelligentem Sinn für Humor. Er ist jetzt „unwiderstehlich witzig“. Aber sein Mathematikstudium ist nur ein Hoax, und eines Tages würde auch das auffliegen. „Diese Gewissheit brachte ihn mittlerweile um den Schlaf.“ Und als es dann mit den Eltern zu Ende geht – wer übernimmt da die Führung? Natürlich der Jüngste. „Nicht aus Rücksichtslosigkeit. Auch nicht, weil er unbedingt bestimmen oder seinen Willen durchsetzen wollte. Nein, lediglich aus einem ausgeprägten Sinn fürs Praktische heraus. Der Älteste, der Trottel, konnte sich nie für etwas entscheiden, und die Mittlere steckte ständig in Schwierigkeiten. Aqui, Aquilino, bewahrte sie vor allem, was auch nur im Geringsten hätte sentimental wirken können.“
Kaleidoskop einer Familie
Manchmal stehen ihre Kapitel wie Geschichten für sich selbst, und es wird am Ende auch nicht alles aufgelöst, was Sara Mesa in Die Familie erzählt. Natürlich: Am Ende stirbt die Mutter an Krebs, aber die Erzählungen könnten unendlich weitergehen, und es ist noch lange nicht alles gesagt. Das weiß auch Martinita, die sich am Flughafen – wider Willen – mit einem Fremden anfreunden muss. Sie rät ihm, nicht auf ihren Vater zu hören, der sich gerne als Rechtsanwalt ausgibt, aber eigentlich nur Sachverständiger bei Gericht ist. So erfährt der Leser auch, von wem die Heimlichtuerei und die Geheimnisse ursprünglich ausgingen. Aber nicht immer fällt der Apfel nicht weit vom Baum; manchmal wird er auch gepflückt und mit Genuss verzehrt. So wie dieser Roman, der das Kaleidoskop einer Familie abbildet, von der man gerne noch mehr erfahren würde. Weitere Bücher von Sara Mesa sind ebenfalls bei Wagenbach erschienen.
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