Jürgen Renn: Die Evolution des Wissens

Die Wissensgeschichte der Menschheit

Wissenschaften und ihre historisch einzuordnenden Facetten sind nicht immer auf nur zehn Seiten verständlich zu machen. Wirtschafts"wissenschaft" schon - aber sie ist ja eben keine. Am Rande erwähnt. 

In Zeiten angeblichen Sachzwängen geschuldeter Verknappungen potenzieller Techniken der Vermittlung nicht gerade wenig komplex strukturierter Sachverhalte glänzen sie. Sie, das sind entsprechend einfältig genutzte, meist modern bezeichnete Medien und deren Plattformen.
Jürgen Renn, geboren in Moers, also eigentlich fast ein Duisburger, wagt sich dankenswerterweise in die dahingehend erfreulich abgrenzende Richtung: Er schreibt ein ausführliches Buch. 

Als Rezensent dieses Werk beurteilen zu dürfen, darf in gewissen Kreisen durchaus als belastend gelten. Sich dem Buch zu widmen zu versuchen, sollten aber erst recht Menschen, die der rätselhaft anmutenden Selbstwahrnehmung gewisser Schaumschläger kafkaesker Provenienz im akademischen Zirkus nicht positiv zugeneigt sind. 

Gerade deshalb ist der, mehr als berechtigt renommierte, als echter Wissenschaftler zu bezeichnende Jürgen Renn (er ist von Hause aus in mathematischer Physik promoviert; macht aber nichts) inhaltlich als auch weitestgehend sprachlich zu empfehlen. 

Dass dem Verfasser sein anspruchsvolles und diesem Anspruch auch gerecht werdendes Werk nicht alleine den berühmt-berüchtigten Einwohnern bekannter Elfenbeintürme relativ (die Betonung liegt allerdings auf relativ) verständlich zu vermitteln gelingt, darf als dankenswert bezeichnet werden. Sicherlich ist es nicht zwingend als "Gute-Nacht-Lektüre" einer Krimi suchenden Mimi geeignet, aber Historiker, Sozial- und/oder Geisteswissenschaftler als auch sich als fachungebunden definierende Leser dürften erfreut sein, ein solch durchdacht strukturiertes Werk geboten zu bekommen. Ob es Physiker auch sind, entzieht sich meiner Kenntnis. 

Der Direktor des Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte Berlins legt seinem Vorgehen verschiedene methodische Ansätze plausibel zugrunde, um einen Gesamtzusammenhang der menschlichen Wissensentwicklung her- und darzustellen. Berücksichtigung finden dabei in globaler Perspektive sowohl kulturelle, wissenschaftsgeschichtliche als auch geografische Aspekte, die nur in Verbindung gesetzt und nicht für sich alleine eine hinreichende Erklärungsgrundlage der Evolution des Wissens bieten können. Sich darauf beziehend legt Renn, hervorragend argumentierend, großen Wert auf den Fokus, den Begriff der Evolution im Kontext der Entwicklung des Wissens von einem rein biologisch definiertem Verständnis abzugrenzen. 
Im Zuge dessen wird seitens des Autors im Rahmen seiner Untersuchung "zwei Strängen (gefolgt): der langfristigen Tradierung und Transformation von Wissen und den Prozessen von dessen Transfer und Globalisierung." 

Als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen, also den "letztgültige(n) Kontext für eine Geschichte des Wissens ... (und) einer Untersuchung der kulturellen Evolution aus einer globalen Perspektive", wählt Renn das sogenannte Anthropozän, das "hier als neue geologische Epoche verstanden (wird), die durch die weitreichenden und nachhaltigen Folgen des menschlichen Handelns für das Erdsystem definiert ist". Der Anspruch des Werkes geht nicht zuletzt deshalb von seinem Wesen her schon in die Richtung, eine Großtheorie zu etablieren. Dies wird unter anderem dadurch verdeutlicht, dass der Verfasser das eigene Vorgehen als eine Herangehensweise sieht, die sich von bisher beliebten Alternativen abhebt. Denn "Versuche, spezialisierte Forschungen in eine umfassende Gesamtschau zu integrieren, (...) (seien) selten geworden". 

Wie entstand Wissen, welche Kontexte auch hinsichtlich der Strukturierung gesellschaftlicher Verhältnisse dabei zu berücksichtigen sind und welche Schlussfolgerungen man ziehen darf, sind einige Aspekte, die Beachtung finden mussten. Dass es auch in einem solch umfassenden Werk nicht ausbleiben kann, das eine oder andere Detail nur streifen zu können, muss als selbstverständlich gelten. 

Nicht zuletzt aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist sicherlich auch und gerade der Blick auf gesellschaftlichen Bedingungen der Produktion und Nutzung von Wissen gerade im Rahmen deren Interaktion mit den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen in materialistischer Perspektive interessant. Die von ihm beschworene Evolution des Wissens betrachtet Renn als ein Ergebnis gesellschaftlicher Wechselwirkungen. Wissen sei eben nicht, wie es beispielsweise andere aktuellere Betrachtungsweisen vor Renn versuchten, auf ausschliesslich individuelle Einzelleistungen zurückzuführen. Mit Blick auf die spätestens seit dem weitestgehenden Ende einer zum 'marktwirtschaftlichen', also kapitalistischen Modell geltendenden Alternative, habe "die Ökonomisierung sämtlicher Gesellschaftsbereiche ein Bild der Wissenschaft als einer Tätigkeit, die in ökonomischen Begriffen zu organisieren und zu fassen sei, befördert und damit einem treffend als 'akademischen Kapitalismus' bezeichneten Phänomen zur Blüte verholfen." Eine der sich aus diesem Sachverhalt ergebende Frage benennt der Autor in der Folge selber: "Wie können wir tatsächlich in der heutigen, auf Kennzahlen und Ziele fixierten Kultur sinnvoll die 'Nützlichkeit von unnützem Wissen' vermitteln?" 

Im Rahmen seines Werkes geht Renn nicht nur "von der Philosophie zur Psychologie über, insbesondere zu Jean Piagets Forschungen zur Entstehung des Abstraktionsvermögens in der kindlichen Entwicklung", sondern zitiert richtigerweise nicht selten Karl Marx, um eben unter anderem "die historische Entstehung abstrakter Kategorien im Zusammenhang sozialer Praktiken" zu verdeutlichen. Dabei gelingt es Renn immer wieder anschaulich zu machen, wie entscheidend Gesellschaften als Organisationsformen von Wissen sind. Individuelle Meisterleistungen und Entdeckungen als auch Erfindungen können sich - ohne entsprechende gesellschaftliche Rahmungen - nur bedingt behaupten. "Individuelle Beiträge wirken sich also nur dann auf die historische Tradierung geteilten Wissens aus, wenn die Resultate der individuellen Kognition durch geeignete gesellschaftliche Institutionen systematisch reproduziert und erweitert werden". 

Das mit etwa 1000 Seiten heutzutage als recht umfangreich geltende Buch gliedert sich in fünf Hauptkapitel. Literaturverzeichnis als auch Register zusammen beanspruchen alleine fast 200 Seiten, was nicht alleine aus wissenschaftlicher Perspektive mehr als begrüssenswert ist. 

Im ersten Teil werden relevante, wenn nicht die relevantesten Fragen recht kompakt zu beantworten versucht: Was sind Wissenschaft und Wissen überhaupt? 

Im zweiten Abschnitt geht der Verfasser dem Wandel der Wissensstrukturen nach. So wird zum Beispiel der historische Charakter von Abstraktion und Repräsentation beleuchtet. 

Die Interdependenzen und -aktionen von Wissensstrukturen und Gesellschaft finden im dritten Teil ihren nicht genug zu würdigenden Platz der analytischen Betrachtung, bevor das Thema der Wissensverbreitung Zuwendung findet. 

Der letzte Teil des Buches widmet sich dann, was wohl nicht ausbleiben konnte und eigentlich auch nicht durfte, dem potenziell Kommendem, nämlich, "von welchem Wissen [nach der Ansicht des Verfassers] unsere Zukunft abhängt." Dieses finale Kapitel ist von der Natur der Sache her spekulativ. Renn macht dabei aber deutlich, dass gerade auch mit Blick auf die Endlichkeit von Ressourcen die Frage nach deren Verteilung und somit nach der gesellschaftlichen Konstituante zukünftiger gemeinschaftlicher Formationen von entscheidender Bedeutung ist. "Dies gilt umso mehr, als das Überleben der menschlichen Kulturen ... nicht nur von der fortgesetzten Akkumulation wissenschaftlichen und technologischen Wissens abhängen wird, sondern auch von der Art und Weise, wie diese Akkumulation in Zukunft gestaltet und wie das daraus resultierende Wissen in der Praxis umgesetzt wird ...".
Die Frage des offensichtlich weiter zu beobachtenden Verlustes von Wissen - wie auch immer erklärbar und begründet - bedarf der Überlegung. Verlust von Wissen jedes Einzelnen in sich auch bedingenden Interaktionen mit seiner meist aufgezwungenen Umwelt. Umwelt ist aber weitestgehend änderbar. Insofern landen wir am Ende eigentlich wieder bei politischen Fragen, was auch und gerade in solchen hervorragenden wissenschaftlichen Arbeiten nicht ausgeklammert werden kann. Denn ist nicht alles irgendwie politisch?

Die Evolution des Wissens
Sven Scheer (Übersetzung)
Die Evolution des Wissens
Eine Neubestimmung der Wissenschaft für das Anthropozän
1070 Seiten, gebunden
Originalsprache: Englisch
Suhrkamp 2022
EAN 978-3518587867

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