Die drei Kühe Zwei Leben für drei Kühe
Soll ich nach Spanien fliegen? Wem sich diese Frage vor acht Jahrzehnten stellte, wollte nicht in Urlaub. Vielmehr opferte er diesen und oft genug ein oder zwei Berufsjahre obendrauf. Nach Spanien ging es, um zu kämpfen: für die Bürgerlichen um Freiheit und Demokratie, für die Arbeiter um die Weltrevolution, für alle zusammen gegen den von Hitler und Mussolini unterstützten Faschisten Franco. In den Internationalen Brigaden fochten Arbeiter und Intellektuelle aus ganz Europa. Während sich letztere die Bahnreise über die Pyrenäen meist selber leisten konnten, organisierten linke Parteien und Gewerkschaften für ihre Mitglieder Sammeltransporte.
Wie aber kam ein Tiroler Bauer, durch die Erzählungen eines Wanderarbeiters über gelebte Solidarität und kooperativ betriebene Landwirtschaft für Spanien entflammt, doch arm und unorganisiert, dorthin? Indem er sein Vieh verkaufte - und die Geschichte einem Reporter erzählte. So jedenfalls machte es Max Bair. Er stammte aus dem Weiler Puig, unterhalb des Brenner auf halbem Weg zwischen Steinach und Matrei gelegen. Das Geld, das er mit dem Verkauf von drei Kühen erlöste, reichte für die Bahnfahrt von Innsbruck bis hinter die Pyrenäen und für den Lebensunterhalt der ersten Tage im fremden Land. Dann ging die Barschaft auch schon zur Neige.
Gut, dass Bair schon recht bald nach der Ankunft in Spanien dem bekannten Journalisten Egon Erwin Kisch über den Weg lief. Der war begeistert über so viel Idealismus. "Die Kameraden ringsumher fingen zu lachen an", beschreibt Kisch die typische erste Reaktion auf Bairs Schilderung, "keiner von den Kameraden ringsumher hat seine Fahrkarte nach Spanien aus seinem Bankkonto bezahlt." Kischs einfühlsame, aber mit leichtem Ton geschriebene Reportage folgt Bairs Weg in den Bürgerkrieg. Dort endet sie auch, mit der Niederlage der Republikaner gegen die Faschisten. Immerhin, Bair überlebte. Für die Rückreise nach Tirol musste er nicht mehr tief in die eigene Tasche greifen, sondern erhielt wie die übrigen davongekommenen Interbrigadisten einen halbwegs ehrenvollen Abschied.
Wie ging es mit Bair weiter? Diese Frage beantwortet im zweiten Teil des Buchs der Historiker Joachim Gatterer. Der überzeugte Kommunist Kisch nahm weiter Anteil an Bairs Schicksal und den naiven, aber alles andere als dummen Tirolerbuam unter seine Fittiche. Die Freundschaft ging über den Spanischen Bürgerkrieg hinaus und hielt auch noch während und nach dem anschließenden Weltkrieg.
Kisch starb 1948 in seiner Geburts- und Heimatstadt Prag, einen Monat nachdem die Kommunisten in der zweiten tschechoslowakischen Republik die Macht übernommen hatten. Bair sollte Kisch um mehr als ein halbes Jahrhundert überleben. Er starb am 25. Juli 2000 in Berlin, unter anderem Namen.
Auch der zweite Teil von Bairs Leben ist es wert, erzählt zu werden: Der Nachkriegs-Bair, inzwischen gereift, schlug eine Funktionärslaufbahn im sozialistischen Teil Deutschlands hin, in der Staatlichen Plankommission der DDR. Seine Ideale aus der Vorkriegszeit musste Bair dabei nicht verraten. All dies erzählt Gatterer in präziser Knappheit, mit einer Fülle Details, in einem fesselnden und informativen, kurz: rundum gelungenen Buch.
Alle Rezensionen von Ralf Höller