Die Buchhandlung der Exilanten Die Liebe zur Literatur und ihren Protagonisten
Wir müssen uns James Joyce als unglücklichen Menschen vorstellen. Die Ehe, die er mit Nora Barnacle führte, ging zwar trotz aller Probleme nie in die Brüche. Das lag freilich zum großen Teil daran, dass es zwei schwachen Charakteren nicht gelang, voneinander loszukommen.
Wenn es schon privat nicht klappte – die beiden Kinder aus Joyce' Ehe mit Nora waren ebenfalls verkrachte Existenzen – dann wenigstens beruflich? Immerhin verfasste der irische Autor zwei Meisterwerke, Ulysses und Finnegans Wake, die wirklich einzigartig und mit keinem anderen Roman zu vergleichen sind. Doch bevor der Ulysses erschien, an dem Joyce ein halbes Leben komponiert hatte, verging eine gefühlte weitere halbe Ewigkeit.
Letztlich war es einer US-Exilantin in Paris zu verdanken, dass der Ulysses überhaupt veröffentlicht wurde. Sylvia Beach hatte mit einer bescheidenen Erbschaft und dank eines in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sehr günstigen Dollarkurses eine Buchhandlung in Frankreichs Hauptstadt eröffnet, Shakespeare & Company. Dort trafen sich US-Schriftsteller wie John Dos Passos, das Ehepaar Fitzgerald, Ernest Hemingway, Ezra Pound, Gertrude Stein und Alice B. Toklas, die Paris zu einem Szenetreff und die Lost Generation zu einem Literaturbegriff machten.
Auch den Iren James Joyce zog es nach anderthalb gleichermaßen fruchtbaren wie frustrierenden Jahrzehnten an seinem ersten Auslandswohnort Triest nach Paris. Das internationalistische Flair sagte Joyce, der kurz nach der Jahrhundertwende bereits einige Monate an der Seine verbracht hatte, sehr zu; er sah Paris als Gegenpol zu seiner als provinziell und spießig empfundenen Heimatstadt Dublin, der jeder in Joyce' Augen anständige Ire nur den Rücken kehren konnte.
Fuß zu fassen vermochte Joyce in Paris lange Zeit nicht. Trost fand er in den vielen Bibliotheken der Stadt – und in Sylvia Beachs Buchladen, in dem er wie alle übrigen Gäste nach Herzenslust schmökern durfte, auch ohne dass der unter chronischem Geldmangel leidende und als Schnorrer verschriene Joyce etwas kaufte.
„Erschöpft und deprimiert ging Joyce im April 1921 zu Sylvia, um von den jüngsten Misserfolgen zu berichten. Sylvia eilte unverzüglich zu Hilfe. Sie fragte den entmutigten Schriftsteller, der ‚schwer seufzend‘ in ihrem Laden saß: ‚Würden Sie Shakespeare & Company die Ehre erweisen, Ihren Ulysses herauszubringen?‘ Joyce sagte freudig zu.“ Ähnlich großzügig und uneigennützig entließ Beach später, als der Autor berühmt war und sich ihm lukrativere Verlage andienten, Joyce aus dem Vertrag.
Die Joyce-Episode und Shakespeare & Company sind nur ein Teil der Geschichte, die Uwe Neumahr in Die Buchhandlung der Exilanten erzählt. Sein Hauptaugenmerk liegt auf Sylvia Beachs Nachfolgeprojekt, La Maison des Amis des Livres. Nach wirtschaftlich harten Zeiten in den 1930er Jahren und der deutschen Besatzung von Paris hatte Beach sich gezwungen gesehen, ihr Geschäft zu schließen. Anschließend tat sie sich mit Adrienne Monnier zusammen, deren Haus der Bücherfreunde in unmittelbarer Nachbarschaft lag.
Monniers Laden war ebenfalls eine Adresse, an der Intellektuelle zusammenkamen, allerdings vorwiegend französische. André Gide und Jean-Paul Sartre, Jean Cocteau und Paul Valéry, Pablo Picasso und Simone de Beauvoir gaben sich hier ihr Stelldichein, aber auch deutsche Exilanten wie Walter Benjamin oder Siegfried Kracauer. Mit der deutschen Besatzung kam auch Ernst Jünger hinzu, der in der Buchhandlung seinen Frankophilismus ausleben konnte, wenn er schon nicht seinen Frieden mit Hitler fand.
Neumahr vermag zahlreiche bislang verborgene Details auszugraben und auch Adrienne Monnier aus dem Schatten von Sylvia Beach zu lösen. Nebenbei gelingt es ihm, eine spannende Erzählung der Exilliteratur zu stricken; eine Geschichte von der Liebe zu Büchern und dem Mit- und Gegeneinander ihrer Verfasser, die sich untereinander streiten, aber auch helfen, wenn es darauf ankommt. Es geht nicht ohne Täuschungen und Enttäuschungen ab, manche fühlen sich verraten und im Stich gelassen, doch verkauft niemand seine Seele, schon gar nicht an die Deutschen.
Am Ende hat Ernest Hemingway einen legendären Auftritt. Der Kriegsreporter und US-Offizier trägt persönlich dafür Sorge, dass La Maison des Amis des Livres, wo sich auch Widerständler konspirativ trafen, nicht der Zerstörungswut der Deutschen zum Opfer fällt. Von der Front lässt er sich direkt in die Rue de l'Odéon chauffieren, in der Monniers Laden liegt. „Es ist Hemingway!“, schrie Adrienne, wird Sylvia Beach in ihren Erinnerungen von Neumahr zitiert. „Wir gingen in Adriennes Wohnung und schoben Hemingway auf einen Stuhl. Er war in Felduniform, schmutzig und blutig. Eine Maschinenpistole klirrte auf den Boden. Er bat Adrienne um Seife, und sie gab ihm ihr letztes Stück.“
Unspektakulär und doch anrührend, wie die bescheidenen Buchhändlerinnen, sich gegenseitig und der Literatur zugeneigt, den Männern die Bühne überlassen, um sich zu inszenieren, sei es nun Hemingway oder Joyce.
Alle Rezensionen von Ralf Höller