Im Fluss der Zeit
Schöpferisch wie nur wenige deutschsprachige Schriftsteller – ganz anders zwar, aber am ehesten dem 2023 verstorbenen Martin Walser, dem Mystiker vom Bodensee, und auf gewisse Weise auch Botho Strauß vergleichbar – begibt sich Peter Handke literarisch in die Sphären einer eigenen Sprache. Religiöse Musikalität, katholisch grundiert, ist ihm zu eigen, ohne frömmlerische Attitüde. Die Liturgie der Kirche scheint auch durch dieses Buch hindurch, das der Leser, wie es Handke gemäß ist, langsam und bedächtig bedenkt und zugleich eher meditiert als reflektiert.
Philosophisch muten manche Betrachtungen, die Handke anstellt, wenn Gregor Werfer in die Heimat zurückkehrt, nicht in ein verlorenes Paradies, sondern in das Geflecht der eigenen Erinnerungen, die nun verwoben werden mit neuen Eindrücken. Beides lässt sich nicht voneinander lösen, sorgfältig trennen oder gar absichtsvoll unterscheiden. Gestern, heute und vielleicht auch jeder neue Morgen sind verknüpft und verwoben. Ein Verschollener kehrt wieder, ein verlorener Sohn der alten Heimat? Oder tatsächlich ein Gast, der nicht nur vertraute Landstriche besucht, auf der Durchreise ist und sich mit dem Phänomen Zeit konfrontiert sieht, im „mitternächtlichen Elternhaus“ etwa oder auf den Pfaden in der Welt von gestern, die für Gregor dieselbe und doch auch anders ist, so wenn er dem alten Pfarrer, dem Seelsorger im Ruhestand begegnet, der nichts zu vermissen scheint, doch dann immer mehr Gedanken äußert, die nahelegen, dass er, dem Klerus angehörend, kein „Alleinbeter“ sein möchte. Hat er sich aus der Gemeinschaft der Kirche herausgelöst? Ist auch der Priester gewissermaßen verschollen, verschwunden, pensioniert und dann jenseits der vertrauten Pfade? Gregor spricht mit ihm, und der Priester gesteht: „Ja, da schau her, was mir doch alles fehlt in meinem Ruhestand!“ Doch kann ein Geistlicher überhaupt in den Ruhestand gehen?
Sinniert, wahrhaftig: mit allen Sinnen, über den Fußballplatz und den Augenblick des Jetzt, der so schwer zu fassen ist und sich einer letzten Beschreibbarkeit entzieht. Gregor kehrt zurück in die Welt seiner Erinnerungen, vergegenwärtigt die Vergangenheit und bleibt doch eingebunden in das Jetzt seines Erlebens, „in dem so kleinen wie monumentalen Stadion“. Ein weiterer Gedanke – auf Größe kommt es nicht an, sie liegt auch nicht im Auge des Betrachters, sondern ist bezeichnet und gekennzeichnet durch die eigene Geschichte damit, „alleinspielend mit dem Fußball, jetzt, jetzt, und jetzt, und abermals jetzt“. Erinnerung und Gegenwart verbinden sich. Ein gutes Spiel gehe wortlos vor sich, so lautete eine der Sportweisheiten: „Eine der Hauptregeln nicht nur für ein Fußballspiel?“ Das Fragezeichen, die Frage bleibt. Vielleicht wird hier sichtbar, dass die verschlungenen Lebenswege nicht in eine sachliche Erklärung und nüchterne Erläuterung münden können. Die Distanz zu sich selbst ist gar nicht möglich, und auch jeder Versuch, eine solche kritische Reflexion anzustellen, selbst eine bloße Beschreibung vorzunehmen, bleibt bezeichnet durch die Erfahrungen, von denen sich auch Gregor nicht lösen kann, nicht lösen möchte. Er lebt weiter inmitten seiner Geschichte, so wie der alte Priester die Jahre seines Dienstes am Altar vor Augen hat, erst nichts zu vermissen scheint und doch weiter aus dem lebt, wozu er sich berufen wusste. Niemand kann, so scheint es, ganz aus sich heraustreten, neue Wege gehen – was immer das heißen mag. Gregor benennt eine Erfahrung, die sehr kostbar anmutet, eine Einübung in die Langsamkeit, ein kontemplatives „Langsamwerden, Sichverlangsamen und in der Folge Langsambleiben“. Anders gesagt vielleicht: Eine Parallele besteht, zur Gleichförmigkeit des Kirchenjahres, denn wer sich einschwingt in den Rhythmus der Liturgie und diesem Weg folgt, der weiß, welche Station als nächste folgt, welcher Sonntag, welches Hochfest. Das „Langsamwerden“ ist nichts Negatives, es zeigt eine geistige und auch geistliche Stabilität an, die für die Dynamik des Lebens offenbleibt, Wahrnehmungen gestattet und Freude daran schenkt. Oder begibt sich heute jeder Mensch, der langsam wird und bleibt, in eine nahezu monastische Existenz?
Peter Handke zeigt die Schönheit der Langsamkeit, die ein Gegengewicht ist zu Eile und Unrast, zu einer Flut an letztlich belanglosen Nachrichten und Informationen. Diese Langsamkeit lähmt nicht, sie weitet den Blick, lässt dem Gestern seinen Raum und nimmt auch die „schunkelnden Baumwipfel“ wahr: „Hatte er sich derart Luft gemacht? Nichts da. Er war mit der Zeit aus dem Schritt seiner Langsamkeit gekommen und wechselte zwischen Beschleunigen und Stocken, beschleunigte dann mehr und mehr, nah an einer unbestimmten Panik, er, der ja in einer panischen Welt immer die Ruhe selbst geworden war. Her mit dir, panische Welt! Er blieb aber beim tiefen Frieden, von welchem auch die ferne Sirene unten aus der Neuen Stadt ein Teil war, eine Feierabendsirene.“ Gregor verweilt im „tiefen Frieden“, nicht in einer auferlegten Langsamkeit, in der „ein Verstehen“ möglich erscheint, dass kein oberflächliches, „bloßes: »Verstanden!« ist, sondern schlicht ein gutes, erfülltes und dankbares Verstehen, von dem auch der „letzte Gast“ weiß, wie so viele „Randfiguren“ und „Ecken- und Winkelsteher“, die „allgegenwärtig zu werden“ scheinen. Der „letzte Gast“ – vielleicht der Gläubige, der gar nicht weiß, dass er gläubig ist? – kennt „weder außen noch innen“: „Außen war innen, und innen war außen. Und wie er da saß, so fuhr er zugleich, oder vielmehr: wurde gefahren. Es war die eine Fahrt, so sanft wie er sie noch nie mitgemacht, ja, mitgemacht hatte (wieder so ein erstes Mal, noch eines? eines noch?), und er wünschte, sie werde noch lange, und er mit ihr, so fortfahren.“ Eine Art Pilgerweg tut sich auf.
Vom „Himmel der Sprache“ ist noch die Rede, doch lassen sich diese Erlebnisse, Eindrücke und Erfahren mit Worten vergegenwärtigen oder gar gegenständlich und begreifbar machen? Die Sprache ist, so zeigt Handke, in diesem kostbaren Buch, eine Annäherung, ein sensibles Umkreisen dessen, was sich mit letzter Gewissheit jeder rationalen Ergründung entzieht. Eine Landkarte der menschlichen Seele lässt sich nicht entwerfen – und doch ist Gregor Werfer auf seinen Wegen sich selbst auf der Spur. Ganz bei sich selbst bleiben kann er dabei nicht, vielleicht auch, weil er mit den Worten der Liturgie sein Herz emporheben möchte, inwendig darauf hoffend, dass es noch nicht „jetzt“, doch eines Tages ganz nach droben gezogen wird, in eine Wirklichkeit, auf die auch alle Balladen dieser Welt nur verweisen können sein.
Peter Handke, der große Schriftsteller der kontemplativen Langsamkeit, bietet für die Rätsel des Lebens weder philosophische Lösungen noch metaphysische Verheißungen an – und schenkt seiner Leserschaft eine leise, zarte und sehr besondere Erzählung, die nicht nur, aber auch religiös vernommen und verstanden werden könnte.
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