Kein Pardon für den Marder
Marder haben kein gutes Image. Das liegt an ihren spitzen Zähnen, die sie nicht nur in niedlichem Kleingetier, sondern gerne auch in Automotorenschläuche versenken. Auf den ersten Blick von putziger Erscheinung, ruft ihr Frettchengesicht bei näherem Hinsehen Abscheu hervor. Und da wäre noch der Olfaktor: Marder stinken.
Ein weniger spitzzahnig als vielmehr spitzzüngig daherkommender, zuweilen verschlagen dreinblickender und unter durchaus sympathischer Oberfläche unheilvoll schimmernder Charakter nimmt im Roman Die Assistentin den Gegenpart der Protagonistin Charlotte ein. Ugo Maise heißt das Mardergesicht im Buch, ist von Beruf Verleger und stinkt der fiktionalen Heldin Charlotte gewaltig. Als eine von ursprünglich zwei Assistentinnen eingestellt, ist sie mal rechte, mal linke Hand des Verlagsleiters und bald beides zugleich, da die Kollegin, Usus unter Maise, bereits nach kurzer Zeit gefeuert wird. Charlotte leidet unter den Bosslaunen wie auch ihren Überstunden und läuft Gefahr, nach nur wenigen Wochen im Verlag als Psychowrack zu enden.
Wie viel Autobiografie liegt in der Handlung, wie sehr erfunden ist die Geschichte?, drängt sich beim Lesen unwillkürlich die Frage auf. Machohafte Egomanen auf Führungsebene soll es nicht nur in der Verlagsbranche geben, dort jedoch sind sie Legion. Caroline Wahl [beinahe hätte ich Charlotte Wahl geschrieben] hat als persönliche Assistentin in der Beletage von Diogenes in Zürich gearbeitet, unter Philipp Keele. Ein Schlüsselroman also? Iwo, wiegelt die Autorin im Interview ab, ihr Roman sei die Geschichte von Charlotte, nicht die eigene.
Immerhin, die Handlung ist schlüssig erzählt und wirkt sehr überzeugend. Noch immerhiner: Wahl ist sogar so von ihrer Story überzeugt, dass sie reichlich Spoiler in das Geschilderte einbaut, vom Geschehenden Wichtiges vorwegnimmt, sich mitunter von ihrer Hauptfigur distanziert und, wenn’s spannend wird, auch mal zu brechtähnlichen Verfremdungseffekten greift.
Das kommt zunächst nicht gut an. Nach sechzig Seiten reicht es einem, man möchte das Buch in die Ecke schmeißen. Doch rät Wahl – wie Brecht mit viel Selbstbewusstsein ausgestattet – höchstselbst davon ab, das Lese- als Wurfgerät zweckzuverwenden.
Recht hat sie: Der Roman hat dreihundertsechzig Seiten, und das Durchhalten – einmal heißt es im Text: „Und dann haben es Charlotte und der Leser geschafft“, doch das ist blanke Koketterie – lohnt sich. Im weiteren Verlauf, so sollte es ja sein, mutiert Die Assistentin, trotz allen nonchalanten Bremsens (zwecklos, bei einem Marder im Motorraum), zum Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte.
Der Showdown mit dem Unsympathen: köstlich! Es soll hier nichts weiter verraten werden (das macht die Autorin ohnehin die ganze Zeit), außer dass auf Seite zweihundertsechsundachtzig ein Kulminationspunkt erreicht ist; Kulminationspunkt insofern, als dass man zum ersten Mal im Buch laut lachen muss, aber sowas von! Und typisch Caroline Wahl, dass sie gleich in der nächsten Zeile wieder beschwichtigt: „Aber Spaß beiseite!“, heißt es dort. Klar, der Kampf mit dem Dämon muss sauber zu Ende gefochten werden.
Es wird ein fulminantes Schlussviertel, eine Abrechnung, direkt ins Mardergesicht geschleudert. Das sitzt! Und so lautet die Frage nach Lektüreschluss nicht, wie viel eigen Erlebtes im Buch steckt, sondern wie sehr sich die Leserschaft in Charlotte und ihrer Situation wiederfindet, mit einem die Spielregeln oberflächlich einhaltenden, in Wahrheit jedoch ständig tricksenden Chef, der zu guter Letzt bekommt, was er verdient, und in dem mindestens so viel Arsch wie Marder steckt. Möge möglichst vielen im Berufsleben Leidgeprüften ein ähnlicher Schlussakkord glücken wie Caroline Wahls literarischer Figur. Träumen wird ja wohl noch erlaubt sein, dafür sind Romane da!
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