Die Abenteuer des Caleb Williams Ein Roman mit höherem Anspruch
William Godwin gilt als einer der Begründer des Anarchismus. Sein theoretisches Konzept entwickelte er in seinem Hauptwerk Über die politische Gerechtigkeit. Um ein größeres Publikum zu erreichen, ließ er, als literarische Ergänzung, innert eines Jahres den Roman Die Dinge, wie sie sind oder Die Abenteuer des Caleb Williams folgen.
William Godwin ist der Vater von Mary Shelley. Ihr späterer Ehemann Percy Bysshe Shelley war ein Bewunderer Godwins. Er hatte dessen Werke studiert und ihren Inhalt sozusagen zu seiner Bibel gemacht. Shelley war davon ausgegangen, dass der zwischenzeitlich in Vergessenheit geratene Godwin längst gestorben sei. Umso überraschter war er, als er erfuhr, dass Godwin noch lebte. Umgehend verließ der damals Neunzehnjährige seine Heimat Keswick im Lake District und legte mehr als 300 Meilen Richtung Süden zurück, nur um Godwin in dessen Haus in London aufzusuchen.
Über so viel Enthusiasmus war Godwin anfangs hocherfreut. Spontan lud er seinen Jünger ein, künftig bei ihm zu wohnen. Das war 1812, zwei Jahrzehnte nach dem auch für Englands Linke ernüchternden Ende der Französischen Revolution, und eine fast ähnlich lange Zeitspanne nach dem Erscheinen von Godwins bedeutendsten Büchern.
Doch dauerte es nicht lange, bis Godwin und Shelley in Streit gerieten. Der sehr ungestüme und noch nicht desillusionierte Shelley warf seinem Gastgeber vor, inzwischen mit seinem revolutionären Gedankengut gebrochen zu haben und in Passivität versunken zu sein. Immerhin fand Shelley nachhaltig Gefallen an Godwins Tochter Mary. Trotz aller Differenzen unterstützte Shelley seinen Schwiegervater materiell. Ohnehin sollten Godwins Werke für immer ihren Platz in Shelleys Gedankengebäude finden.
Die Idee hinter der politischen Gerechtigkeit ist die Kritik an der britischen Gesellschaft, die laut Godwin vom Kampf jeder gegen jeden und aller wider die Vernunft beherrscht ist und in der die Jagd nach privatem Nutzen die Sorge ums Allgemeinwohl verdrängt hat. Dem stellt Godwin das erstrebenswerte Ideal einer Gemeinschaft gegenüber, in der nicht wenige Privilegierte, sondern möglichst viele Menschen glücklich sind.
Die Schuld am schlechten bestehenden Zustand gibt Godwin den staatlichen Institutionen und einer Regierung, die anders handelt als redet, vor allem aber ihr mangelhaftes Tun mit Floskeln verschleiert, die das Volk ruhig halten sollen. Verstärkt wird diese Politik durch eine Justiz, die sich laut Godwin auf die Seite der Mächtigen geschlagen hat und jeden, auch berechtigten, Ungehorsam mit rigiden Strafen ahndet.
Um seine Theorie am praktischen Beispiel zu veranschaulichen, verfiel der Philosoph auf die Romanidee. In Caleb Williams spiegeln sich sämtliche Kritikansätze Godwins an der Gesellschaft. Der Titelheld gerät ohne eigenes Zutun in die Bredouille. Durch Zufall wird der Sekretär Caleb Williams, ein einfacher, grundgescheiter Bauernsohn, Mitwisser an einem Mord. Die Tat begangen hat sein an sich sympathischer Dienstherr Fernando Falkland. Das Opfer, Barnabas Tyrrel, war ein ausgesprochener Widerling, der Falkland zuvor das Leben zur Hölle gemacht hatte.
Um dem Dilemma zu entkommen, läuft Caleb einfach davon. Falkland bekommt es mit der Angst zu tun, um seinen Ruf und um seinen Kopf. Er fürchtet, Williams könne sein Schweigen brechen und ihn hinter Gittern bringen. Doch ist es Williams, der dort landet – einfach weil Falkland die Mittel besitzt, einen Richter für seine Zwecke einzunehmen. Williams vermag zu fliehen und schließt sich einer Räuberbande an, deren Anführer er im Gefängnis kennengelernt hat. Durch die am eigenen Leib erfahrenen Ungerechtigkeiten korrumpiert, weiß Williams sich künftig zu wehren: Auch er wendet Unrecht an, um sein vermeintliches Recht zu bekommen und sich an Falkland zu rächen.
Am Ende stehen beide als Verlierer da. Ein in die Enge getriebener Falkland gesteht schließlich den Mord. Noch bevor er gehängt werden kann, vergeht er an der Schande und stirbt. Zurück bleibt ein von Schuldgefühlen geplagter Williams. Doch nicht das Individuum ist schuld, sondern die Verhältnisse. Things as they are lautet der Alternativtitel des Romans. „In der verdorbenen Wildnis der menschlichen Gesellschaft“, heißt es in Caleb Williams, gedeiht „ein unfruchtbarer und verfaulter Boden, dem jeder zarte Strauch beim Wachsen Gift entzieht.“ Und alles, was unter günstigen Bedingungen „sich zu Tugend entfalten und zu allgemeinem Nutzen erblühen würde, verwandelt sich so in Bilsenkraut und todbringende Tollkirsche.“
Godwins Roman ist trotz aller dahinterliegenden ideologischen Absichten alles andere als dröge. Caleb Williams Abenteuer liefern nicht nur beste Unterhaltung. Sie bergen auch, 232 Jahre nach der ersten Veröffentlichung, eine offenbar immer noch gültige gesellschaftliche Analyse. Bereits 1795 lag das Buch erstmals in deutscher Übersetzung vor. Die neueste Version ist bei Steidl erschienen, wofür man dem Göttinger Verlag nicht genug danken kann.
Alle Rezensionen von Ralf Höller