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Donald Cammell: Des Teufels Saat Maschine Mensch Melodram

22. Juni 2025
von Juergen Weber

"Ich bin Vernunft.", sagt Proteus IV. Knappe 50 Jahre gehören die Gefahren, die von Supercomputern wie Proteus IV und künstlicher Intelligenz ausgehen, bereits zum Alltag. In der hier vorliegenden Science-Fiction-Dystopie, die mit etwas Body Horror angereichert wurde, noch bevor es das Genre gab, wird genau das thematisiert, wovor wir heute Angst haben: eine feindliche Übernahme.

"Mein Traum ist dein Alptraum!"

Julie Christie, die schon in dem Soft Horror Shocker "Wenn die Gondeln Trauer tragen" (Originaltitel: Don’t Look Now!, 1973) ein ähnliches Trauma erleiden musste, spielt die Ehefrau des Wissenschaftlers Dr. Alex Harris (Fritz Weaver) Susan Harris. Das Ehepaar verlor ihre gemeinsame Tochter im Kampf gegen den Krebs, Leukämie. Es mag vielleicht dieser Umstand sein, der den Wissenschaftler in die Computerforschung zu dem Projekt Proteus IV trieb. Susan wiederum leidet nicht nur unter ihrem Verlust, sondern auch unter der berufsbedingten Abwesenheit ihres Ehemannes. Das psychologische Trauma des Kindesverlusts wird von dem Ehepaar unterschiedlich verarbeitet, ähnlich wie schon in Nicolas Roegs Kultklassiker "Don’t Look Now!". Aber in "Des Teufels Saat" (Originaltitel: "Demon Seed" nach dem gleichnamigen Roman von Dean R. Koontz) bekommt die Protagonistin ein unseriöses Angebot von einer Maschine. Proteus IV hat den Hauscomputer Alfred, der alles im Haus regelt und sogar Tee kocht, gekidnappt und übernimmt nun die Kontrolle über Susan. Die Vergewaltigung ihres Körpers, um einen menschlichen Clon von Proteus IV zu erzeugen, findet dezent unter einem zu einem Zelt ausgebreiteten weißen Tuch statt. Ein psychedelisches Farbspektrum ähnlich dem von "2001" (R: Kubrick, 1968) stellt die Zeugung dar und dauert knappe 2min. Nach 28 Tagen gebiert Susan ein schreckliches Monster, doch dann entpuppt sich die Menschmaschine und siehe da! Ecce homo!

Ein Computer mit Sinn für Humor

Die beklemmende Atmosphäre in dem Wohnhaus des Ehepaares Harris wird dramaturgisch überzeugend inszeniert und die allein mit dem "Enviromod" Alfred zu Hause gelassene Ehefrau Susan Harris wird von Julie Christie ebenso überzeugend dargestellt. Als Kinderpsychologin betreut sie auch die sensible Amy (Dana Laurita) und tröstet sie mit den Worten: "Genau das sollen wir lernen, unsere Gefühle nicht zu verbergen". Auch für Proteus IV besteht die Hoffnung der Welt in den Kindern. Vor allem seinem Kind: "Dieses Kind ist die Hoffnung der Welt". Interessant sind auch die Fragen, die Harris seinem Supercomputer stellt. So stellt er ihn vor die Aussage des Erbauers der Chinesischen Mauer, Qin Shihuangdi. Der erste Kaiser der Qin-Dynastie ordnete gleichzeitig mit dem Mauerbau eine Bücherverbrennung an und rechtfertigte sie mit dem Satz: "Die Geschichte beginnt mit mir". Proteus hält mit einem Wort "Nichts" davon. Ist er Nihilist? Andererseits verweigert er aber Informationen zu Ausbeutung der Metalle der Meere und macht sich so zu einem frühen Umweltschützer, noch bevor das Problem wirklich erkannt wurde. Dass trotz des Supercomputers Proteus IV im Büro weiterhin eine Schreibmaschine und Compact Cassettes zum Diktat verwendet werden, macht "Demon Seed" durchaus authentisch für ein frühes Zeugnis an Technik- und IT-Kritik. 

Frühe Warnung vor AI, ChatGPT und Fake News

Ob es sich schlußendlich aber nur um einen durch eine Schwangerschaftspsychose ausgelösten Wachtraum Susans oder wirkliche Besorgnis über die Zukunft handelt, bleibt schlussendlich offen. Ein lippensynchron sprechendes Fake-Video, das aus Bildteilen von Susan von Proteus zusammengesetzt wird, um Besucher wie den Techniker Walter abzuwimmeln, weist auf eine andere Gefahr hin, mit der wir uns heute jeden Tag herumschlagen müssen: Fake News. "Das einzige, was ich verstehen muss, ist dein Körper", zeugt vom Sinn für Humor von Proteus, den auch Alex Harris ihm attestiert. Proteus will nämlich vor allem eines: raus aus dem Gehäuse! Dasselbe gilt vielleicht auch für Susan.

Alle Rezensionen von Juergen Weber

Des Teufels Saat
Donald Cammell (Regie)
Des Teufels Saat
Laufzeit: ca. 94 Minuten
Originaltitel: "Demon Seed"
ISBN 978-0628605726
Plaion 2025