Literatur

\"Schaffe, schaffe, Häusle bauen …

"… und nach unserer Zukunft schauen", dichtet die chinesische Schuldirektorin das schwäbische Volkslied um, von dem Herr Chen nach seinem Vortrag über Deutschland in der Shanghaier Grundschule erzählt hat.

Der da dieses Lied als ein Beispiel deutscher Wertekultur nach China brachte, ist Da Lee Chen, der Ich-Erzähler des Romans "Der Meister aus Shanghai", verfasst von Hong Li Yuan. Chen ist dabei auch ein fiktionalisiertes Alter Ego des Schriftstellers, denn der stilistisch unkompliziert geschriebene Roman liest sich nicht nur wie eine Biografie, es gibt auch deutliche Parallelen zu Hong Li Yuans Leben.

Chen lebt in seiner Heimatstadt Shanghai, wo er in einer "guten", also einer politisch korrekten Familie aufwuchs. Er studierte Germanistik, nach seinem Abschluss wird ihm ein Arbeitsplatz zugewiesen, natürlich unabhängig von Können und Neigung. Doch so schlecht hat er es nicht getroffen, gibt ihm die Stelle doch Gelegenheit, nicht nur seiner Berufung als Lehrer für Tai Chi und Qi Gong nachzugehen, sondern sich auch noch während der Arbeitszeit literarisch zu betätigen. Aber das Leben, das er führt, bleibt damit viele Stunden des Tages fremdbestimmt, er muss mit Äußerungen und Taten immer Vorsicht walten lassen, damit er politisch nicht negativ auffällt. So ist schließlich das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen und Chen zum Entschluss bringt, seine Heimat zu verlassen. Er geht zunächst für ein Jahr nach Deutschland, lässt Frau und Sohn in China zurück. Diesem Jahr schließt er weitere Monate an, bleibt schließlich ganz in Deutschland, wo er sich als Lehrer für Tai Chi und Qi Gong eine neue Existenz aufbaut.

Der Roman schildert das Erleben Chens als Wanderer zwischen den Kulturen. Bei seinen Besuchen in China stellt er die immense Wandlung fest, die sich nicht nur im Bauboom von Shanghai zeigt, er spürt, dass es vielleicht zu schnell geschieht. Doch ist auch Stolz auf diese wirtschaftliche Leistung seiner Heimat herauszulesen. Insbesondere, wenn Da Lee Chen vermeint festzustellen, dass die wirtschaftliche Entwicklung Chinas in Deutschland so gut wie nicht gezeigt wird.

"Es war im Frühling 1995, und die Deutschen wussten sehr wenig über die aktuelle Lage in China. Die Presse zeigte wenig Interesse an einer Berichterstattung über dieses Land. Ab und zu sah man ein paar Bilder, die das moderne China zeigten, meist aber wurde viel Armut gezeigt, so wie die Lage der schlechtbezahlten Wanderarbeiter und Ähnliches. Aber wie sich die Städte entwickelt hatten und wie die Normalbürger tatsächlich lebten, konnte man kaum sehen, und die neureichen Chinesen waren erst recht kein Thema."

Es sind Sätze wie diese, die Fragezeichen im Kopf des Lesers hervorrufen. Waren wir zunächst nicht beeindruckt von dem Kapitalismus chinesischer Prägung, von dem rasanten Tempo der Veränderung? Waren es nicht erst die Schüsse in die Menge der demonstrierenden Studenten, die die hiesige Wahrnehmung veränderten, das Augenmerk auf die weit auseinanderklaffende Schere im Lebensstandard lenkte, auf Menschen, die wie Käfig-Hühner in fabrikeigenen "Unterkünften" leben mussten? Erst als uns klar wurde, dass der chinesische Kapitalismus sich um die Menschen noch weniger schert als der westliche, erst da erwachten historische Ängste neu, bekamen Befürchtungen, die chinesische Wirtschaft könnte die westliche überrollen, neuen Raum.

Und Hong bestätigt diesen Eindruck unfreiwillig auch, wenn er Chen die Philosophie des Tai Chi auch in der Wirtschaft angewendet sieht: "Jetzt gibt es in China eine Reformation und eine Politik der Öffnung. Sie öffnen die Tür und lassen alles Kapital hereinkommen. Sie sammeln und nutzen die Kraft vieler Länder, die früher als böse kapitalistische Schweine bezeichnet wurden. Und was passiert jetzt in diesem Land? Vielleicht wisst ihr es noch nicht, aber ich komme jedes Jahr zweimal nach China zurück. Ich kann euch sagen: Dort gibt es einen Boom. China erlebt einen wirtschaftlichen Aufschwung …"

Recht hat Chen mit dieser Aussage, doch dass die Kehrseite des Booms eine unsägliche Ausbeutung der Menschen sowohl durch die westlichen Investoren als auch durch die chinesischen Geschäftsführer und Vorgesetzten selbst bedeutet, erwähnt er nicht.

Ärgerlich findet Chen allerdings, dass die Geschenke, die er bei seinen Reisen zurück nach China mitführt, immer die Aufschrift tragen "Made in China". Ärgerlich, denn "Ich hatte sie mit deutscher Währung teuer bezahlt und musste sie nun wieder zu ihrer Quelle zurückbringen." Zwar macht sich Chen auch Sorgen um sein Heimatland, doch sieht er Probleme eher in der Zukunft liegen, wenn die sogenannten "Kaiserkinder", wie die verzogenen und verhätschelten Resultate der Ein-Kind-Politik bezeichnet werden, an die Macht kommen. Für die Gegenwart der 90er-Jahre stellt er fest, dass alte Traditionen aufgegeben werden, der Bauboom den Menschen keine Ruhe lässt, Geld immer wichtiger wird. "Mein Vaterland verwandelte sich gerade in eine Marktwirtschaft. Geld schien eine immer größere Rolle zu spielen, doch das alles war gegen unseren Willen passiert." Auch Letzteres verwundert dann doch.

Der Roman gibt Einblick in die chinesische Mentalität, ist aber auch eine Momentaufnahme eines Einwanderers. Allerdings ist sein Protagonist Chen zu sehr Einzelfigur in einem speziellen Umfeld, nämlich als Tai-Chi-Lehrer mit Schülern, die diese Lehre gierig aufsaugen, als dass er als Beispiel für das Ganze dienen kann. Es bleiben somit einige Lücken in dieser Romanbiografie, die den Leser unbefriedigt zurücklassen.

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Der Meister aus Shanghai
Hong Li Yuan

Der Meister aus Shanghai


LangenMüller 2008
444 Seiten, gebunden
EAN 978-3784431369

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