Literatur

Krieg, Wahnsinn und der Versuch eines Neuanfangs

Der englische Schriftsteller Ford Madox Ford, alias Ford Hermann Madox Hueffer zeigt mit "Der Mann, der aufrecht blieb" ein finsteres Bild des Ersten Weltkrieges aus der Sicht des Soldaten Christopher Tietjens.

Es ist 1918, es ist der Tag des Waffenstillstandes, die große Epoche des Feudalismus ist zu Ende und die Welt ist nicht mehr dieselbe. Christopher Tietjens kehrt aus dem Krieg heim. Auch er ist nicht mehr derselbe. Der Krieg hat ihn erschöpft und seelisch gezeichnet. Der Kriegsschauplatz mit den Schützengräben voller Wasser und Toten, das Warten auf die tödlichen Artilleriegeschosse und das Giftgas der Deutschen, eine unendliche Materialschlacht, leblose Körper in Stacheldrahtverhauen gefangen und Versorgungsprobleme reiben die Nerven auf und machen Angst. Der Oberkommandierende des Bataillons versucht ihr mit Alkohol zu begegnen, ein anderer zittert am ganzen Körper und Tietjens Angst ist die Angst, in den Wahnsinn getrieben zu werden. Er berechnet, wer als nächstes zerbombt oder erschossen wird. Er stellt sich vor, selbst getroffen zu sein und spürt den Schmerz. Die Angst, im Graben verschüttet zu werden, schwebt über ihm. Selbst eine hochfliegende Lerche löst einen Schock aus. So angespannt ist Tietjens. Die Stille am Morgen vor dem Höhepunkt der blutigen Schlacht erinnert ihn an Zuhause, an eine Stille wie zu Kirchgangzeiten. Das einstige Feld ist ein wahres Schlachtfeld, zerfetzt und zerbombt. Viele seiner Kameraden, ob Milchmann, Händler oder Künstler, sind gefallen und Nachschub kommt nur begrenzt. Trotzdem gilt es, die Stellung bis zum letzten Atemzug zu halten. Und zu all dem Übel tobt nicht nur ein Grabenkrieg zwischen den Deutschen und den Briten, sondern auch zwischen den im Feld Verantwortlichen. Tietjens weigert sich, sein Leben und das der anderen in die Hände seines sturztrunkenen Vorgesetzten zu legen. Als er beabsichtigt, die Leitung als stellvertretender Kommandeur zu übernehmen, tritt ihm Mißgunst und Neid von einem Kontrahenten entgegen. Es kommt zum Machtkampf.

Aber mit Kriegsende ist für Christopher Tietjens der Kampf nicht zu Ende. Sein Feind ist nun die Gesellschaft mit ihrer Pseudomoral. Man hat ihn um sein Vermögen gebracht, seine Frau hat für seinen Kriegseinsatz gesorgt und währenddessen das Haus geplündert, er ist verarmt und von den "oberen Zehntausend" verstoßen. Er liebt Valentine, die Tochter seines Freundes und gilt als charakterloser Verführer der jungen Frau.

Durch seine Hauptfigur, Christopher Tietjens, lenkt Ford Madox Ford den Blick auf den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs und auf den Zerfall einer gesellschaftlichen Ordnung. Die Liebenden, Tietjens und Valentine Wannop, symbolisieren den Versuch eines Neubeginns. Mit Tietjens zeigt der Autor einen Blick in das durch Krieg verursachte Leiden der menschlichen Seele.

Der Blick auf diejenigen, die für diesen militärischen Fanatismus verantwortlich sind, kommt aber zu kurz. Fords Figuren berühren zu wenig. Sie nehmen den Leser nicht mit auf das Schlachtfeld, nicht mit auf die jubelnde Straße am Tag des Waffenstillstandes, nicht mit in das Gefühl der sich Liebenden. Es fehlt die Lebendigkeit, teilweise hervorgerufen durch den Wechsel der Erzählperspektive in die Zweite Person, und dem Leser gelingt es nicht, in die Atmosphäre der matschigen Schützengräben, der Verletzten und Verstümmelten, der Gefangenen, letztlich der Angst und der Liebe einzutauchen. Das Blut, die schweren Feuer und die Schmerzen, der Zusammenbruch einer ganzen europäischen Ordnung sind kaum spürbar.
Dies ist schade, mindert aber das Werk keinesfalls. Trotzdem ist es eine inhaltlich lohnende Lektüre. Die Prosa ist klar und farbig und das Bild Christopher Tietjens ist nicht nur eine Identitätsstudie eines fast wahnsinnig gewordenen Soldaten, sondern ein umfassendes Porträt über den Ersten Weltkrieg und ein Zeugnis des Wandels.

Der Mann, der aufrecht blieb
Ford Madox Ford

Der Mann, der aufrecht blieb


Eichborn 2006
310 Seiten, gebunden
EAN 978-3821807126
aus dem Englischen von Joachim Utz

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