Literatur

Der deutsche Bankier

Hermann Josef Abs war der mächtigste deutsche Bankier des letzten Jahrhunderts. Vom Kaiserreich bis zur deutschen Wiedervereinigung bestimmte er die Politik maßgeblich mit. Eine neue Biographie zeichnet sein eindrucksvolles Leben nach.

"Mein Name ist Abs. A wie Abs, B wie Abs und S wie Abs." Wohl kaum ein anderer Satz kennzeichnet Hermann Josef Abs so treffend. Der ohne Zweifel einflussreichste deutsche Bankier spaltet bis heute. Geschäftstüchtig und zutiefst honorig, arbeitswütig, ja geradezu besessen bezeichnen ihn seine Verehrer. Selbstbewusst bis zur Arroganz, machtgierig und ein rücksichtslos die Interessen des Großkapitals vertretender Superkapitalist, so sehen ihn die zahlreichen Kritiker auch zehn Jahre nach seinem Tod.

Auf jeden Fall hat der Sohn eines Bonner Beamten die Geschicke von Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Zeit und der Bundesrepublik in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen geprägt wie kaum ein anderer. Lothar Gall versucht in seinem neuen Buch, den Bankier und den Menschen Abs darzustellen.

Jüngster Vorstand aller Zeiten

Abs entschied sich bereits früh, entgegen aller Ratschläge, für eine kaufmännische Ausbildung. Dank ungewöhnlich hoher Auffassungsgabe und regelrechter Arbeitswut schließt er daran ein Studium der Rechtwissenschaft an. Sein beruflicher Aufstieg verläuft nach einigen Praxisjahren im Ausland geradezu kometenhaft. Bereits in jungen Jahren wird er Teilhaber der renommierten Privatbank Delbrück, Schickler & Co., mit nicht einmal 30 Jahren zählt er zur Elite der deutschen Bankiers, verdient Mitte der 30-iger Jahre die damals märchenhafte Summe von 650.000 Mark jährlich.

1938 ereilt ihn der Ruf der größten Bank im Land, der Deutschen Bank. Abs wird ihr jüngster Vorstand aller Zeiten. Mit Ausnahme einiger Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wird er für Jahrzehnte in leitender Position für das größte deutsche Geldhaus tätig sein.

Erfolgreich unter den Nazis und Kontakte zum Widerstand

Für immer umstritten ist seine Tätigkeit im Dritten Reich. Als führender Bankier ist Abs für die Nazis von großer Bedeutung. Er organisiert die Übernahmen ehemaliger jüdischer Firmen im Zuge der Enteignungen. Nach Beginn des Krieges ist er vor allem im Südosteuropa-Geschäft tätig.

Außerdem vertritt er die Deutsche Bank im Aufsichtsrat der I.G. Farben. Nach dem Krieg wird er im Auschwitz-Prozess als Zeuge gehört. Gall vertritt die Auffassung, dass Abs von den Gräueltaten an jüdischen Sklavenarbeitern wusste, ohne jedoch über Einflussmöglichkeiten zu verfügen.

Abs selbst bekennt sich zu den Verbrechen im NS-Staat. Ihm wird seitens ehemaliger (jüdischer) Geschäftspartner und Treuhänder auch in der Nazi-Zeit immer einwandfreies Verhalten bescheinigt. Im positiven Sinne eines Bankiers hatte er sich um die Vermögen seiner Kunden und Partner verdient gemacht. Auch gegen den nachweislichen Widerstand der Nazis nahm er die Interessen geflohener deutscher Unternehmer wahr.

Außerdem unterhielt er - zumindest lose - Verbindungen zur Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises, ohne diese jedoch offen zu unterstützen oder sich gar gegen Hitler zu stellen. Gall bleibt an dieser Stelle in seiner Bewertung wohlmeinend distanziert. Für ihn war Abs im Dritten Reich kein Unterstützer des Nazi-Systems, wohl aber Geschäftsmann im Interesse seiner Kunden.

Adenauers rechte Hand

Nach 1945 wird Abs mit einem vorläufigen Berufsverbot belegt. Seine Konten werden eingefroren, sein Handlungsradius beschränkt. Trotzdem bleibt der Bankier aktiv, vor allem als Analyst und Architekt der bundesdeutschen Finanzpolitik. Nach erfolgter Entnazifizierung wird Abs erster Vorstandsvorsitzender der neu gegründeten Kreditanstalt für Wiederaufbau. Wichtigste Aufgabe ist die Allokation der Mittel aus dem Marshall-Plan beim Wiederaufbau.

Schnell ist klar, dass der Bankier Abs und Bundeskanzler Adenauer in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen auf einer Wellenlänge liegen. Abs wird zu einem seiner engsten Berater. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass man Abs die Delegationsleitung bei Verhandlungen zum Londoner Schuldenabkommen überträgt. Er ist damit maßgeblich an der Regelung der Schulden und Nachfolgeverpflichtungen des Dritten Reichs beteiligt.

Mehrfache Versuche, ihn zur Übernahme eines Ministeramtes im Kabinett zu bewegen, scheitern. Mal will Abs seine Unabhängigkeit wahren, mal treibt Adenauer seine berühmt-berüchtigten Personalspiele mit allen Seiten. Abs wird von Adenauer als potentieller Finanzminister gegen die Amtsinhaber in Stellung gebracht. Allerdings wird nie deutlich, ob der Kanzler sein Kabinett wirklich mit Abs umbilden will. Abs lehnt alle Angebote und Andeutungen daher ab.

Sprecher der Deutschland-AG

Die wahre Bestimmung von Hermann Josef Abs ist das Bankgeschäft. Auf Grund seiner Biographie und Stellung ist es nur folgerichtig, dass er 1957 den Posten des Vorstandssprechers der wieder gegründeten Deutschen Bank übernimmt. In den folgenden zwei Jahrzehnten zählt er als Vorstands- und späterer Aufsichtsratsvorsitzender zu den zentralen Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft. Als Mitglied in zahlreichen Vorständen, Aufsichts- und Verwaltungsräten ist es fast unmöglich, grundlegende wirtschaftliche Entscheidungen gegen seinen Willen zu fällen. Abs sitzt in mehr als 20 Gremien, er ist in nahezu allen maßgeblichen Unternehmen oder Institutionen mit Sitz und Stimme vertreten. Seine politischen Kontakte sind legendär.

Die Vielzahl seiner Mandate und Aufgaben hat Abs bis zum Lebensende inne. Auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Geschäft 1976 bleibt er als Ratgeber gefragt. Zudem wird der Bankier zum Mäzen. Selber reich geworden, ist Abs zum bedeutenden Kunstkenner und -sammler geworden. Auch wenn er seine persönlichen Seiten Zeit seines Lebens unter Verschluss hält - niemand, auch Gall, konnte je eruieren, wie groß sein Vermögen tatsächlich war - engagiert er sich in großem Umfang in der Kunst. Außerdem ist der bekennende Katholik Abs für die Kirche und den Heiligen Stuhl aktiv.

Ein bedeutendes, ein widersprüchliches Leben

Lothar Gall ist ohne Zweifel eine große Biographie gelungen. Auch wenn der Mensch Abs dem Leser wie dem Biographen ziemlich verschlossen bleibt, so zeichnet der Autor ein vielseitiges Portrait. Gelegentlich zu detailliert bemüht Gall sich, die kleinsten Entscheidungen aufzuzeigen. Lesern ohne gründliche Vorkenntnisse wird die Lektüre dadurch nicht erleichtert. Aber ein Gewinn ist sie immer.

Letztlich wird Hermann Josef Abs sicher auch weiterhin umstritten bleiben. Der Qualität des Buches tut das keinen Abbruch. Auf Jahre hinaus ein Standardwerk!

Der Bankier - Hermann Josef Abs
Lothar Gall

Der Bankier - Hermann Josef Abs


Eine Biographie
Beck 2004
526 Seiten, gebunden
EAN 978-3406521959

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