Der Zauberberg Eine intellektuelle Ruine, von einem Luderleben zerstört
„Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, – nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Mann in ihm kennenlernen), sondern um der Geschichte willen, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gunsten denn doch erinnert werden sollte, dass es seine Geschichte ist, und dass nicht jedem jede Geschichte passiert): diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen." So beginnt Thomas Manns Roman Der Zauberberg.
Ob ein heute debütierender Autor mit der Geschichte Hans Castorps, auf über tausend Seiten ausgebreitet und durch das oben zitierte Satzungetüm eingeleitet, auch heute noch erfolgreich wäre? Immerhin, Uwe Tellkamps Der Turm, dessen Eröffnungssatz hier wiederzugeben den Rahmen einer Rezension wie auch das Zeitbudget der werten Leserschaft sprengen würde, die, begänne sie frühmorgens mit dessen Lektüre, sich anschließend gezwungen sähe, sämtliche Nachmittagstermine verschieben zu müssen, wurde noch im Jahr der Veröffentlichung mit dem Deutschen Buchpreis belohnt; obwohl – oder weil? – die Tausendseitenmarke knapp verfehlt wurde.
Thomas Mann, sei hier noch angemerkt, erhielt sogar den Nobelpreis. Dies jedoch erst 1929; allerdings nicht für den Zauberberg, sondern für eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienene, im Vergleich zu des Autors Lieblingswerk banale Familiensaga. Jedenfalls war Thomas Mann dieser Meinung und in der Folge recht betrübt: nicht der Falsche hatte die begehrteste aller Literaturauszeichnungen gewonnen, sondern schon der Richtige – aber für das falsche Werk!
Zu allem Überfluss hatte sich Mann mit einem anderen deutschen Nobelpreisträger angelegt. Das Zerwürfnis mit Gerhart Hauptmann liegt im Zauberberg begründet. Pieter Peeperkorn, Hauptmanns Alter Ego im Roman, übernimmt nach seiner Ankunft im Sanatorium oberhalb Davos sofort das Kommando der illustren Gästeschar. Und das alles kraft natürlicher Autorität: Peeperkorn weiß die Damen zu betören und die Herren zu faszinieren. Dazu trinkt er jede Menge Alkohol. Allmählich jedoch setzt die Entzauberung ein.
Peeperkorns gewichtig erscheinenden, wohlklingenden Worte werden bisweilen als hohle Phrase entlarvt. Ein Beispiel? „Gut, meine Herren", lässt Mann seinen Hauptmann, die Hand beschwörend erhebend, sagen, „perfekt, vortrefflich! Die Askese – die Indulgenz – die Sinnenlust – Ich möchte das – Durchaus! Höchst wichtig! Höchst strittig! Allein erlauben Sie mir – Ich fürchte, wir machen uns eines schweren – Wir entziehen uns in unverantwortlicher Weise den heiligsten –", um ihn dann, tief atmend, abbrechen zu lassen: „Diese Luft, meine Herrschaften, die charaktervolle Föhnluft dieses Tages, mit ihrem zart entnervenden, ahnungs- und erinnerungsvollen Einschlag von Frühlingsaroma – wir sollten sie nicht einatmen, um sie in Form von – Ich bitte dringend: wir sollten das nicht." Nie waren Wortfüllsel obsoleter, und nie wieder sollten sie so kunstvoll eingesetzt werden.
Viel Luft um nichts also, merkte bald auch der Leser Hauptmann, und der alte Nobelpreisträger war dem jungen Nochnichtnachfolger (zwischen Veröffentlichung des Zauberberg und Nobelpreisvergabe lagen auch noch mal fünf Jahre), den er zuvor protegiert hatte und der im selben Verlag (Fischer) schrieb, ernstlich gram. Dem gemeinsamen Verleger schrieb Hauptmann: „Einem Säufer, einer intellektuellen Ruine, von einem Luderleben zerstört, behaftet mit Goldsäcken und Quartanfieber, zieht Thomas Mann meine Kleider an." Die Ähnlichkeit schien Hauptmann unübersehbar: „Ich trage, wie Peeperkorn, Wollhemden, Gehrock, eine Weste, die bis zum Halse geschlossen ist."
Und wie reagierte Thomas Mann? Dem Entlarvten war sein Affront bewusst und, durchaus!, auch peinlich. Dennoch wollte der ehrgeizige Mann auf seine trefflich gezeichnete Figur nicht verzichten. Gegen Ende lässt der Autor seinen Hauptmann sogar sterben, an einer fatalen Kombination von Malaria und Alkoholismus, die selbst einen Peeperkorn übermannt. Noch im Roman kommt eine halbgare Entschuldigung daher: „Wir waren Duzfreunde", legt Mann seinem autobiografische Züge tragenden Titelhelden Hans Castorp in den Mund, „Ich schäme mich in tiefster Seele, dass ich mich dessen schämte vor den Leuten und Umschweife gebrauchte." Echte Reue sieht anders aus.
Später entschuldigte sich Thomas Mann in einem Brief und bat um Verzeihung. Gerhart Hauptmann, immer noch tief gekränkt, gewährte sie ihm schließlich zähneknirschend. Da hatte Mann in puncto Nobelpreis bereits gleichgezogen. Betreffend den Gehalt an der Psyche nagender Ressentiments dürften beide Schriftsteller ebenfalls auf ähnlichem Niveau gelegen haben.
Wer Thomas Mann neu (oder auch erstmalig) erleben möchte, wird bei Reclam fündig. Der Verlag, der immer mal wieder auch Klassiker herausbringt, hat das Meister-, wenn auch nicht Nobelpreiswerk neu aufgelegt; in einer exklusiv ausgestatteten, illustrierten Ausgabe mit dreifarbigem Druck, farbigem Vorsatzpapier, Fadenheftung und Lesebändchen. So viel ästhetischer Anspruch und hochwertige Buchqualität sollten über den Einstiegssatz hinweghelfen; denn der Text ist, was sich ja auch so gehört, in der Originalsprache gedruckt: 1006 Seiten in moderner, sehr leserfreundlicher Typografie.
Alle Rezensionen von Ralf Höller