Der Wahrheit auf der Spur Ein Bote der Freude erinnert sich
Walter Kasper gehört mit Joseph Ratzinger und Karl Rahner zu den öffentlich bekanntesten katholischen Theologen aus Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Johannes Paul II. ernannte den renommierten Tübinger Theologieprofessor Kasper, der, wie er in den neu erschienenen Lebenserinnerungen mehrfach betont, immer nur Pfarrer hatte werden wollen, 1989 zum Bischof von Rottenburg-Stuttgart und berief ihn 2001 zum Präfekten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen nach Rom. Dass er damals kaum Italienisch sprach, hielt der Pontifex nicht für ein Hindernis. Bis heute lebt der mittlerweile 93 Jahre alte Kardinal in Rom, schreibt unermüdlich und hegt weithin beachtete Gedanken zu Theologie und Ökumene.
Kasper erzählt lebhaft und anregend in diesem Buch aus seinem Leben, memoriert Episoden der Kindheit im Dritten Reich und Zweiten Weltkrieg, zeigt in der Rückschau eine aufmerksame Wahrnehmung für krisenhafte Symptome in Theologie und Kirche, zugleich eine enge persönliche Bindung an das geistige und geistliche Leben auf die Weggemeinschaft des Glaubens. Hoffnungsfroh muten seine Schilderungen oft an, mitunter reichlich versetzt mit bildhaften Vergleichen, nicht anders als in seinen herausragenden, weithin gelesenen theologischen Arbeiten.
Walter Kasper berichtet von seinem bleibenden Staunen über Gott und beschreibt den Wegcharakter des Glaubens und auch der Theologie, die eines „prophetischen Charismas" bedürfe, zugleich ebenso der Bodenständigkeit und Erdung. Vom Evangelium darf sich die Theologie nie lösen, ebenso sollte sich der katholische Theologe nicht in kritischer Distanz zum Glauben der Kirche stellen. Kasper versteht die Theologie als Hoffnungsbotschaft, die gleichwohl auch um das „Schweigen Gottes" wisse, um die Sehnsüchte der Menschen, ebenso um Fragen und auch Zweifel.
Er berichtet von der Kirche, in und mit der er aufwuchs, die als „vorkonziliare Volkskirche" für ihn eine „normale Lebenswelt" darstellte und gleichzeitig die „Alternativwelt zur Nazi-Unkultur" bot. Wer Kirche erlebt hat, auch zu späteren Zeiten, wird darin vielleicht etwas von sich und für sich wiederentdecken, nämlich dass die Kirche, durch die Ausstrahlung und Wirklichkeit von Lebensfreundlichkeit, Güte und Schönheit, für viele Gläubige stets ein Gegengewicht zu Institutionen, wie etwa der Schule, oder zu wechselvollen gesellschaftlichen Zeitumständen bot. Der „sonntägliche Kirchgang" war darum nicht ein mühseliges Exerzitium, sondern ein Anlass der Freude. Kasper schreibt: „Das Leben während des Krieges und in den noch schweren Nachkriegsjahren war im Vergleich zu heute sehr einfach und bescheiden. Dennoch bin ich bis heute dankbar, schon früh gelernt zu haben, dass man auch mit weniger, als heute den meisten selbstverständlich ist, auskommen und eine glückliche Kindheit und Jugend erleben kann. Was im Zusammenbruch aller Ordnungen Halt gab, war der Zusammenhalt und die Geborgenheit in der Familie sowie die Verankerung im kirchlichen Leben."
In Kaspers Schilderungen herrscht nicht eine nostalgische Verklärung vor, sondern die aufrichtige Dankbarkeit für die Wegbegleiter seines Lebens. Aufklärerisch sich dünkende Zeitgenossen mögen diesen Lebensbericht als konservativ bezeichnen oder gar stigmatisieren, verkennen dabei aber, dass die erfahrene Wirklichkeit, auch und gerade im Leben in und mit der Kirche, nicht mit als progressiv titulierten Theorien übereinstimmt. Die Nachkriegszeit sei auch, so Kasper – anders als heute angenommen –, „nicht so verklemmt" gewesen. Er erinnert sich auch an eine Begegnung mit Pius XII. bei seiner ersten Romfahrt im Jahr 1952. Undenkbar sei ein kritisches Wort über den Papst gewesen. Pius XII. stand „in höchstem Ansehen", nicht nur unter Katholiken: „Als der Papst den Raum betrat, in dem wir auf ihn warteten, erschien mir das wie eine Epiphanie. Die Begegnung selbst verlief sehr schlicht."
Walter Kasper sieht sich, bei aller Sympathie für die Moderne, als traditionell orientierten Gläubigen, für den Tradition aber nicht eine „starre Weitergabe von Glaubenssätzen" bedeute, sondern Weltoffenheit impliziere und als „lebendiger Prozess" zu verstehen sei. Die Kirche also ist für ihn kein abendländisches Museum der Kulturgeschichte. Der ehemalige wissenschaftliche Assistent von Hans Küng, von dessen polemischer Rhetorik und schneidigen Thesen er sich distanziert, erkennt rückblickend die problematischen Positionen des prominenten Kollegen, der sich immer mehr im Widerspruch zur römischen Kirche bewegte und darin verblieb. Kasper zeichnet die Päpste seines Lebens mit großer Sympathie, verschweigt nicht, dass er etwa auch an Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., Kritik übte, dies aber in Treue und steter Loyalität. Dieser habe deutlich den „Nebel der Ungewissheit" erkannt und das Credo nicht als „abstraktes Lehrkonzept" verstanden: „Sein Anliegen war es, den christlichen Glauben als Ermöglichung wahren Menschseins in der heutigen Welt zu verstehen, ohne ihn in ein Gerede umzumünzen, das nur mühsam eine völlige geistige Leere verdeckt." Ratzinger habe, so Kasper, nach seiner Auffassung zu selten über das Positive gesprochen, sei aber nie ein „Panzerkardinal", sondern ein „sehr differenzierter Denker" gewesen.
Walter Kaspers Herz schlägt in besonderer Weise für die Ökumene, für das Gespräch unter den christlichen Kirchen, aber nicht weniger für den Austausch mit anderen Religionsgemeinschaften, besonders mit dem Judentum. So lag es auch nahe, dass er in das kuriale Amt berufen wurde, um als erfahrener, gelehrter und spiritueller Ökumeniker dort Dienst zu tun, eine fruchtbare, segensreiche Zeit, an die er gern zurückdenkt, auf die „Einheit der Kirche" ausgerichtet, nicht auf eine „Einheitskirche".
Der Kardinal wirbt für die Evangelisierung, für die Verkündigung der Freude und sieht demgegenüber die Vorbehalte in Deutschland. Dort werde Evangelisierung mit „Indoktrination" verwechselt und übersehen, dass das „Evangelium und damit der Inhalt des christlichen Glaubens überzeugend und befreiend ist". Die Kirche begreift er darum zuerst nicht als Diskurs-, sondern als „Glaubens- und Hoffnungsgemeinschaft", die gerade in einer Zeit des wachsenden Individualismus „über den Tellerrand der eigenen Pfarrei und Diözese hinaus in die weltweite Gemeinschaft der Glaubenden" eingebettet ist und überall für den „gerechten Frieden" werben kann. Das „Haus der Theologie" müsse dabei in allem auf Jesus Christus gegründet sein. Wer Kardinal Walter Kaspers reichhaltiges, anregendes Buch zur Hand nimmt, lernt, die katholische Kirche in Geschichte und Gegenwart von innen heraus besser zu verstehen.
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