Gabriele von Arnim: Der Trost der Schönheit

Facetten der Schönheit neu entdecken

Empfindsamkeit hat viele Facetten. Sich berühren zu lassen – das ist für das menschliche Leben unverzichtbar. Die Publizistin Gabriele von Arnim lobt die Sensibilität und erinnert sich an die harte Schule der Distanz, in der Emotionen möglichst auf Abstand gehalten oder verdrängt wurden und wagt sich, seelisch verwundet, neu hinaus ins Offene. Sie entdeckt die Schönheit, ihren beständigen, wenn auch fragilen Trost.

Dieses Buch verbindet philosophische Reisenotizen mit einer Art Spurensuche, in der die Sinnfrage aufscheint und trotz zahlreicher Bildungszitate von bekannten Denkern der Geistes- und Kulturgeschichte und prominenten zeitgenössischen Autoren wie Harald Welzer erfreulicherweise die ungeniert subjektive Zugangsweise der Verfasserin überwiegt. Gabriele von Arnim sucht und findet den titelgebenden Trost der Schönheit in der "Zeit des fahlen Lichts": "Schönheit ist die kleine Glut, das kleine Entzücken, das große Gebrause, Schönheit ist aber auch der Stich ins Herz. Und immer wieder die Zuflucht, die ich brauche – ein Blick, ein Stein, eine Rose, ein Wolkengarten. Die zärtliche Abendsonne im Nacken." Die Schönheit liege in "kleinen Gesten", ob im Lächeln eines Jungen oder in einem Tulpenstrauß, und sie sei auch die "Verteidigung der eigenen kleinen Wirklichkeit" gegen die Wirklichkeit dieser Welt.

"Manchmal genügt ein Biss in die Krokantschokolade mit Meersalz."

Die Autorin spricht von Ängsten, etwa von boshafter Radikalisierung und Menschenverachtung, von der "Waffensucht", von Rassisten und Sexisten, von "zynischen Machtspielen", Rücksicht- und Verantwortungslosigkeit. Sie bekennt sich zu ihrer eigenen Schwäche und zu ihrer Sehnsucht nach "quecksilbrigen Gefühlen": "Manchmal genügt ein Biss in die Krokantschokolade mit Meersalz." Von Worten träumt sie, die Türen wieder öffnen können, und schreibt: "Der Trost der Schönheit ist vielleicht Eskapismus, ist aber ganz gewiss auch notwendiger Selbsterhalt. Darüber zu schreiben: ein Abenteuer. Als male man Sätze in den Sand, obgleich ein Sturm sich nähert und gleich alle Buchstaben verwehen wird. Man kann Schönheit nicht sehen, hören oder lesen, ohne Verheißung zu spüren und zugleich um ihre und die eigene Vergänglichkeit zu wissen."

Gabriele von Arnim erwähnt die Signaturen der Zeit, Putins Krieg gegen die Ukraine, die alltäglich gewordene Apokalypse im Osten Europas, ebenso die Covid-19-Pandemie und die schmelzenden Gletscher. Es scheint, als seien wir im Herzen Europas von Katastrophen umgeben. Von Arnim appelliert: "Auch und gerade jetzt gilt es, Schönheit zu suchen und zuzulassen in unserem Leben, obgleich wenige Kilometer entfernt alles zerstört wird, was lebendige Schönheit ausmacht. Es ist die Zeit, Schönheit zu gestalten, zu empfinden und zu teilen, um eine Balance herzustellen zwischen Erstarrung und Lebenskraft, zwischen der einen Wahrheit und der anderen, um zu helfen, die Welt ein bisschen zu heilen. Als kleiner Mensch in einer kleinen Nussschale, unterwegs auf dem rauen, großen Wirklichkeitsmeer." Ein wenig pathetisch äußert sich die Autorin, doch in bester tröstender Absicht, denn auch die Hoffnungszeichen – wie "berstende Knospen" im Frühling – sind ja Teil der Wirklichkeit und entstammen nicht einer schöpferischen Fantasie. Gabriele von Arnim wünscht sich, dass die Sehnsüchte fortdauern und über "traurige Wirren" hinweghelfen.

Mancher Leser mag vielleicht auch an die eigene spröde Kinder- und Jugendzeit zurückdenken, in der schulmeisterliche Pedanterie den Geschmack daran verdarb, sich an der Welt zu freuen und sinnenreich den Garten der Kunst zu entdecken oder einfach das naturhafte Paradies vor der Haustür anzuschauen.

Die Schönheit gilt es wieder zu entdecken, denkend und staunend ihr nachzuspüren, eine Schönheit, "die uns aufbricht, wenn wir sie empfinden, die Zärtlichkeit in uns weckt, vielleicht sogar den Mut zu lieben, die uns dankbar und still werden lässt". Schönheit entdeckt die Autorin in den Farben von Flora und Fauna: "Ich sehe die blauschimmernde Libelle, wenn sie schwebt über dem sommerstillen See, oder den kleinen Rhododendronstrauch auf dem Grab meines Mannes, Schönheit, die tröstet, ist mal sanft, mal impulsiv, mal triumphierend, mal bescheiden." Sie denkt zurück an ihre Kindheit und Jugend, in der "nicht gesehen, nicht gestaunt und nicht phantasiert" wurde. Mancher Leser mag vielleicht auch an die eigene spröde Kinder- und Jugendzeit zurückdenken, in der schulmeisterliche Pedanterie den Geschmack daran verdarb, sich an der Welt zu freuen und sinnenreich den Garten der Kunst zu entdecken oder einfach das naturhafte Paradies vor der Haustür anzuschauen.

Inmitten von bisweilen zu sehr bildungsreichen Wendungen, etwa über Dostojewskij, oder zeitgebundenen, wiederkehrenden Betrachtungen über die Corona-Jahre, finden sich Gedanken wie diese: "Vielleicht ist auch das eines der Geheimnisse der Schönheit: Wenn man lange und langsam schaut, gerät man in eine kleine – der Zeit enteilende – Trance. Es lösen sich anerzogene Erstarrungen wie Schuppen von ausgetrockneter Haut, zerstauben. Und es bleibt ein sanftes Innen, ein zarter Sinn. Auf einmal setzt sich ein scheues Lächeln ins Gesicht, das sich ganz allmählich selbstbewusst ausbreitet, vom Kinn über die Wangen und Augen bis zur Stirn."

Gabriele von Arnim öffnet sicherlich vielen Leserinnen und Lesern mit ihrem ermutigenden Buch neu den Sinn für Schönheit im Leben. So lässt sich ihr Buch durchaus vergleichen mit den Darlegungen des spätantiken Philosophen Boethius, der über den "Trost der Philosophie" nachgedacht hatte. Mitunter schreibt die Autorin farbenfroh, ja allzu blumig, so dass manche Überlegungen ein Gran zu gefühlsinnig anmuten. Wer sich von der Schönheit über Beschwernisse des Alltags trösten lassen möchte, findet in diesem Buch zahlreiche Anregungen, verborgene Schönheiten zu entdecken.

Der Trost der Schönheit
Der Trost der Schönheit
Eine Suche
224 Seiten, gebunden
Rowohlt 2023
EAN 978-3498003517

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